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Rützels Scharmützel

Der Trost ungebetener Twitter-Nachrichten

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Spirituelle Hilfe lässt sich heute prima über Social Media finden. Gerade für uns problemgeplagte Journalisten könnte das die Rettung sein.

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Wann immer ich etwas freie Zeit habe, die ich ohne schlechtes Gewissen verschleudern kann, schaue ich gern in den „Nachrichtenanfragen“-Ordner bei Twitter. Dieser Satz stimmt zumindest so halb, denn natürlich schaue ich bevorzugt dann in dieses Fach (in dem die ungebetenen Nachrichten von Personen gesammelt werden, denen ich nicht bei Twitter folge), wenn ich wirklich keine einzige Minute zum Tändeln erübrigen kann, wenn der Deadline-Kessel mal wieder so richtig dampft. Denn in den Nachrichtenanfragen findet sich verlässlich Tröstliches, das mich in diesen unangenehmen Zuständen ablenkt und aufmuntert. Fast jedes Mal finde ich mindestens ein niedliches Hundebild, bei dem irgendwer netterweise an mich denken musste. In letzter Zeit häufen sich dort die Anfragen von obskuren Podcasts, die etwa hinterindischer Gartenkunst oder mittelalterlichen Schmalzkuchenrezepten gewidmet sind und höflich anfragen, ob ich nicht mal zu Gast sein möchte, weil sie alle anderen auch nur im entferntesten vorstellbaren Gäste längst verschlissen haben. 

Der Rest sind vermischte Anfragen, zum Beispiel Kontaktwünsche von aus den Augen verlorenen Grundschulkameraden, manchmal auch Kurzrecherchen höflicher Pöbler, die wissen wollen, ob ich denn genau die Anja Rützel sei, die ihren Lieblings-Deutschpop-Poeten/Trashdarsteller/Helene Fischer letztens in diesem einen Artikel so gemein behandelt hat. (Ich finde es nett, dass sie erst fragen, bevor sie mich beschimpfen, und lüge dann immer sehr gerührt, aber nein, das sei ich auf keinen Fall, klänge aber unbedingt nach einer unmöglichen Person.)

Gestern fand ich bei den Nachrichtenanfragen eine Botschaft von Nana Abranka, einem mir gänzlich unbekannten Menschen, der sich als „spiritual father“ vorstellte – keine Ahnung, ob er damit ausdrücken möchte, dass er seinen Kindern regelmäßig aus Engelmagazinen vorliest, wenn sie nicht spuren, oder ob er tatsächlich ein zumindest semi-offizielles Geistlichenamt inne hat. Der übliche Spamkram, dachte ich mir, doch dann sah ich, dass Nana mich mit seiner Nachricht in eine Gruppe weiterer Empfänger einsortiert hatte, die fast ausnahmslos in der Medienbranche operieren: als Redakteur, Speaker, Wirtschaftsblogger, Publisher, Innovationsoffizerin, Chefredakteur und so weiter. Alles Leute, von denen Nana dachte: Die können wohl dringend Hilfe brauchen. Genauer: Diesen armen Kreaturen könnte ich doch helfen, ihre „blocked doors“ wieder zu öffnen.

Träumchen, dachte ich, denn Probleme haben sowohl ich als auch die Branche genug. Wurde dann aber arg enttäuscht, als ich mir den angefügten Beispielkatalog durchlas, den Nana in seinem Klemmtüren-Portfolio hat – helfen könne er demnach in den Themenkompexen Lottozahlen, Scheidung, Sexschwäche, juristischen Problemen, Sofortgeld und, wir sind hier schließlich immer noch bei Twitter: „If you want your penis to become bigger“.

Nana war meinetwegen ein spiritueller, aber auf jeden Fall auch ziemlich fauler Vater, dachte ich mir traurig: Warum hatte er sich nicht wenigstens die Mühe gemacht, seiner gezielt adressierten Journo-Blase auch Hilfe bei echten Journo-Problemen anzubieten? Hat er keine Segenssprüchlein oder Tinkturen gegen verschleppte Honorarzahlungen, weggebrochene Anzeigen, Glaubwürdigkeitsverlust, willkürlich reduzierte Umfänge oder schlimme Wortspiel-Überschriften, die launige Schlussredakteure einem über hochseriöse Texte zimmern?

Andererseits: Vielleicht wollte Nana auch nur unsere generelle Empfänglichkeit für derartige Hilfsangebote testen, bevor er mit seiner maßgeschneiderten Medienheilungsangeboten rüberkam. Also schrieb ich ihm: „Got anything against Spesenübernahmeunwilligkeit?“ Nana hat mir nicht geantwortet. Wahrscheinlich kann uns nur noch Satan helfen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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