Anzeige

Lena Kotlarov

“Social Media ist grundsätzlich schlecht für die Menschen”

Social Media hat im Leben von Lena Kotlarov keinen Platz mehr

Mit 18 Jahren war Lena Kotlarov Mitgründerin des Social-Media-Dienstleisters 4Channels. Heute will die 21-Jährige mit sozialen Netzwerken nichts mehr zu tun haben – beruflich wie privat. Ein Interview über Lehrgeld, frustrierende Kunden und gefährliche Apps.

Anzeige

Man muss schon genau suchen, um junge Gründerinnen im Online Marketing zu finden. Denn außer Influencerinnen tummeln sich sehr wenig junge weibliche Protagonisten im weiten Feld der Gründer. Lena Kotlarov ist eine von ihnen. Während des Abiturs gründet sie gemeinsam mit ihren Freunden Niclas Jakob und Ole Werner die Agentur 4Channels, die sich auf den Social-Media-Auftritt von mittelständischen Unternehmen spezialisiert hat. Nach vier Jahren steht das Unternehmen vor dem Aus, doch das hat weniger mit dem Umsatz, sondern mit dem Verdruss der Gründer zu tun. Was ist passiert? MEEDIA hat mit Lena Kotlarov gesprochen.

Frau Kotlarov, auf welcher Social-Media-Plattform waren Sie heute bereits?

Auf keiner. Ich habe Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat auf meinem Smartphone deinstalliert. 

Warum haben Sie das getan?

Man ist die ganze Zeit auf Social Media. Da muss man sehr aufpassen, dass man nicht völlig abdriftet. Und um nicht komplett handysüchtig zu werden, hilft es eine, eine Pause zu machen. Die mache ich gerade. 

Mit Ihren Kollegen leiten Sie weiterhin eine Social-Media-Firma. Wie geht das zusammen?

Wir haben nur noch sehr wenige Kunden und werden die Zusammenarbeit auch bald beenden. Es war eine schöne Zeit, die mit sehr viel Arbeit verbunden war, aber in der wir viel gelernt haben und die keiner von uns missen möchte. Das Thema Social Media ist für mich persönlich dennoch erst einmal abgehakt. 

Warum hören Sie bei 4Channels auf?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen waren und sind ich und meine Mitgründer nicht wirklich affin gegenüber sozialen Netzwerken. Wir hatten aber Lust aufs Gründen und haben uns darauf besonnen, wer wir sind und was wir bieten können. Vor vier, fünf Jahren hatte Social Media bei vielen Unternehmen noch nicht den Stellenwert, den es heute hat. Gleichzeitig wollten viele Firmen junge Leute erreichen. Also haben wir das Thema Gen-Z-Marketing besetzt und die Lücke geschlossen – als eine der ersten Agenturen.

Wollten die Kunden nicht wissen, wie viele Follower Sie auf Ihren privaten Kanälen haben?

Viele Unternehmen, auf die wir zugegangen sind, dachten, Facebook sei eine Internetseite. Wir haben ihnen erst erklärt, wie Facebook funktioniert, was Kommentare, Likes und Interaktion bedeuten. Das waren vor allem kleinere mittelständische Unternehmen, die damals mit Social Media kaum Berührungspunkte hatten. 

Darin bestand auch das Geschäftsmodell?

Viele dieser Unternehmen hatten Schwierigkeiten, junge Leute zu erreichen. Stellenausschreibungen waren ein Thema, oder die Vertretung auf Messen. Da sie jedoch keine Erfahrungen mit Facebook oder Instagram hatten, haben wir es ihnen erklärt. 

Was waren die Probleme bei der Zusammenarbeit?

Besonders am Anfang hatten viele unserer Kunden krude Vorstellungen von dem, was mit Social Media möglich ist. Ein Hersteller von Mikrorobotern kann auf Instagram, wo vor allem die Bildsprache wichtig ist, nicht dauerhaft punkten. Auch Schraubenhersteller haben dasselbe Problem. Da haben wir viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass nicht jeder gut gemeinte Post auch gut gemacht ist. Später kamen dann interessantere Kunden hinzu, bei denen auch mehr möglich war.

Welche Schwierigkeiten gab es noch?

Wir haben am Anfang den großen Fehler begangen, Komplettlösungen anzubieten, also alle Posts zu erstellen und ständig erreichbar zu sein. Der Fixbetrag konnte den Mehraufwand natürlich nicht abdecken. Frustrierend war es auch, wenn wir einen Channel aufgebaut und nach einer Zeit in die Hände des Unternehmens übergeben haben. Oft waren die Posts dort sehr schaurig. Die Kunden sind dann auch selbst frustriert darüber, dass die Zusammenarbeit nicht so geklappt hat.

Lena Kotlarov flankiert von ihren Kollegen Ole Werner (links) Niclas Jakob

Haben Sie das Gefühl, dass die Unternehmen gelernt haben, wie sich die einzelnen Plattformen unterscheiden, was man machen kann oder lieber lassen sollte?

Dass Unternehmen sagen, Facebook sei ihnen unbekannt, passiert nicht mehr. Heute wissen sie, dass sie nicht nur eine Website brauchen, sondern auch eine Social-Media-Präsenz. Das hat sich extrem gewandelt. Davor war vielen Unternehmen nicht klar, wie relevant Social Media tatsächlich werden würde. Ich glaube auch, dass die Leute im Marketing fitter geworden sind und Unternehmen auch intern besser werden. 

Die Attraktivität von Social-Media-Agenturen steigt auch mit der des Kunden. Würden Sie weitermachen, wenn ein großer Fashion-Kunde hinzugekommen würde?

Nein. Wir haben viel im Fashion-Bereich gemacht und mit Influencern zusammengearbeitet. Das ist mir alles zu doof. Mein Stiefvater ist Landwirt, ich bin auf deinem Hof aufgewachsen. Niclas Vater hat einen großen Klempnerbetrieb: Wir sind alle richtige Fans vom Mittelstand. Für einen großen Beauty-Hersteller habe ich mal digitales Marketing gemacht, das ist für mich persönlich gar nichts. 

Warum haben Sie den Spaß an Social Media verloren?

Wenn Facebook heute noch so klasse wäre, wie es vor vier Jahren war, würde mir es heute sicherlich mehr Spaß machen. Damals konnte man Kunden zum Beispiel mit Facebook-Ads noch einen richtigen Mehrwert bieten. Heute haben aber die meisten mittelständischen Unternehmen dort einen Account. Außerdem hätte ich bei vielen das Gefühl, ich quatsche ihnen was an, was die nicht brauchen. 

Auch wenn sie es wollen?

Vielleicht wollen sie es, aber ich schaffe dadurch nicht unbedingt einen Mehrwert für das Unternehmen, den aber ich schaffen möchte. 

Viele Agenturen denken da anders und agieren nach dem Motto ‘Sell like Hell’. Gab es Situationen, in denen Sie wider Ihrer Überzeugung beraten haben?

Nein. Dadurch, dass wir unser Geld nicht damit verdienen mussten, hatten wir auch nicht diesen Druck. Wir waren Abiturienten, die dann ihr Studium begonnen haben. So konnten wir den Kunden auch einfach sagen, ‘Ihre Idee funktioniert so nicht.’

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation im Social-Media-Marketing?

Ich habe da natürlich eine ganz eingeschränkte Sichtweise. Aber ich finde, immer mehr größere Agenturen haben sich das Thema Gen-Z-Marketing zu Eigen gemacht. Damit wird es für kleinere Gründer schwerer, sich einen Namen zu machen Es gibt ein paar große Agenturen und die dicken Kunden, die das Geld haben, die gehen da hin. Grundsätzlich glaube ich, dass Social Media viel facettenreicher geworden ist. 

Warum also jetzt damit aufhören?

Für uns war es beim Gründen schon klar, dass wir das nicht für immer machen wollten. Wenn man Gen Z-Marketing betreibt, wächst man irgendwann aus seiner Zielgruppe hinaus, wenn der USP das Jungsein ist. Es ist schon schon von Anfang an ein terminiertes Konzept gewesen. Es gibt viele, die Gen-Z-Marketing machen, wie beispielsweise Charles Bahr. Die sagen, ‘wir erzählen, was die Gen Z hören möchte’ und sind wahnsinnig erfolgreich damit. Aber auch da ist das Geschäftsmodell terminiert. Das geht nicht auf Dauer.

Zurück zu Ihrer Social-Media-Pause: Warum haben Sie die Apps gelöscht?

Ich habe drei kleine Schwestern im Alter zwischen 11 und 15 Jahren, die nutzen überhaupt kein Social Media – außer Tiktok. Ich selber bin aufgewachsen mit ICQ, SchülerVZ, Facebook und Instagram. Aber wenn man sowohl mit Social Media arbeitet, als auch mit Social Media privat kommuniziert, hat man nur noch das Handy in der Hand. 

Das ist bei den meisten heute so.

Ich sehe es auch bei vielen Freunden, die, während sie im Restaurant sitzen, ständig am Smartphone sind. Ich möchte nicht die Aufmerksamkeitsspanne von fünf Sekunden, bevor ich wieder zum Handy greife, sondern möchte ein Buch lesen können, ohne dass ich aufs Handy schauen muss. 

Was glauben Sie macht Social Media mit der jungen Generation?

Social Media ist vor allem in meiner Generation zu einer Sucht geworden. Ich glaube, dass es grundsätzlich schlecht ist für die Menschen. Vor allem, weil die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, das habe ich auch mit Erschrecken bei mir selber gemerkt. Ich habe mich richtig schlecht gefühlt, wenn ich mein Smartphone nicht alle 20 Minuten in der Hand hatte. 

Wie geht es weiter mit 4Channels?

Wir liquidieren das Unternehmen. Wenn wir es an eine Agentur verkaufen würden, dann könnten wir die Notarkosten sparen. Aber wir wollen sicher raus sein und nicht danach wegen irgendwas belangt werden. Wir gehen aber mit einem Plus raus. Wie groß das Plus ist, kann ich aktuell aber nicht einschätzen, weil immer wieder Kosten auf uns zukommen, von denen wir nichts geahnt hatten. 

Und wie geht es weiter mit Ihnen?

Ich fange in einem Monat mit meinem Management-Master an. Ich könnte mir vorstellen noch einmal zu gründen. Denn es hat richtig Bock gemacht. Es waren lehrreiche Erfahrung und viel mehr Arbeit, als ich dachte. Vieles hat nicht vielleicht nicht so geklappt, aber ich würde alles nochmal so machen. Wenn man sieht, dass die Facebook-Seite, die man gelauncht hat, funktioniert und die interessiert die Leute, dann ist das ein gutes Gefühl. 

Damit können Sie auch ein Vorbild für viele weibliche junge Gründerinnen sein.

Ich weiß, dass ich etwas heraussteche, weil ich eine der wenigen weiblichen jungen Gründerinnen in Deutschland bin. Ich hoffe, dass ich dadurch andere Mädchen motivieren kann, auch zu gründen. Das fehlt hierzulande, vor allem in Bereichen abseits von Fashion, Lifestyle und Beauty, sondern im mittelständischen Bereich.

Anzeige