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Rützels Scharmützel

Hallo Fußballvereine, ihr seid keine edgy Agenturen!

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Fußballvereine sind keine edgy Agenturen, auch wenn sie auf Youtube so tun. Aber: Ihre Inszenierung ist durchaus nachahmenswert.

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Ich habe ein neues Lieblingsgenre auf Youtube. Nach meiner Seifenzerschneidevideosphase, meiner ReactionaufReactionvideophase und meiner Beautyyoutuberbeefvideophase interessiere ich mich jetzt für Videos, in denen Fußballvereine ihre frisch erstandenen Neuzugänge präsentieren, und mit „interessiere“ meine ich: Ich echauffiere mich darüber, bis ich aus den Ohren pfeife wie ein alter Dampfkochtopf. Jüngstes Beispiel: Borussia Dortmund begeht die Verpflichtung von Jude Bellingham, der vom englischen Zweitligisten Birmingham City kommt, mit einem feistcringigen Video, in dem die bereits vorhandene Kickbelegschaft für ihn na, na, naaa? Genau: Hey Jude singt. Marcel Schmelzer wirkt dabei etwa so entspannt wie ein Konfirmand bei der zwangsweisen Bibelversrezitation am Karfreitag, auch Manuel Akanji scheint nicht wirklich froh über sein Brummel-Cameo. Nur Biene Emma klampft enthusiastisch auf einer Gitarre, als Maskottchen ist man vermutlich Kummer gewohnt.

Ich finde es irritierend, wenn Fußballvereine so tun, als ginge es bei ihnen nicht einfach ums Ballspielen, sondern als seien sie eine edgy Agentur mit kecken Markenschärfungsideen. Muss man denn immer alles überkandideln, über-acten und eventisieren? Tatsächlich mag ich die denkbar schlichte Ikonografie gerne, mit der Spielertransfers bislang bildlich verkündet wurden: Der Neuzugang tritt mit den Vereinsgranden vor die Fotografen und hebt dabei sein neues Trikot in die Höhe, als wolle er gegen das Sonnenlicht prüfen, ob das neue Waschmittel die Tomatensoßenflecken auch wirklich rückstandsfrei entfernt hat. Mehr Inszenierung braucht kein Mensch.

Wobei ich zugegebermaßen eine Schwäche für Präsentationsvideos habe, die so linkisch sind, dass sie fast schon wieder souverän wirken, Betonung dabei unbedingt auf: fast. Stoke City liegt dabei für mich ganz vorne: Als sie vor drei Jahren Joshua Tymon einkaufen, produzierten sie ein rührend unterbudgetiertes Video, in dem man zuerst sieht, wie jemand „Verpflichtet jemanden, Stoke!!!“ twittert – dann fährt die Kamera zurück, und man sieht, dass Tymon selbst den Tweet verfasste, mit Schafsgesicht schaut er in die Kamera und zeigt den unenthusiastischsten Daumen hoch, den ich jemals sah, alles daran ist wunderbar elend.

Das Transferverkündigungsvideogame hat sich seitdem derart hochgeschaukelt, dass AS Roma ihren Neuzugang Aleksandar Kolarov schon vor zwei Jahren mit einer Parodie auf das Genre vorstellten: Darin wird dem Spieler das Skript für sein Präsentationsvideo gepitcht, das eine Entführung (wie im Video von Sevilla, in dem Jesus Navas zum Trainingsgelände verschleppt wird), eine Kampfszene mit einem Fidget Spinner (die Älteren werden sich erinnern), eine Verfolgungsjagd inklusive Polizeihelikopter, einen Fallschirmsprung, einen Tornado und mehrere Ziegen vorsieht. Kolarov sagt im Video nur ein einziges Wort: „No.“

Je mehr dieser Videos ich mir anschaue, desto schlüssiger finde ich die Idee, das Genre auf andere Branchen auszuweiten. Ist es nicht eigentlich eine blanke Pathos-Vergeudung, hochrangige Personalwechsel bei Magazinen und Zeitungen nur mit einer schnöden Agenturmeldung zu verkünden? Hätte die Süddeutsche Zeitung nicht zum Beispiel die Vorstellung ihrer neuen Chefredakteurin Judith Wittwer und die Präsentation des Zehn-Punkte-Wertepapiers ihres Redaktionsausschusses zusammenlegen und in ein schönes Bibelsandalenfilmchen einkleiden können, in dem besagte Thesen mit Meißeln auf zwei Steintafeln gedengelt werden? Ein paar Volontäre mit rudimentären Gitarrenkenntnissen, die sich ohne großes Murren in Bienenkostüme stecken lassen, werden sich sicher auch noch finden lassen. Wir dürfen die großen Gefühle nicht dem Fußballbiz überlassen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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