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Die Anja-Rützel-Kolumne

Masken, Marken, Molch

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Masken als Werberaum: Was käuflich ist, wird fassbar. Und munter begriffelt der Kapitalismus mit seinen Glitschefingern nun auch die Pandemie. Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen

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Meinen jüngsten Wutanfall bekam ich im Onlineshop des Sportklubs Rapid. Ich hatte etwa eine Stunde lang vergeblich versucht, mir dort einen Mund- und Nasenschutz mit dem Logo des Wiener Fußballvereins zu bestellen, wurde immer wieder mit einer noch nie gelesenen, vermutlich irgendwie österreichischen Fehlermeldung aus dem Bezahlvorgang gekegelt und schließlich final als Kundin abgelehnt, weil die Rapid-Masken selbstverständlich nur innerhalb Österreichs verschickt werden.

Rapidmaske zum Fanschal

Ich war sauer, weil ich mir bereits ausgemalt hatte, wie ich die Rapidmaske mit meinem Fanschal vom SSD Palermo kombinieren würde, um als  zweifellos mondäne, aber auch erratische Fußballfreundin über die Allee zu flanieren, in der ich wohne. Vor allem aber wollte ich die Maske – das erste irgendwie gebrandete Modell, das ich irgendwo sah – als Andenken kaufen, zur Erinnerung an den Zeitpunkt, an dem das alte, wohlvertraute Ekel Kapitalismus mit seinen glitschigen, kalten Molchfingern nun also auch die Pandemie begriffelte.

Die Idee, Behelfsmasken als füllbaren Werbe- und Botschaftsraum zu verwenden, fand ich gleichzeitig absurd und sonderbar beruhigend: Was sich verlifestylen lässt, ist gleich ein bisschen weniger gruselig, was käuflich ist, wird fassbar. Business as usual, manchmal kann einem das in seiner maroden Verlässlichkeit zumindest ein bisschen Normalität vorgaukeln.

„Koko von Knebel“

Ich kaufte also keine Rapid-Maske, besaß aber bereits zwei neutrale Modelle, erworben gleich in der Frühphase der Coronakrise, die ich mir um die Mundpartie zurre, wenn ich mit dem Hund rausgehe. Sie sind aus mattblaugrauem Stoff, der mich sofort an die Schwesternschülerinnenkittel aus der „Schwarzwald-Klinik“ denken ließ, sehr dezent, obwohl ich sie in einem durchaus exaltierten Hundebedarf-Onlineshop namens „Koko von Knebel“ erwarb. Sie waren Teil eines Kombipakets, dem ich nicht widerstehen konnte: Zwei Masken für den Menschen, eine Tüte Leberwurstkekse für den Hund. Ergänzend kaufte ich dann noch drei weitere, erfreulich preisgünstige aus der Produktion des Handwerks-Youtubers Fynn Kliemann, schwarz und schlicht: Das dreieckstütige Design verpasst seinem Träger zwar einen Breitschnabel nach Art eines Papageientauchers, sitzt aber überzeugend bequem.

Seit einer Woche verfolge ich nun, wie sich der Mustermarkenmarkt immer weiter diversifiziert. Erste Designer wittern bereits Morgenluft: „Stay safe with Kilian“, steht auf dem Modell von Kilian Kerner, Stefan Eckert druckt „Spread love“ auf Apricot-Stoff – und, auf ein zweites Modell, „Choose life“, was man angesichts der ja eher überschaubaren Wahlfreiheit, die man bei einer Covid-19-Erkrankung so hat, mindestens saftig bekackt finden kann. Es gibt pampige Masken mit „Don’t mess with Berlin“-Aufdruck, welche mit dem Zwiebelschnurrbart von der „Haus des Geldes“-Maske, Modelle mit Knutschsmiley und solche, die die Täuschung erwecken, der Träger habe ein Braunbärenmaul (ärgerlich, dass noch niemand den wohlfeilen Putzigkeits-Pun mit „Pandamie“ mit einem entsprechenden Modell würdigte). Auf dem geschmacklich fragwürdigsten Modell, das ich bisher entdeckte, ist ein gezeichneter Corgi auf rosa Grund zu sehen, der einem den Hintern entgegenreckt, die weiße Bürzelfärbung hat die Form eines Herzens.  

Protzproll-Punkt erreicht

Überraschend früh wurde auch der Protzproll-Punkt (ProProPu) erreicht, jener Moment in der Designgeschichte eines jeden Modeprodukts, bei dem das erste Exemplar mit Gucci-Logo oder -Muster auftaucht. Und schließlich konnte ich dann auch nicht widerstehen, als ich in einem Onlineshop mit moulinrouge-haften, schwüldunkelroten Satin-Mundschutzen auch ein schwarzgrundiges Design mit dem klassischen grün-rot-grünen Streifenmuster des Schnösel-Labels entdeckte. Der Shop sah nicht hundertprozentig offiziell aus, zugegeben, allerdings wurden die Masken unter der Bezeichnung „Hucci“ angebote. Lizenzrechtlich sollte also alles absolut wasserdicht sein.

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