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Wochenrückblick

„Krieg ich jetzt auf die Fresse?“ Ein Kampfsportler mischt den Jahr Top Special Verlag auf

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Was passiert eigentlich, wenn ein Kampfsportler und Fitness-Coach einen Verlag auf Vordermann bringen soll? „Lobo & Poschardt“ treten in die Fußstapfen von „Augstein & Blome“. Jan Böhmermann legt sich mit der FAS an und Solingen zeigt, warum wir eine zentrale Medien-Beschwerdestelle brauchen. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Wer hätte gedacht, dass der ehrwürdige Hamburger Jahr Top Special Verlag (u.a. Kutter & Küste, Jäger, Sauen, Flieger Magazin) einmal Stoff für die skurrilste Medienmeldung der Woche liefern würde? Die Hamburger Morgenpost schreibt in ihrer Online-Ausgabe über den denkwürdigen Auftritt des Kampfsportlers Ardalan Sheikholeslami, aka „Persisches Löwenherz“, als neuen Vertrauten von Verlegerin Alexandra Jahr. Der Sportsmann machte die Verlegerin wohl als Personal Trainer fit und sollte nun selbiges für den Verlag leisten. Eine bestechende Logik! Eine Mitarbeiterversammlung Ende Juli, auf der sich das „Löwenherz“ den versammelten Mitarbeitern vorstellte, lief dann laut Mopo freilich nicht ganz rund. Fragen nach seinem teuren Dienstwagen habe Herr Sheikholeslami gar nicht gerne gehört, ebensowenig die abwegige Erkundigung von Seiten der Mitarbeiter, was ihn als Kampfsportler zum Führen eines Special-Interest-Verlages befähige (Zitat laut Mopo: „Ich bin spezialisiert auf Führung …“). Lucas von Bothmer, Chefredakteur der Zeitschrift Jäger, warf dem neuen Mann an der Spitze laut dem Artikel gar „Gestapo-Methoden“ vor, worauf das Löwenherz aufgesprungen sei und von Bothmer gesagt habe: „Krieg ich jetzt auf die Fresse?“ Die Mopo schreibt, dass sie ein Ton-Dokument der Sitzung besitze. Mittlerweile ist von Bothmer wohl nicht mehr Jäger-Chefredakteur.

Kampfsportler und Fitness-Trainer als Verlagsmanager … vielleicht eine Idee mit Zukunft. Verlage mit Bedarf können sich ja mal erkundigen, ob Detlef „D“ Soost noch ein paar Termine frei hat.

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Krasser Themenwechsel: Eine Mutter tötete in Solingen fünf ihrer Kinder, dann wollte sie sich vor den Augen des sechsten Kindes umbringen, indem sie sich vor einen Zug warf. Sie überlebte allerdings. Die schreckliche Geschichte wurde natürlich auch von Boulevardmedien aufgegriffen. Wirklich massive Kritik gab es an der Berichterstattung der Bild, die aus einem WhatsApp-Chat zwischen dem überlebenden Sohn und einem Freund zitierte und den Freund auch befragte (in Gegenwart und mit Einverständnis der Mutter, wie es hieß). Praktisch das Gleiche machte RTL in seiner Berichterstattung. Sowohl Bild als auch RTL haben nach Kritik und Anfragen die jeweiligen Berichte depubliziert. Man fragt sich aber natürlich schon, ob nicht auch Boulevard-Redaktionen im Jahr 2020 weiter sein sollten, als solche eine beschämende und instinktlose Berichterstattung zu betreiben. Zahlreiche Beschwerden beim Presserat wegen der Bild-Berichterstattung sind schon eingegangen. Für Beschwerden gegen RTL ist die jeweilige Landesmedienanstalt zuständig. Hier sind laut Berichten einige wenige Beschwerden eingegangen, was sicher auch daran liegt, dass RTL nicht so im Fokus der Kritik stand wie Bild, was die Berichterstattung des Senders nicht weniger verwerflich macht. Der Medienjournalist Daniel Bouhs hat in diesem Zusammenhang dafür plädiert, eine zentrale und gut sichtbare Beschwerdestelle für alle Medien, egal ob Print, Digital, Hörfunk oder TV, einzurichten. Ich kann der Forderung des Kollegen nur zustimmen.

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Nachdem „Augstein & Blome“ als Phoenix-Format Geschichte sind, weil sich Nikolaus Blome nunmehr beim RTL verdingt, wie wäre es mit „Lobo & Poschardt“? Publizist Sascha Lobo hat sich ein kleinkariertes Sakko angelegt und ist über seinen Schatten auf das Dach des nagelneuen, an einen Borg-Würfel gemahnenden, Springer-Kubus in der Hauptstadt gesprungen. Dort, auf der weitläufige Dachterrasse, stellte er sich dem Streitgespräch mit seinem „Freund“ (O-Ton Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt). Es ging im Wesentlichen um „Cancel-Culture“ und linke wie rechte Filterblasen. Wirklich einig wurden sich die beiden Freunde nicht und so richtig tief in die Augen schauen mochten sie sich auch nicht beim Debattieren. Aber Konsens wird laut Herrn Lobo ja eh überbewertet. Genügend Zunder für ein regelmäßiges Format lag jedenfalls in der Luft.

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Stichwort „Cancel-Culture“. Um selbige ging es auch in einem Interview, das Jan Böhmermann der FAS anlässlich der Veröffentlichung seines Twitter-Tagebuchs „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ gab. Das Interview wurde dann selbst gecancelt. laut Böhmermann hat FAZ-Feuilleton-Herausgeber Jürgen Kaube die Veröffentlichung kurz vor Druck verhindert, was Böhmermann wiederum auf Twitter (natürlich) veröffentlichte. Und nicht nur dass, er veröffentlichte auf Twitter (natürlich) im Folgenden auch noch das komplette Interview. Das Gespräch ist ein typische Buch-PR-Interview ohne besondere High- oder Lowlights. Warum hat Kaube das Teil nicht im Blatt haben wollen? Ein Twitter-Nutzer spekuliert, er könnte sich von Böhmermann veralbert gefühlt haben, weil der im Interview ständig von Hegel daherredet und Kaube selbst gerade ein Hegel-Buch veröffentlicht hat („Hegels Welt“). Andere meinen, der Publikations-Stopp liege daran, dass kurz zuvor die SZ ein eher serviles Böhmermann-Promo-Interview veröffentlicht habe. Wie auch immer. Die FAZ tut, was sie in solchen Fällen zu tun pflegt: Sie schweigt. Und Jan Böhmermann freut sich vermutlich über allerfeinste PR für seine ausgedruckten Twittereien.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier auch über Böhmermann. Aber auch über „Das Sommerhaus der Stars“, den Fall Solingen und die nicht erfolgte Presseratsrüge für die taz-Kolumne „All Cops are berufsunfähig“. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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