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Rützels Scharmützel

Gute alte Zeit(schrift)

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Früher waren Magazine Tore in fremde, andere, bessere Welten. Heute … sind sie das noch immer. Wenn man die richtigen auswählt.

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Vor ein paar Tagen erlitt ich einen Nostalgiekrampf. Vermutlich wurde er davon ausgelöst, dass ich mir eine neue TV-Show ansah, die unfassbar alt wirkte. Einerseits wegen humoristischer Antikmanöver (in denen zwei als Krankenschwestern verkleidete Menschen hartnäckig als „die kranken Schwestern“ bezeichnet wurden), andererseits, weil sie eben sichtbar vor Corona aufgezeichnet worden war, was man daran erkennen konnte, dass Promis bei einem Spiel ihre Köpfe durch Löcher in einem elastischen Tischfussballfeld stecken musste, auf dem sie dann den Ball durch augenscheinlich sehr speichelintensive Pustetechnik umherbewegen musste.

Die Szenen setzten bei mir eine fast werthersechteopa-mäßige Ach-ja-früher!-Seufzerei in Gang, die mich zum Beispiel dazu brachte, uralte Bandshirts aus einem seit Jahren ungeöffneten Kleiderschrank hervorzukramen und zu gucken, ob sie vielleicht inzwischen wundersamerweise wieder passten. Und dazu, nach wirklich langer Zeit wieder einmal mit fröhlicher Verprassungsabsicht einen Zeitschriftenladen zu betreten. Früher, also wirklich früher, als die Shirts tatsächlich noch leger saßen, habe ich das sehr oft gemacht. Ich studierte in Tübingen, und fand diesen Umstand alles mögliche, aber ziemlich sicher nicht cool, weswegen ich regelmäßig große Stapel britischer Magazine aus einem erstaunlich gut sortierten Magazingeschäft nach Hause schleppte, um mich über die lässigen Leute anderswo zu informieren.  

Später, als ich dann längst arbeitete und auf Interview- und Recherchefahrten viel in Zügen und Flugzeugen herumsaß, kaufte ich mir für unterwegs gerne Zeitschriften zu Themen, über die ich nichts wusste, und stellte mir dabei Kombi-Lektüre zusammen, die vermutlich so gut zusammenpasste wie Comté-Käse und Aprikosenmarmelade, also sehr gut. Ich kaufte mir eine Zeitschrift übers Angeln und eine über Engel, zum Beispiel. Und lernte aus jeder mindestens drei neue Wörter, wie früher als Kind, als eine rätselhafte Tante mir ein Jahresabo des „Reader’s Digest“ schenkte, mit dem ich nicht besonders viel anzufangen wusste – außer mit der regelmäßig enthaltenen Seite „Erweitern Sie Ihren Wortschatz“, die las ich stets zuerst. 

Irgendwann verlor ich das Interesse und die Lust an den Heften. Ich glaube, es lag daran, weil es mir irgendwann zu eskapistisch, fast frivol vorkam, mich mit meinen Lektüregewohnheiten immer nur in fremde Welten davonzufantasieren, wo es die aktuellen Verhältnisse doch immer nachdrücklicher einforderten, dass ich mich erst einmal ausgiebig mit ihnen beschäftigte – eben nicht nur damit, was ich natürlich online dazu las, sondern mit womöglich hintergründiger Druckware. Als ich nun also wieder seit längerer Magazin-Abstinenz durch die Regale strich, ging ich erst pflichtschuldig bei den nachrichtlicheren Titeln vorbei – und drehte dann doch, die Nostalgie schubste mich, zum Sortiment fremdländischer Zeitschriften ab. Ich kaufte mir die neueste Ausgabe der guten, alten Town  & Country, dem Hausmagazin für den smarten britischen Landadel mit urbaner Attitude, also exakt jener Bevölkerungsgruppe, der ich nicht qua Geburt oder Finanzlage, wohl aber in meinen Träumen zugehöre. Town & Country hatte ich lange Jahre abonniert, weil dort beharrlich Modetipps abgedruckt waren, die einem ausführlich empfahlen, was man am besten anzöge, wenn man zur Taufe eines royalen Babys geladen würde. Ich erfuhr darin von Menschen, die Lady McAlpine und Lady Sibyl Colefax hießen, denen ich nirgendwo sonst begegnete. 

Auch die aktuelle Ausgabe enttäuschte mich nicht: In sämtlichen Modestrecken und Homestorys waren, wie üblich, auch Hunde zu sehen, die stets namentlich erwähnt wurden. Womöglich ist Town & Country wirklich das allerbeste Magazin, für mich: Weil es mich nicht nur in eine andere Welt mitnimmt, sondern mir auch vorgaukelt, ich hätte sie mir selbst ausgedacht.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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