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Bla, Blasberg

Empört Euch!

Kai Blasberg – Zeichnung: Bertil Brahm

Es geht um Opportunismus. Um Google, um Zielgruppenwahn.
Und es geht um ARD und ZDF. Eine Polemik

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Sie lesen meine Kolumne. Prima! Das zeigt, mir wie klug Sie sind. Denn das muss man sein, um sie zu verstehen. Ich schreibe nicht für Dummköpfe. Bitte folgen Sie mir in einen Gedanken, der banal klingt, aber unser Leben gefährdet und von enormer Wichtigkeit für unsere Zukunft ist. Eine Geschichte des Opportunismus und des Faschismus, der Dummheit und von schier empörender Gleichgültigkeit, die in meiner Generation in einem Leitsatz gipfelt: „Willzn machen, kannze nix machen.“

Bevor Sie sich gleich selbst beim geistigen Abschalten erwischen, es gibt keinen Anlass für den Rückziehreflex: Ich schreibe hier als Bürger, und nicht als Lobbyist des Privatfernsehens. Es geht mir um die von unseren Abgaben finanzierten Inhalte, die ARD und ZDF den Gesellschaftsfeinden von Google nonchalant, duckmäuserisch und beifallheischend kostenlos vor die Füße werfen. In dem götzenanbetungsgleichen Wunsch und Komplex, die spät endeckten und längst missachtet geglaubten verschiedenen, vor allem aber „jungen Zielgruppen“ zu erreichen und zu begeistern. 

Wohlgemerkt: ein Massenmedium hat keine Zielgruppen, denn es zielt auf die Masse. Eine Zielgruppe wiederum hat keine Zahlen-, sondern wenn überhaupt, Verhaltensmerkmale und -gleichheiten. Das heißt, eine Zielgruppe kann nicht Vierzehnneunundvierzig sein, aber sehr wohl hundebesitzend. Rein philosophisch ist die Zielgruppe aber vor allem eines: irrelevant! Diese Masse, also alle, viele, zumindest aber die meisten, hat das teuerste öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt immer erreicht. Bis es mehr als 20 Jahre in panische Schockstarre verfiel und gleichzeitig das Paradoxon entstand, aus dieser Starre heraus jedermann (samt seiner Hunde), ewig zu spät kommend, trotzdem nachlaufen zu wollen. 

Das lesen Sie besser nochmal.

Der Komplex, es den „Jungen“ nicht mehr recht machen zu können, führt zu dem in der Öffentlichkeit unbeachteten Tatbestand, dass sich Youtube – die übelste alle Google-Töchter –  über edelste, kostenlose Programmware australiengroße Löcher in den Bauch freut und still in sich hineinjubiliert, wie blöde man wohl sein könne auf Seiten der Deutschfunker. Trägt doch dieser mit Inbrunst betriebene Hochrein-Opportunismus die Handschrift der renommierten Blockparteien der sterbenden DDR. Alle wissen, es läuft falsch, doch der auch damals sicher hochpopulären Haltung (s.o.) wird nachgegeben, weil es bequemer ist, weil es keinen Ärger bereitet, weil die Welt nun mal nicht zu ändern ist, weil, weil, weil und weil …

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr/e PartnerIn geht fremd. Würden Sie die Hotel-Suite buchen? Den Champagner kaltstellen lassen? Kondome kaufen?

Wenn ja, wäre ein Besuch beim Psychologen ratsam. Mit Ihrem Selbstwertgefühl läge manches im Argen. Diese beschädigte Psychologie durchzieht das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem seit seinen selbsterklärten Dauerniederlagen in den Neunzigern und Nullerjahren. Man besann sich nicht auf seine Stärke, tolles Programm teuer produzieren zu können, sondern wich aus, formulierte neu. Verbannte, gründete, zweifelte, verwarf. Alles bis aufs Tiefste durchkontrolliert, dauerkritisiert, hadernd. Wann fanden sich einmal selbstbewusste, Leader dieser Organisationen, die sagten: Folgt mir. Ich weise euch den Weg.

Nein, zutiefst durchdrungen vom Gedanken, die „Jungen“ nicht zu erreichen, gründete man zunächst unbudgetierte Sender à la ZDFneo, um sie anschließend doch wieder nur dem Diktat der Zahlen zu unterwerfen und zu Wiederholungsorgeln zu degradieren. Nun also kulminierte diese Missetat bei Google.

Nicht einmal mehr im Ansatz ist bei den Hütern des Systems erkennbar, dass man sich selbst zutraut, große, starke, für sich selbst sprechende Einheiten zu schaffen und zu pflegen.

Der 100-Meter-Läufer amputiert sich in einer Trainingspause das rechte Bein und lädt die geifernden Zombies zur Fußpflege ein.

Schütteln Sie da nicht auch mit dem Kopf?


Kai Blasberg ist Geschäftsführer von Tele 5 und macht am liebsten das, was ihm selbst gefällt. Meinungen verzapfen etwa.

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