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Die Anja-Rützel-Kolumne

Von Tieren lernen heißt, Ziegen lernen

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Sie müssen gerade so richtig viel einstecken, also PR-mäßig jetzt? Tiere können Ihnen helfen. Aber bitte, bitte machen Sie es richtig. Eine falsche Wahl könnte verheerend sein. Wirklich. Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse.

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Ich träume regelmäßig davon, in einer ganz anderen Branche noch einmal neu anzufangen. Am liebsten als Hunde-Porträtmalerin für schwerreiche, komplett doggo-versessene Schrullanten, Privatdetektivin (für nicht allzu anstrengende Fälle) oder als gütige TV-Betreuerin für all jene Fälle, die zu Beginn jeder Dschungelcamp-Staffel krähen, sie würden keinen der Beteiligten kennen – ich säße dann gegen ein nicht zu geringes Entgelt neben ihnen in einem Ohrensessel und würde das nötigste Trash-TV-Wissen soufflieren.

Imagetier-Beratungsagentur

Leider scheinen mir diese Ideen noch nicht wirklich marktreif, ganz im Gegensatz zu meiner vierten Idee: Offensichtlich ist der Bedarf an einer guten Imagetier-Beratungsagetur sehr groß, denn sonst hätte Virologie-Professor Hendrik Streeck vergangene Woche nicht ausgerechnet das Bild eines Golden-Retriever-Welpen getwittert, dazu die Worte „Welcome to our family!“ – und das kurz nach der heftigen Kritik an seiner Zusammenarbeit mit der Kommunikationsagentur Storymachine in Sachen „Heinsberg-Protokoll“.

Golden Retriever sind zweifellos die lächelfreudigsten Hunde, ihre Welpen der kleinste gemeinsame Niedlichkeitsnenner, die auch die gröbsten Klötze reflexhaft lachen lassen. Aber natürlich ist es auch wahnsinnig durchschaubar, sich mit diesen tierischen Blondinen zu umgeben, ihre harmlose Seidigkeit auf einen abstrahlen zu lassen, um von anderweitigen Rumpeleien abzulenken.

Baby-Okapis und Saiga-Antilopen

In meiner Imagetier-Agentur würde ich Hunde nur bei harmlosen Fällen einsetzen und bei wirklich feisten Fuckups direkt auf wirklich unfassbar putzige Baby-Okapis oder verwirrend rüsselnasige Saiga-Antilopen setzen, die dann bei meinen Klienten einziehen würden, bis das Gröbste überstanden ist. Wie gesagt, der Bedarf scheint eindeutig da zu sein: Trash-TV-Protzinosum Bastian Yotta packte vergangene Woche rührselige Fotos von sich und einem von ihm gepäppelten Eichhörnchenbaby in seine Insta-Story, als Videos von ihm auftauchten, in denen er in ekelhaft misogyner Weise über Frauen und das Recht der Männer, sie „zu benutzen“ spricht, und schließlich noch ein Video leakte, in dem er mutmaßlich einen Dackel misshandelt.

Die besten Imagetier-Berater hat momentan zweifellos Arnold Schwarzenegger: Sein Miniatur-Pony Whiskey und der Zwergesel Lulu, von denen er öfters mal herzzerreißende Videos postet, lenken ganz ausgezeichnet davon ab, dass sich Corona-Isolationstipps am besten aus einer gigantischen Luxusvilla heraus adressieren lassen. Die Tiere haben bereits eigene Merchandise-Produkte; ich selbst hätte mir längst den Hoodie gekauft, auf dem Arnie umflankt von seinen Tieren als glücklicher Spezies-Sandwich zu sehen ist – hätte ich mein Ramschbudget vergangene Woche nicht schon für ein billiges Imitat des Verlobungsrings der Wendler-Kindsbraut Laura Müller ausgegeben, das diese beiden Schamlosigkeitsgiganten direkt am Tag nach ihrem Heiratsversprechen verhökerten.

Wer das Imagetier-Game beherrscht

In Deutschland gibt es für mich aktuell eigentlich nur zwei Menschen, die das Imagetier-Game beherrschen: Optik-Unternehmer Günther Fielmann züchtet seltene Kärntner Brillenschafe, eine wunderschöne Rasse, die wie dürre Pandas in sinnlos dicken Wollmänteln aussehen – eine hervorragende Übersetzung des Markenkerns ins Flauschwesen, perfektes Dämm-Material für alle Shitstorms, die irgendwann aufziehen könnten. Und Kai Diekmann hält sich ein Paar prächtiger Ziegen, was gleichermaßen Exzentrik und Bodenständigkeit verströmt und seinen Halter für geschossene Böcke und Zickenkriege wappnet. Die Ziegen scheinen sehr verständig zu sein: Auf Twitter gibt es ein Video, das eine der beiden beim ambitionierten Hindernissprung zeigt.

Wenn Sie das nächste Mal in einem PR-Schlamassel stecken, kontaktieren Sie mich gern – meine Geheimställe sind berstend voll.

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