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Wirecard-Pleite

Der späte, aber große Triumph der Financial Times

Financial Times

Die Medien-Story hinter dem tiefen Fall des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard wird im Tumult gern vergessen: Die „Financial Times“ brachte den Stein ins Rollen und recherchierte immer weiter – gegen alle Widerstände

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Es endet wie in einem Hollywood-Thriller: auf dem Tiefpunkt. Wirecard, das deutsche Vorzeige-Unternehmen der Fintech-Szene, ist insolvent. Seit der Einführung des Deutschen Aktienindex (Dax) vor 32 Jahren hat es einen solchen Fall noch nicht gegeben. Es ist das spektakuläre Ende einer der faszinierendsten Aufstieg-und-Fall-Geschichten, die die deutsche Wirtschaft zumindest in diesem Jahrhundert bisher erlebt hat.

Tatsächlich gab es ja einmal eine Zeit, in der Wirecard die zweitwertvollste Bank Deutschlands, die Commerzbank, aus dem Dax verdrängte – und gar mehr wert war als das einst wertvollste Kreditinstitut des Landes, die Deutsche Bank. Lang ist das nicht her, knapp zwei Jahre sind es genau. Seinerzeit leuchteten auf dem Frankfurter Handelsparkett Notierungen von knapp 200 Euro auf – gestern stoppte der Kurs des Aschheimer Zahlungsabwicklers bei knapp 3 Euro.

18-monatiger Wirtschaftskrimi

Einen maßgeblichen Anteil am Totalcrash des 21 Jahre alten Unternehmens, das in der Hochzeit des Neuen Marktes geboren wurde und nun ebenso geräuschvoll wie das einstige Boom-Segment des deutschen Aktienmarktes seinen Niedergang erlebt, hat eine der renommiertesten Wirtschaftszeitungen der Welt – und zwar im besten Sinne des journalistischen Handwerks.

Die britische Financial Times lieferte sich mit Wirecard über eineinhalb Jahre einen Wirtschaftskrimi, den man getrost als episch bezeichnen kann. Den Anfang machte im Januar 2019 ein Bericht der Redakteure Dan McCrum und Stefania Palma über mögliche Geldwäsche und Kontenfälschung bei Wirecard. (Die gesamte kritische Berichterstattung der FT mit den Bilanzen des Unternehmens, die in der Reihe “House of Wirecard” zusammengefasst ist, reicht bis Jahr 2015 zurück.)

Daraufhin brach die Aktie des Münchner Zahlungsdienstleisters in der Spitze um bis zu 30 Prozent ein. Umgehend dementierte der Dax-Konzern und nannte den Artikel der Financial Times „falsch, ungenau, irreführend und diffamierend“; der Artikel habe „keine Substanz“ und sei „völlig bedeutungslos“. „Wir stehen zu unserer Berichterstattung“, konterten die Briten.

Es war der Auftakt eines 18-monatigen Ringens um die Wahrheit des Geschäftsgebarens von Wirecard, das mal einem Katz-und-Maus-Spiel, mal einem David-gegen-Goliath-Kampf glich. Die Financial Times wechselte bekanntlich 2015 für 1,3 Milliarden Dollar den Besitzer. Wirecard war auf dem Höhepunkt an der Börse dagegen 25 Milliarden Euro wert.

Financial Times mit Klagen gegen Wirecard-Berichterstattung stark unter Druck gesetzt

Die Bandagen wurden schnell härter. Auf den Vorwurf der FT-Redakteure, der Dax-Neuling hätte Scheinumsätze mit verschobenen Geldern vorgenommen, folgten rechtliche Schritte von Wirecard gegen die Wirtschaftszeitung.

Und mehr noch: Die Münchner gingen in die Gegenoffensive und behaupteten, die FT habe sich bei ihrer Negativberichterstattung mit Leerverkäufern (Shortsellern) abgesprochen, die auf fallende Kurse wetten. Es folgte eine Schadensersatzklage gegen die Financial Times.

Auch die Bafin zeigte die FT-Journalisten an – und steht nun blamiert da

Nun befand sich die FT plötzlich in der Defensive. Sogar die deutsche Finanzaufsicht Bafin zeigte die FT-Journalisten an – und sollte damit auf der falschen Seite der Geschichte stehen. (Bafin-Chef Felix Hufeld sprach zu Wochenbeginn kleinlaut von „Desaster“ und „Schande“.)

FT-Chefredakteur Lionel Barber wies die Wirecard-Vorwürfe indes beharrlich zurück und ließ die Berichterstattung extern prüfen. Dazu wurden Anwälte der Londoner Kanzlei RPC engagiert, die keinerlei Hinweise gefunden hatte, dass es Absprachen zwischen Reportern und Spekulanten gegeben habe. 

Die Schlinge zieht sich wie im Zeitraffer zu

Binnen der vergangenen Woche zog sich die Schlinge um Wirecard dann nach einem zähen Hin und Her schnell und endgültig zu. Als Wirecard Mitte Juni seine bereits mehrfach verschobene Jahresbilanz für 2019 nicht vorlegen konnte, war klar, was die Stunde geschlagen hatte. 1,9 Milliarden Euro waren plötzlich verschwunden und als Luftbuchungen in den Philippinen enttarnt.

Der Rest passierte wie im Zeitraffer: Vorstandschef Markus Braun tritt zurück, wird verhaftet, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) spricht von „umfassendem Betrug„. Die Wirecard-Aktie kollabiert binnen einer Woche um 97 Prozent.

Das Spiel ist aus, das Geld weg. Das sind die Schlagzeilen dieser Tage. Gegeben hätte es sie jedoch nie ohne die unermüdliche Rechercheleistung der Financial Times, deren Mutterkonzern Nikkei Inc. in der Auseinandersetzung mit einem deutlich wertvolleren Unternehmen ein beträchtliches unternehmerisches Risiko einging.

Ein Triumph des Investigativjournalismus

Die Beharrlichkeit zahlte sich aus. Auch Bafin-Chef Hufeld kam nicht herum, „die Redakteure, die die Unregelmäßigkeiten (in der Bilanz – Anmerkung der Redaktion) herausgearbeitet haben“, nun zu beglückwünschen.

Es ist ein Triumph des Journalismus, der in Zeiten der andauernden Branchenkrise eine nicht zu überschätzende Beachtung verdient. Mit einer spektakulären Investigativleistung (nachzulesen im Dossier „Inside Wirecard“ inklusive der Timeline) haben die britischen Wirtschaftsjournalisten ein deutsches Enron bzw. Worldcom aufgedeckt.

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