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Wenn Corona das Magazin zerschießt: Drei Chefredakteure berichten über ihre Erfahrungen

Cover Focus Style, GQ, Playboy

Es war der perfekte Plan, Bond auf dem Cover zum Kinostart. Doch dann kam Corona und alles wurde anders Foto: Cover Focus Style, GQ, Playboy

Was passiert, wenn der Anlass für das Magazin wegen der Coronakrise verschoben wird, aber das Heft bereits im Druck ist? Das beantworten die Chefredakteure von „Focus Style“, „GQ“ und „Playboy“.

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Am Abend des 4. März 2020 machte eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen die Runde. Der Filmstart des neuesten Bond-Teils „Keine Zeit zu sterben“ wurde verschoben, vom 2. April auf den 12. November 2020. Grund sei eine „sorgfältige Evaluation des internationalen Kinomarkts“, verkündeten die Broccoli-Familie und MGM. Anders ausgedrückt: Schuld hatte Corona. Schließlich sind Kinos in Zeiten von Social Distancing und Ausgangssperren alles andere als gefragt.

Die Entscheidung traf nicht nur die bekannten Bond-Werbemarken wie Aston Martin, Omega, Heineken, Nokia und Land Rover hart, sondern auch den Markt der Lifestyle-Magazine. Die Branche hatte im Vorfeld ihren Produktionsplan ganz auf den Kinostart ausgerichtet. Die Folge: verschiedene Bond-Cover im Handel, aber kein Bond-Film im Kino. MEEDIA hat nachgefragt, wie die betroffenen Titel in der Corona-Krise mit dieser Entscheidung umgegangen sind. Auf die sechs Fragen geantwortet haben „Focus Style“, „GQ“ und „Playboy“. „Instyle Men“ wurde angefragt, konnte aber kurzfristig nicht antworten.

Für „Focus Style“ hat Redaktionsleiter José Redondo-Vega geantwortet:

Wann haben Sie von der Verschiebung des Bond-Filmstarts erfahren?
Am Abend vor Heftdruck.

Was war Ihr erster Gedanke?
Können wir das Heft noch aktualisieren? Es war extrem knapp, aber wir konnten alle relevanten Daten noch entsprechend anpassen lassen. Einen großen Dank an dieser Stelle an die Kollegen in der Druckerei.

Was war Ihr zweiter Gedanke?
Schade um den Filmstart. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut. Außerdem waren PR-Maßnahmen und -budgets für April geplant. Was wird jetzt im November geschehen?

Wie hat die Redaktion reagiert?
Extrem schnell und professionell. Das Thema war in einer Stunde erledigt.

Was war Ihre erste Maßnahme?
Ich habe mir einen Martini gegönnt. Nein, im Ernst: zuerst wurden alle zuständigen Kollegen in- und außerhalb des Verlags umfassend informiert.

Was möchten Sie anderen Medien sagen, die jetzt in einer ähnlichen Situation stecken?
Da gibt es leider keinen Königsweg ­– das kann nur jeder für sich entscheiden. Printmedien stehen in dieser dynamischen Zeit vor der Herausforderung, Themen von übergeordneter Relevanz zu finden. Der Filmstart war für uns lediglich der Anlass das Phänomen Bond und die 007-Welt zu beleuchten und im Spiegel der Wirklichkeit deren Aktualität zu hinterfragen. In welchem Kosmos bewegt sich Bond heute? Wie hat sich das Geschlechterverhältnis geändert? Welches Männerbild wird transportiert? Wolfgang Joop, Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz haben sich dazu im Heft ihre Gedanken gemacht. Entstanden sind inspirierende Geschichten, die nicht an einen Filmstart gebunden sind und sicher gerne gelesen werden – nicht zuletzt auch deshalb, weil man sich für einen Moment dem digitalen Mediengewitter entziehen kann.

Für „GQ Germany“ hat André Pollmann geantwortet, Chief Creative Director „GQ“

Wann haben Sie von der Verschiebung des Bond-Filmstarts erfahren?
Leider zu spät, unser „GQ“-Magazin war quasi schon auf dem Weg zur Druckerei… 

Was war Ihr erster Gedanke?
Nicht druckfähig…;-)

Was war Ihr zweiter Gedanke?
There is always a way out of no way.

Wie hat die Redaktion reagiert?
Im ersten Moment war die Enttäuschung natürlich groß, weil wir mit viel Herzblut an einer extrem coolen Ausgabe mit einem großartigen Daniel Craig-Interview gearbeitet haben. In der zweiten Sekunde: Genau deshalb soll unsere Fangemeinde diese „GQ“ auch so bekommen. Damit steigt nur die Vorfreude auf den Film. 

Was war Ihre erste Maßnahme?
Wir haben kurzfristig einen Brief an unsere Leser formuliert, den wir der Ausgabe beigelegt haben. 

Was möchten Sie anderen Medien sagen, die jetzt in einer ähnlichen Situation stecken?
Dazu muss ich den KollegInnen nichts sagen. Wir sitzen alle im gleichen Boot und versuchen möglichst das Beste aus der Situation zu machen. Ich bin stolz auf mein „GQ“-Team, auf das gesamte Team bei Condé Nast. Wir gehen in die zweite Home Office-Woche, starten jeden Morgen mit rund 300 KollegInnen in einem Video-Call mit unserer CEO gemeinsam in den Tag. Das schweißt zusammen, wir wachsen als Team zusammen.

Für den „Playboy“ hat Chefredakteur Florian Boitin geantwortet

Wann haben Sie von der Verschiebung des Bond-Filmstarts erfahren?
Es war der 4. März, Mittwochabend so gegen 19:00 Uhr, als mich Philipp Schulze, Cinema-Chefredakteur (der mit seinem Team redaktioneller Kooperationspartner war bei dem Projekt), anrief. In einer kleinen Meldung auf der Webseite der New York Times habe er von einer Verschiebung gelesen, der neue Starttermin stehe aber noch nicht fest. Wir hatten da gerade alle finalen Magazinseiten an die Druckerei übermittelt. Wenige Minuten später sollte tatsächlich die Titelseite des Sonderheftes gedruckt werden.

Was war Ihr erster Gedanke?
What?!

Was war Ihr zweiter Gedanke?
Ok, wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: entweder die Druckmaschinen anhalten, also das ganze Projekt sofort stoppen. Und am nächsten Morgen dann all unsere Anzeigenkunden und Vertriebspartner informieren. Oder aber: den Druck planmäßig weiter laufen lassen, um dadurch wie angekündigt am Kiosk zu erscheinen und mit dem Bond-Heft pünktlich in den Briefkästen unserer Abonnenten zu liegen. Wir haben uns bekanntlich für die zweite Möglichkeit entschieden. Schließlich ist immer die richtige Zeit für James Bond.

Wie hat die Redaktion reagiert?
Sie hat unsere Entscheidung, also die Entscheidung der Geschäftsführung, erleichtert zur Kenntnis genommen und steht hundertprozentig dahinter. Das Team ist sehr glücklich über das Ergebnis und auch die ersten Leserreaktionen zeigen uns, dass es die absolut richtige Entscheidung war. So schreibt uns ein Leser beispielsweise folgendes: „Liebes Playboy-Team, genau jetzt in Krisenzeiten braucht das Land euch! Vielen Dank für die Sonderausgabe, ab heute fühle ich den Turn-Around.“

Was war Ihre erste Maßnahme?
Mich mit meiner Geschäftspartnerin Myriam Karsch zu beraten. Das Gespräch dauerte nicht mal eine Minute. Wir waren uns sofort einig, mit dem Sonderheft planmäßig zu erscheinen.

Was möchten Sie anderen Medien sagen, die jetzt in einer ähnlichen Situation stecken?
Bewahrt kühlen Kopf und vertraut euren Instinkten.

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