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Sprachwandel

Gendern, bis die Gleichheit kommt

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern findet Gehör. Im Radio, TV wird die Lücke gesprochen - gut so.

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern findet Gehör. Im Radio und TV wird der Gender Gap immer öfter mitgesprochen, als kleine Pause. „Horizont“-Chef Uwe Vorkötter beklagt das. Dabei ist der Mut zur Lücke eine Chance auf Veränderung, findet MEEDIA-Redakteur Tobias Singer.

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Ja, es ist da. Unüberhörbar. Ja, es schmerzt, oft. Und ja, genau aus diesem Grund kann ich die Meinung von Horizont-Chef Uwe Vorkötter nachvollziehen (Paywall). Sehr gut sogar. Diese sogenannte Gender Gap, die Kenntlichmachung des Geschlechtsunterschieds, wie etwa bei unseren geschätzten Leser*innen, noch mehr fällt sie Hörer*innen beim gesprochenen Wort auf. Der Vorwurf, den Vorkötter gerade äußerte, richtet sich konkret gegen den Deutschlandfunk: „Moderatoren und Reporter bauen einen künstlichen Sprachfehler in ihre Moderationen und Reportagen ein. Das hat System,“ schreibt er bei Horizont.

Gender Gap beim Deutschlandfunk, Anne Will und Claus Kleber

Und tatsächlich: Die Pause zwischen den Geschlechtern ist immer öfter bei den Moderationen auf dem DLF zu hören. Und übrigens nicht nur da, Anne Will hat es in ihrem Polittalk im Fernsehen schon vor der Sommerpause vorgemacht und Claus Kleber ist im Heute Journal nachgezogen, beide pflegen den Mut zur Lücke. Leidet das Format deswegen wie Vorkötter in seinem Kommentar befindet? Auch wenn die Wörter länger geworden sind durch den Gender Gap, die Nachrichten wurden deswegen noch nicht in Wetten, dass ..?-Manier überzogen, und auch der Inhalt hat deswegen nicht gelitten, nicht beim DLF, nicht in der ARD und nicht auf dem ZDF.

Sprache lebt, sie braucht nicht konserviert werden

Sprache ist keine Reliquie, die in einem Schrein eingesperrt und  aufbewahrt gehört. Sind Veränderungen dann gleich Neusprech à la Orwell, wie Vorkötter attestiert? Wohl eher nicht. Sonst wären wir jetzt noch bei der „teutschen“ Sprache. Und ja, auch ich trauere dem „ß“ hinterher, das jetzt wesentlich seltener zum Einsatz kommt. Allein schon aus ästhetischen Gründen. Und der Tod des Genitivs wird in Teilen hinzunehmen sein. Gut so. Denn Sprache lebt, sie verändert sich. Und:  Sprache prägt. Gerade im Journalismus weiß man um die Kraft der Worte.

Professex, Gender Gap und drittes Geschlecht

Dass ein Wandel vielleicht Blüten treibt, nicht jeder etwas mit dem Professex, der neutralen Variante der Berufsbezeichnung anfangen kann, geschenkt. Auch ich bin keiner Vertreter der reinen Gender-Gap-Lehre. Und nicht jeder will verstehen, warum bei Bewerbungen neben (m), (w) inzwischen auch ein (x) für divers steht. Aber: Eine ganze Gruppe von Menschen wird dabei integriert statt ausgeschlossen, das hatte sogar das Bundesverfassungsgericht Ende 2017 beschlossen, als im Personenstandsrecht das dritte Geschlecht anerkannt wurde.

Der Faule Zahn muss gezogen werden

In dem Maße, in dem sich die Gesellschaft weiterentwickelt, braucht sie auch eine Entsprechung in der Sprache. Genau das ist bei den vermehrten Gendersternchen und -Unterstrichen, bei neutralen Formulierungen wie „Lesende“ zu beobachten, bei den hörbaren Gender-Pausen bei Anne Will, Claus Kleber und im DLF – sie alle sind Ausdruck des Bewusstseins, dass unsere Gesellschaft den Mann im Fokus hat. Und sie wollen das aktiv ändern. Um das zu erkennen, braucht man nicht Gendertheorie studiert haben. Die Frau, sie wird in unserer Sprache bis dato oft einfach nur mitgedacht, wenn überhaupt. Jetzt wird sie auch mitgesprochen. Auch wenn Uwe Vorkötter dann beklagt, dass nun gegendert würde bis der Zahnarzt kommt. Aber die bestehende gesellschaftliche Ungleichheit, die einen Teil der Bevölkerung oft schon rein institutionell benachteiligt, ist so überholt und schmerzhaft, dass man sie ruhig hören darf, von mir aus auch, bis der Zahnarzt kommt. Die Zeit kosmetischer Eingriffe ist vorbei. Und wenn das dann dazu führt, dass der faule Zahn gezogen wird, dann hat sich der Besuch doch schon gelohnt, lieber Herr Vorkötter.

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