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Genusssache Medien

Zwielichtige Serien-Helden: unmoralisch und Spaß dabei

Sabine Trepte, Zeichnung: Bertil Brahm

Warum ziehen uns eigentlich ambivalente Mediencharaktere so in ihren Bann? Weil Sie uns zu besseren Menschen machen. Glauben Sie nicht? Passen Sie mal auf!

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“Everything bad is good for you” – dieses großartige Zitat ist der Titel von Steven Johnsons Buch. Er titelt weiter: How Popular Culture is making us smarter. Die Kernaussage ist so wahr. Wir mögen unmoralische Musik, Serien und Reality TV, also die Unmoral der Popkultur, genauso gern wie ungesundes Essen. Es tut gut, auch wenn es böse ist. Oder gerade deswegen? Das bringt mich zum heutigen Thema: Die Schurken und Bösewichte, die Bad-Asses und Banditinnen. Warum räumen wir Walter White in Breaking Bad Mord, Gewalt und Drogenhandel ein und sind immer auf seiner Seite? Warum unterhalten wir uns glänzend mit Carrie Mathison aus Homeland, obwohl sie Dutzende ihrer Kollegen auf dem Gewissen hat und sogar ihre besten Freunde hintergeht, um ihre Ziele als Agentin zu erreichen? 

Und Jana aus Bad Banks darf Insiderhandel betreiben und die Welt in eine Krise stürzen und trotzdem ist sie unsere Nummer 1. Und nicht nur, dass wir die moralischen Fehltritte unserer Antiheld:innen unkritisch sehen, es ist gute Unterhaltung. In der medienpsychologischen Forschung werden die Antiheld:innen als MACs – morally ambiguous characters – beschrieben. Moral bezieht sich dabei auf verschiedene Aspekte, beispielsweise auf den Schaden, der anderen Charakteren zugefügt wird, auf die Fairness und Loyalität, die anderen Charakteren entgegen gebracht wird oder auch auf die Autorität. Held:innen sind in allen Bereichen stark und werden dafür auch am meisten geliebt. Für Bösewichte gilt das Gegenteil. Komplizierter und richtig spannend wird es nun für die MACs, also die moralisch ambivalenten Charaktere. Sie sind mal ruchlos, aber loyal; oder sie sind reinen Herzens, aber total autoritär. Kennzeichnend ist vor allem dieser Mangel an Systematik. Es sind komplexe Charaktere. Um sich die große Bandbreite dieser Charaktere vor Augen zu führen, ist die Website tvtropes.com spannend. Hier werden die verschiedenen Charakterkategorien von gut bis böse systematisiert, beschrieben und Beispiele aus Film, Computerspiel und Animé genannt. Diese Kategorien werden auch in der medienpsychologischen Forschung verwendet. Aber nun zum Genuss der Unmoral: Warum wertschätzen wir, wenn unsere Lieblingscharaktere Werte mit Füßen treten? 

Die medienpsychologische Forschung zeigt hier erstaunliche Ergebnisse. Zum einen denken wir umso mehr über Geschichten nach, je unmoralischer ihre Charaktere sind, und reden auch intensiver mit anderen darüber. Wir identifizieren uns zwar nicht mit den ambivalenten Charakteren, aber sie können uns dabei unterstützen, das eigene Ich auszudehnen, andere Selbstdefinitionen und Lebensweisen quasi anzuprobieren und die Grenzen des Selbst etwas aufzuweichen. Gemeinsam mit den unmoralischen Charakteren können wir unbekannte Ecken des Selbstkonzeptes ausleuchten. Wir können mit ihnen die eigenen moralischen Konzepte reflektieren und gegeneinander abwägen: Was würde ich an Carries Stelle tun? Mein Land retten oder meinen Kollegen und Freund? Was ist wichtiger? Loyalität oder Autorität? Die Verletzung moralischer Normen führt zwar dazu, dass wir einen Charakter weniger lustig und spaßig finden, aber bei den komplexen Antiheld:innen wertschätzen wir tendenziell eher die Möglichkeit der Selbstexploration. 

Also ganz konträr zum echten Leben. Hier kann Unmmoral ja mal ganz lustig sein, aber in the long run führt sie nie zu Wertschätzung. Und nur wenige Menschen wollen ihr Selbst durch Erfahrung von Unmoral erforschen. So gut, dass in der Disziplin Drehbuch ständig neue Unmoral für uns erfunden wird.

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