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Rützels Scharmützel

Im Youtube-Sumpf

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Zwergspitzmafia, Babyshower, Geburtsberichte – es gibt auf Youtube unendlich viel Recherche-Rohmasse. Wenn ich nur dazu käme.

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An manchen unkigen Tagen finde ich, man sollte mich alleine schon für den Umstand bezahlen, dass ich sowohl die Namen der beiden elefantesk überdimensionierten Hamster kenne, die Franz Zander in seinen goldenen Zeiten gesanglich begleiteten, als auch textsicher bei drei oder vier Liedern der Schlüpfrigkeitsyoutuberin Katja Krasavice bin. Weil ich eben in po- und popkultureller Hinsicht multi-interessiert oder zumindest sehr, sehr alt bin.

An meinem Hamsterwissen ergötze ich mich rein privat, aber ich hoffe wirklich, meine intimen Youtube-Kenntnisse irgendwann doch noch einmal zum Broterweb nutzen zu können – mit dem Tierjournalismus, ich muss es traurig einräumen, hat es bis jetzt entgegen meiner Träume ja leider noch nicht wirklich geklappt, während der von mir erfundene Jogginghosenjournalismus (dessen oberster Grundsatz es ist, für die Recherche die eigene Wohnung, besser noch: das eigene Sofa nicht zu verlassen) in den letzten Monaten seinen großen Durchbruch feierte, wie ich stolz vermerken darf.

Das Genre Youtube-Journalismus ist in Deutschland momentan aber leider noch recht schwächlich aufgestellt, und aktuell bräuchte man sachverständige Analysten in diesem Feld mehr denn je – Rezo hin, Schmezo her, es gibt da doch noch so viel mehr, das dringend rapportierungswürdig wäre. Ich möchte diesen exponierten Platz hier darum für eine offene Bewerbung nutzen, wir müssen gerade ja alle sehen, wo wir bleiben. Denn derzeit tobt auf Youtube ein Beautykrieg, der in seiner epischen Brisanz und Verworrenheit sämtliche Kabale aus dem Sommerhaus der Stars wie minderkomplexe Erstklässler-Schubsereien aussehen lässt. Ich zitiere stark verknappt aus dem Gedächtnis: Tati Westbrook, Schminkfeulletonistin mit inzwischen fast 9,5 Millionen Abonnenten und Inhaberin eines Nahrungsergänzungsmittelunternehmens, verzankte sich im vergangenen Jahr mit ihrem früheren Schützling James Charles, seinerseits ebenfalls Beauty-Influencer, mit 19 Jahren  fast halb so alt wie Tati — weil der bei seinem Besuch beim mit lästiger Dauerdudelei unterlegten Instagram-Festival Coachella ein Video postete, in dem er die Produkte einer Firma namens Sugar Bear Hair pries: Gummibärchen, in denen angeblich Vitamine für üppigeren Haarwuchs stecken sollen – Tatis unmittelbarer Konkurrenz. Sie postete darauf in ihrer Instagram-Story, sie fühle sich „verloren“ und „verraten“, und beschuldigte ihn schließlich in einem epochalen Take-Down-Video, ein toxischer Belästiger, Mobber und überhaupt ausgesprochen unerfreulich zu sein, worauf Social Media von Videos enttäuschter James-Fans geflutet wurde, die im Furor von ihm kuratierte Lidschattenpaletten zerdepperten.

Dies ist nun nur die sowieso schon trashgolden schillernde Vorrede zu den aktuellen Entwicklungen, einem neu entfachten, lichterloh lodernden Skandal, die ich allerdings wegen des zusätzlichen Personals und einer Intrigendichte, die Clarissa von Anstetten nicht hätte feiner weben können, nur unter Zuhilfenahme meiner Schlumpfsammlung oder eben – und hier kommt wieder meine nachdrückliche Forderung nach einem Ausbau des Youtube-Journalismus ins Spiel – detaillierter Infografiken erklären kann.

Wirklich, es gibt so viel Youtube-Rohmasse, über die dringend zu schreibe wäre. Eine verdeckte Recherche auf den Spuren der Zwergspitzmafia, die die minderinformierten Putzigkeitsopfer unter den großen Youtuberinnen seit Jahren mit geschundenen Welpen aus Russland versorgt. Eine ernährungsphysiologische und verdauungssoziologische Analyse der veränderten Essgewohnheiten des Rustikalyoutubers Tanzverbot, die grässlichsten Babyshowerpartys im Pompös-Vergleich, eine Oral History der länglich nacherzählten Geburtsberichte – die Themenliste ist endlos. Schreiben Sie mir, ich warte derweil.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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