Anzeige

Wochenrückblick

Lanz und Gabriel – zwei sehr unterschiedliche Lobeshymnen in „Taz“ und „Zeit“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die „Taz“ würdigt ZDF-Talker Markus Lanz als Top-Politik-Interviewer. „Die Zeit“ ist dagegen ganz bezirzt vom Charme des Sigmar Gabriel. Der RBB fing sich mit dem Kalbitz-Interview Ärger mit Ansage ein und Thomas Gottschalk twitterte mal wieder. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Schau an, die Taz kann nicht nur Polizisten-Beschimpfung. In der vergangenen Wochenend-Ausgabe schrieb Chefreporter Peter Unfried eine sehr lange und sehr gute Eloge auf den viel geschmähten ZDF-Talker Markus Lanz. Unfried bezeichnet Lanz gar als den „führenden politischen Interviewer des Landes“. Zuviel der Ehre? Nicht unbedingt. Wer sich über Lanz nicht nur lustig macht, sondern seine Sendung tatsächlich gelegentlich schaut, muss merken, dass der gebürtige Südtiroler die ebenso unterhaltsame wie informative Fragerei zu einer eigenen Kunstform gebracht hat. Näheres dazu in dem Taz-Text. Hinzu kommt die stets wie wild zusammengewürfelt wirkende, aber höchst effiziente Gäste-Zusammenstellung. Immer nur ein Spitzenpolitiker, dazu meistens ein Meinungs-Journalist, Künstler im engeren oder weiteren Sinne, und – wie Unfried beobachtet hat – jemand mit Tieren oder Nordpol. Natürlich hat auch Lanz seine schwachen Momente, etwa wenn er dem verurteilten Doppelmörder Jens Söring in seiner Sendung neulich ziemlich auf den Leim ging. Aber bei ca. 135 Sendungen pro Jahr kann halt auch nicht alles immer spitze sein. Es ist jedenfalls schön, dass die Qualität von Markus Lanz (und seiner Redaktion!) endlich mal in dieser Breite gewürdigt wurde. Doppelt schön ist, dass dieser Text in der Taz steht, deren Leserschaft man vermutlich nicht automatisch zu den glühendsten Lanz-Aficionados zählen dürfte.

+++

Eine weniger erquickliche Lobhudelei fand sich dieser in der Zeit. Unter der Überschrift „Männer in Not“ beschreibt Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich auf einer ganzen Zeit-Seite, warum der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel ein ganz dufter Typ ist, obwohl er einen hoch dotierten Berater-Vertrag mit dem Billigfleisch-Produzenten Tönnies hatte. Der ganze Text ist auf geradezu atemberaubende Weise distanzlos. Der Publizist und frühere DuMont-Vorstand Franz Sommerfeld hat die Kuschelei in einem Facebook-Post aufgespießt:

„Hätte Ulrich recherchiert, könnte er eine grosse Zahl von Menschen nennen, deren Anliegen Gabriel schnell und im Zweifel auch gerne brüsk zurück gewiesen hat. Und der Zeit-Redakteur weiss es natürlich auch. Aber für den Autoren des subjektiven Journalismus zählt nur der Augenblick in den Ledersesseln der Atlantikbrücke. Wäre es nicht so schwülstig geraten, liesse es sich als Unterhaltung verbuchen. Nur mit Aufklärung hat das alles nichts zu tun.“

Man muss Ulrich zu Gute halte, dass er mit diesem Stück augenscheinlich gar nix aufklären will und er noch nicht einmal so tut, als wahre er den gebotenen journalistischen Mindestabstand zum Objekt seiner Verehrung, Pardon: Berichterstattung. Bernd Ulrich war neben dem damaligen Stern-Chefredakteur Christian Krug übrigens einer von zwei Journalisten, die von Gabriel vorab über seinen Rückzug von der SPD-Spitze informiert wurden. Krug (Was macht der eigentlich zur Zeit?) bekam ein Exklusiv-Interview für den Stern, Ulrich ein schönes Porträt für die Zeit. Man kennt sich, man schätzt sich, man hilft sich.

+++

Dass es es massig Ärger geben würde, wenn man als RBB ein lau bis launiges Sommer-Interview mit dem Rechtsextremisten und brandenburgischen AfD-Politiker Andreas Kalbitz führt, hätte man sich vorher ausrechnen können. Dazu reicht es, wenn man bis drei zählen kann. Die nachträgliche Rechtfertigung von RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein, man sei zur Ausgewogenheit verpflichtet, verwundert. Seit wann gehört es zur „Ausgewogenheit“ oder irgendeiner Art von öffentlich-rechtlicher Verpflichtung, Rechtsextremisten Sendezeit zu verschaffen? Zumal sogar die AfD Kalbitz loswerden will, er hat jedoch zunächst erfolgreich gegen seinen Rauswurf aus der Partei geklagt. Und wenn, um Himmelswillen, man trotzdem der Meinung ist, diesen Kalbitz unbedingt im Rahmen eines TV-Interviews befragen zu müssen, dann sollte es doch bitte wirklich ans Eingemachte gehen. Dann müssen seine Verstrickungen in die Hardcore-Nazi-Szene das Gespräch dominieren. So gut wie nichts davon war bei dem RBB-Sommer-Plausch zu spüren. Immerhin das gestand auch Chefredakteur Singelnstein hinterher ein: „Wir haben viel über Andreas Kalbitz und Rechtsextremismus recherchiert. Von diesem redaktionellen Wissen ist nicht genug eingeflossen. Da hätten wir deutlich besser sein müssen.“ Es war weiß Gott kein Geheimnis, wen man sich da zur Plauderei „Politik am See“ eingeladen hatte.

+++

Thomas Gottschalk hat seine Show-Titanen Zeit mutmaßlich hinter sich. Aber so viele deutsche Entertainment-Nasen gibt es nicht, die mit einem einzigen kryptischen Tweet gleich eine Welle an Berichterstattung inklusive dpa-Meldung lostreten können. Gottschalk twitterte am Montag einfach nur ein Herz und das Datum 20.07.2020.

Sofort ging das Kopfkino los: Hochzeit? Neue Show? „Wetten dass..?“ Was weiß ich!? Es war der erste Tweet Gottschalks seit dem 12. April 2018. Die olle Masche „Willst Du was gelten, mach Dich selten“ – sie funktioniert noch.

Schönes Wochenende!

Anzeige