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Gastbeitrag

Warum Gendern sinnlos ist

Unser Gastautor Thomas Nötting verzichtet auf das Gendersternchen – Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Gendern mag gut gemeint sein – ist aber nur Gesinnungs-Posing ohne jeden Effekt. Das einzige Resultat ist ein gewaltiger Sprach-Flurschaden. Ein Gastbeitrag von Thomas Nötting

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Liebe Kollegen,

bereits in dieser Anrede steckt Sprengstoff. Ich schreibe nicht „liebe Kolleginnen und Kollegen“ und auch nicht „liebe Kolleg*innen“. Ich verwende den Plural – und meine damit alle Menschen, die wie ich beruflich mit Sprache und Texten zu tun haben. Ich meine damit selbstverständlich Frauen und Männer.

Mir ist bewusst, dass ich mich damit zunehmend auf dünnem Eis bewege. Der Druck zum „Gendern“ steigt – im Journalismus und in der öffentlichen Kommunikation. Als Sternchen-Verweigerer wird man schnell in die Ecke alter weißer Männer und gestriger Patriarchen abgeschoben.

Ich mag zwar ein nicht mehr ganz junger weißer Mann sein. Ein Patriarch bin ich aber sicher nicht. Ich war schon immer für Quoten und gegen Sexismus. Ich teile seit Jahren viele feministische Positionen. Dennoch verweigere ich mich dem wachsenden Zwang zur Gender-Schreibe. Denn es gibt ein Gut, an dem mir ebenfalls sehr viel liegt: die deutsche Sprache. 

Liebe Kolleginnen, die ihr euch von meiner Anrede nicht angesprochen fühlt, liebe Gender-Fans, ich verstehe euer Anliegen. Ihr wollt das Richtige – aber ihr seid leider auf dem falschen Weg. Mit künstlichem Herumdoktern an der Sprache ist in der Geschichte der Menschheit nämlich noch nie gesellschaftliche Realität verändert worden. 

Thomas Nötting ist PR-Berater und Autor in München.

Das zentrale Argument der Gender-Befürworter lautet: Sprache prägt das Bewusstsein. Deshalb sollte die Sprache von ihren patriarchalischen Erblasten befreit werden. Mit dem geschlechtsneutralen Sternchen-Plural werde die Botschaft endlich auch in den Köpfen ankommen. Ein schöner Gedanke – nur leider falsch.

Es ist genau umgekehrt. Das Bewusstsein prägt und verändert die Sprache. Das war schon immer so. Ein Beispiel: Würde ich euch heute, liebe Leserinnen, als „Weiber“ bezeichnen, wäre das eine grobe Beleidigung. Vor 800 Jahren dagegen hätte es keine Frau gestört, „wîp“ genannt zu werden. Dies war das mittelhochdeutsche Wort für den heutigen Begriff „Frau“. Die Bezeichnung „vrouwe“ war damals allein den adligen Damen vorbehalten. In den kommenden Jahrhunderten eroberte das Bürgertum mehr Macht und Einfluss – und in diesem Zuge auch das Wort „Frau“ für sich selbst. Es war also die Veränderung der gesellschaftlichen Realität, welche die Sprache neu geprägt hat. Das Wort ist gleichgeblieben, seine Bedeutung aber hat sich gewandelt.

Die Gender-Linguisten verweisen gern auf andere Sprachen mit vermeintlich frauenfreundlicherer Grammatik. So kennt zum Beispiel das Englische nur einen Plural. Studien sollen belegen, dass dieser neutrale Plural auch zu einem gender-gerechteren Bild in den Köpfen der englischsprachigen Sprecher führt. Wenn im Englischen also von „journalists“ die Rede ist, denke man automatisch an Männer und Frauen. Spreche man im Deutschen dagegen von „Journalisten“, denke man eher an Männer.

Das mag noch vor 30 Jahren richtig gewesen sein. Im Jahr 2020 aber ist es das nicht mehr. Heute sind etwa die Hälfte der Menschen in diesem Beruf Frauen. So wie sich im Laufe der Geschichte die Bedeutung des Worts „Frau/frouwe“ verändert hat, wandelt sich mit dem Fortschreiten der Gleichberechtigung auch die Bedeutung des generischen Maskulinums. Niemand wird heute noch ernsthaft beim Plural „Journalisten“ an eine 50er-Jahre-Szenerie denken, in der Frauen in Redaktionen nur Kaffee kochten, tippten und stenografierten. Die gesellschaftliche Realität verändert die Sprache – nicht umgekehrt.

Nun werden Gender-Fans zu Recht einwenden, dass wir trotzdem noch nicht am Ziel sind. Um beim Beispiel des Journalismus zu bleiben – hier sind Frauen in den Chefetagen nach wie vor unterrepräsentiert. Warum also diesen Prozess nicht beschleunigen, und versuchen, mit Sprache auf das Bewusstsein der Menschen einzuwirken?

Weil es nicht funktioniert. Hätten die Anhänger der feministischen Linguistik recht, müsste sich das in Gesellschaften mit vermeintlich weniger patriarchalischem Sprach-Erbe ja irgendwie niederschlagen. Tatsächlich aber hat der genderfreundliche Plural die Geschichte Englands nicht wirklich feministischer gemacht. In Großbritannien wie in Deutschland ist das Frauenwahlrecht erst nach dem ersten Weltkrieg eingeführt – in England im übrigen auch nur ein Wahlrecht light für Frauen ab 30 Jahren. Oder das Chinesische. Es kennt nur ein Pronomen für Frauen und Männer. Aber hatte das jemals irgendeinen positiven Effekt auf die Situation der Frauen dort? Kaum. China ist in Sachen Frauenrechte bis heute einer der rückständigsten Orte auf diesem Planeten.

Wenn Journalisten, PR-Leute und Werber die Sprache künstlich verbiegen, dienen sie leider nicht der Sache der Gleichberechtigung. Sie verursachen aber einen gewaltigen Flurschaden. Sternchenplural und *innen-Formulierungen führen zu bizarren Bandwurmsätzen. Im Radio- und TV-Journalismus müssen Moderatoren skurrile Kunstpausen einlegen, wenn sie etwa von „Zuschauer“ – Pause – „innen“ sprechen. Die verzweifelten Versuche, den schlimmen Patriarchen-Plural zu umschiffen, münden in Wort-Zombi-Konstruktionen wie „Fahrzeugführende“ oder „Mitarbeitende“. Ja – es geht hier auch um die Ästhetik der Sprache. Stellen wir uns nur für einen Augenblick derartige Sprachverrenkungen in Romanen von Thomas Mann oder Herta Müller vor.

Das Ärgerliche daran ist: Die Gender-Debatte ist ein Filterblasen-Phänomen. Gendern ist sprachliches Gesinnungs-Posing ohne jeden Effekt. Menschen bestätigen sich in ihrem Schreiben darin, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie erreichen damit ausschließlich diejenigen, die ohnehin so denken wie sie. Kein einziger alter weißer Mann wird sich durch einen Sternchen-Plural wirklich beeindrucken lassen.

Als Texter, Journalisten und PR-Leute arbeiten wir täglich mit der Sprache. Sie ist unser wichtigstes Werkzeug. Wir haben die Verantwortung, sie zu pflegen – und sie nicht im Dienste eines höheren Ideals zu verhunzen – und sei das auch noch so richtig. Lasst uns lieber mit unserem Schreiben und unserem Handeln dazu beitragen, dass sich in der Gesellschaft wirklich etwas verändert. Aber bitte auf gut Deutsch und ohne Gender-Sternchen.

„Es geht hier auch um die Ästhetik der Sprache.“


Über den Autor: Thomas Nötting, 51, ist freier PR-Berater und Autor in München. Bis September 2019 war er leitender Redakteur beim Münchner Fachmagazin W&V. Zu seinen beruflichen Stationen gehören außerdem die ProSiebenSat.1 Media AG, die Bayerische Landeszentrale für neue Medien und der Sky-Vorgängersender DF1.

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