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„Zeitzeuge der unaufdringlichen Art“: Ex-Geo-Chef Peter-Matthias Gaede zum Tod von Hermann Schreiber

Foto: imago/ teutopress

Der einstige Geo-Chefredakteur und Moderator der „NDR Talk Show“, Hermann Schreiber, ist tot. Er verstarb im Alter von 90 Jahren in der Nacht zu Ostersonntag. In einem Nachruf für MEEDIA beschreibt Peter-Matthias Gaede, von 1994 bis 2014 Chefredakteur von Geo, den Journalisten Schreiber als „milder Mensch. Mit einer Neigung, sich auch Themen zu widmen, die Widerhaken und Abwehr, Furcht und Verdrückung ernten mussten.“

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Ein Nachruf auf Hermann Schreiber

Von Peter-Matthias Gaede, GEO-Chefredakteur von 1994 bis 2014

Er war ein Stiller unter den erfolgreichsten Journalisten der Nachkriegsgeschichte; alles Großmäulige war ihm immer fremd. Er war ein feiner Beobachter, ein Wissender ohne Pomp, ein Kenner der Macht ohne den Drang, selber ein Allmächtiger zu werden. Er war ein Chefredakteur, der besser als seine Mannschaft schreiben konnte, er war ein Liebhaber der Oper und des Schauspiels, er war ein Verehrer der Kultur ohne die Ambition zum Weltenbeweger.

Hermann Schreiber war zunächst und früh ein herausragender Journalist mit allem Gespür für die Zwischentöne, er war ein politischer Journalist mit einem Gefühl für das Subtile in der Bonner Republik, er war vier Kanzlern nahe wie kaum ein Zweiter, er beschrieb sie wie kaum ein Zweiter. Er schrieb so brillant, dass er einer der frühen Namensautoren beim „Spiegel“ wurde – zu einer Zeit, als dort nur ganz wenige einen Namen haben durften.

Bei GEO, zunächst viele gute Jahre als Chefreporter, ab 1987 dann für fünf Jahre als Chefredakteur, repräsentierte er überaus erfolgreich die goldenen Aufstiegszeiten dieses Magazins. Aber er war bedacht; Triumphgetöse war ihm nicht gegeben, seine spezifische Nachdenklichkeit machte ihn eher vorsichtig als übermütig, die ihm eigene Melancholie färbte selbst seine Siege in zurückhaltenden Tönen ein.

Hermann Schreiber kannte sich aus. Er war belesen, er war ein Bildungsbürger im besten Sinne. Er war vernetzt mit den Granden aus Politik und Kultur, und er genoss es durchaus, als NDR-Talkmaster an Flughäfen Autogrammkarten unterschreiben zu müssen; er genoss es, in Bayreuth ein Vertrauter zu sein, Theaterintendanten und Filmregisseuren ein Berater. Hermann Schreiber war musikalisch, und er bewies das mit wohltemperierten Texten, auch in GEO. Er bewies es als Jury-Mitglied des Egon-Erwin-Kisch-Preises und anderer Schiedsgerichte, er bewies es im Hintergrund der Deutschen Stiftung Musikleben der Irene Schulte-Hillen, später dann als Kolumnist des „Hamburger Abendblatts“.

Hermann Schreiber war ein milder Mensch. Mit einer Neigung, sich auch Themen zu widmen, die Widerhaken und Abwehr, Furcht und Verdrückung ernten mussten. Etwa der Midlife crisis der Männer, einem verfemten Thema, das Hermann Schreiber mit einem erfolgreichen Buch auf die Agenda setzte. Oder mit einem Werk über die Verdrängung des Todes, mit einem Aufruf, sich mit der Endlichkeit des Menschen zu versöhnen („Das gute Ende“), womit er ebenfalls ein Fenster öffnete, durch das zunächst wenige schauen wollten. Hermann Schreiber war ein Räsonnierer, keiner für die ganz schnellen Antworten, keiner für die Oberflächlichkeit einer allzu schnellen Gewissheit. Er wusste mehr als das, womit andere angeben würden. Er war ein Zeitzeuge der unaufdringlichen Art. Er war ein Journalist, der fragte, weil ihn die Antworten interessierten.

In einem Interview, das der „Spiegel“ 2008 mit ihm führte, sprach Hermann Schreiber davon, mehr Glück gehabt zu haben, „als ich vielleicht verdient habe“. Dass er sich spät noch den Jugendtraum erfüllen konnte, sich in der Film- und Theaterwelt als Novize in kleinen Nebenrollen und zugleich Berater herumzutreiben, zählte er zu diesem Glück. Und auf die Frage, welche Rolle der Neuanfang im Alter spiele, antwortete er: „Für mich ist das eine aktive Art, Abschied zu nehmen. Ich habe mein Leben gelebt, ein neues kriege ich nicht. Es ist eine alte Weisheit: Fange nie an, aufzuhören, höre nie auf, anzufangen.“

In der Nacht auf den Ostersonntag ist Hermann Schreiber entschlafen. Bei Gruner + Jahr wirken nun längst andere Generationen. Aber der Verlag verneigt sich in Respekt vor diesem Menschenfreund.

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