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„Ich mache den Berliner Verlag als Hobby“ – Holger Friedrich kritisiert „überalterte Denkstrukturen“ in der Branche

Holger Friedrich Foto: Britta Pedersen / zb / dpa

Mehr Kooperation, mehr Technologie oder mehr Qualitätsjournalismus? Ein Expertenforum in Berlin sucht nach Strategien gegen den Niedergang der Regionalzeitungen. Verleger Holger Friedrich attestiert den Wettbewerbern dabei veraltete Denk- und Management-Strukturen.

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 Von Martin Jahrfeld

Die Krise der regionalen Tageszeitungen in Deutschland hat viele Facetten. Schrumpfende Anzeigenerlöse und die Konkurrenz digitaler Gratis-Angebote sind dabei nur die offensichtlichsten aber bei weitem nicht einzigen Probleme, wie ein Expertenforum des Medientreffpunkts Mitteldeutschland (MTM) in Berlin offenbarte. Für die zur Funke-Gruppe gehörende Mediengruppe Thüringen verschärfen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurzeit nicht etwa dadurch, dass die Kunden ins Netz abwandern, sondern dass sie an ihren Print-Abos festhalten.

„Fünfzig Prozent unserer Leser leben im ländlichen Raum, sechzig Prozent sind älter als sechzig Jahre. Aus unserer Markforschung wissen wir, dass deren Interesse an E-Paper und Podcasts ziemlich gering ist“, berichtet Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, die mit der „Thüringer Allgemeinen“, der „Ostthüringer Zeitung“ und der „Thüringischen Landeszeitung“ die größte Zeitungsgruppe des Bundeslandes bildet. „Was uns wirtschaftlich den Hals bricht, sind die Logistikkosten, die sich seit Einführung des Mindestlohnes stark erhöht haben. Auf dem Land sind die Zustellungskosten durch den Abo-Preis häufig nicht mehr gedeckt“, so Tallai, der den Mindestlohn dadurch jedoch nicht in Frage gestellt sehen will.

„Wenn wir nicht mehr drucken müssten, würden wir gut verdienen.“

Das immer noch intakte Abo-Print-Geschäft der Zeitungsgruppe empfindet er vor diesem Hintergrund jedoch eher als Bürde: „Wenn wir nicht mehr drucken und zustellen müssten, würden wir gut verdienen.“ Eine partielle Substitution der Print-Abos durch digitale Abos sei keine Lösung, da die Auslieferungskosten pro verbliebenem Print-Abo dann noch weiter steigen würden. Den Zeitungsverlagen gehe es nicht anders als Supermarktketten oder Banken, die ihre Dienstleistungen im sich ausdünnenden ländlichen Raum kaum noch rentabel anbieten könnten. Chancen für eine Rückkehr zur Rentabilität sieht Tallai in einer stärkeren Kooperation der im ländlichen Raum präsenten Dienstleister und sich daraus ergebender Synergien: Effizienzgewinne könnten erzielt werden, wenn etwa die 900 Zustellerfahrzeuge der Zeitungsgruppe, die bisher exklusiv für die Zeitungsauslieferung unterwegs sind, auch Waren anderer Anbieter auslieferten.

Für Holger Friedrich, seit 2019 gemeinsam mit Ehefrau Silke Eigentümer des Berliner Verlages, ist die Krise der Regionalzeitungen weit grundsätzlicherer Natur. Der IT-Unternehmer und Branchenneuling erklärte im Gegensatz zu früheren Interview-Aussagen: „Ich mache den Berliner Verlag als Hobby.“ Früher hatten die Friedrichs betont, dass der Verlag eben kein Hobby sei. Holger Friedrich diagnostizierte seinen Wettbewerbern überalterte Management- und Denkstrukturen, die zur Krisenbewältigung ungeeignet seien. „Die Bereitschaft Neues zu lernen nimmt mit dem Alter ab. Die Probleme sinkender Einnahmen, schrumpfender Margen und schwindender journalistischer Glaubwürdigkeit sind jedoch drei Herausforderungen, die neues Denken und größere technologische Offenheit erfordern“, so der Unternehmer. Ungenutzten Handlungsspielraum sieht Friedrich vor allem auf der Ebene der Margenverbesserung. Die anhaltende Innovationsdynamik der digitalen Technologien eröffne auch den Verlagen neue Chancen, diese würden jedoch kaum genutzt.

Friedrich will IT-Kosten massiv senken

Durch den Aufbau einer neuen IT-Architektur für den Berliner Verlag sowie einer Vernetzung sämtlicher Verlagsprojekte mit Cloud-Diensten will Friedrich die laufenden IT-Kosten in seinem Haus kurzfristig um 73 Prozent senken und auf diese Weise den anderen Abteilungen des Verlages größere finanzielle Spielräume eröffnen. Zu aktuellen Vorgängen um den Berliner Verlag äußerte sich der Unternehmer zurückhaltend. Einen Bericht der „Welt am Sonntag“, der dem Verlegerpaar vorgeworfen hatte, in der Schweiz die Existenz einer GmbH vorgetäuscht zu haben, quittiere Friedrich achselzuckend. Er habe den Text nicht gelesen, jedoch halte er sich stets an alle rechtlichen Vorschriften, die in der IT-Branche zudem weit strikter seien als in der Verlagsbranche. Die Kündigung von Chefredakteur Matthias Thieme nach nur drei Wochen hat den Verlag jedoch offenbar unvorbereitet getroffen: „Ich habe davon erst auf Spiegel Online erfahren“, ließ Friedrich wissen.

Wege aus der Glaubwürdigkeitskrise der Regionalzeitungen skizzierte der Unternehmensgründer Jan Hildebrandt. Der Gründer von abgeordnetenwatch.de initiierte 2013 das hyperlokale Nachrichtenportal „Eimsbütteler Nachrichten“, das sich an die Bewohner des gleichnamigen Hamburger Stadtteils wendet und unabhängigen lokalen Qualitätsjournalismus anbieten will. „Das Projekt ist mein persönliches Labor und entstand als Antwort auf die Krise des Print-Journalismus“, so der Gründer, der das Objekt mittlerweile in die Rentabilität geführt hat. Der Online-Titel finanziert sich über Anzeigen lokaler Gewerbetreibender, inzwischen erscheint im dreimonatlichen Rhythmus auch eine Print-Ausgabe. „Der Print-Titel ist beliebt, schafft Aufmerksamkeit und erschließt neue Anzeigenkunden“, so Hildebrandt. Basis des Erfolgs sei jedoch der Anspruch an den Journalismus: „Gründlichkeit ist für uns wichtiger als Schnelligkeit. Wir machen keine PR und keinen Boulevard, sondern glaubwürdige Nachrichten für die Nachbarschaft. Wir recherchieren selbst und suchen den Dialog mit Leserinnen und Lesern“, so der Gründer, der sich überzeugt zeigte, dass auch die von Sparzwängen gebeutelten Lokalredaktionen mit derartigen Tugenden wieder zurück in die Erfolgsspur finden können.

Auch Leif Kramp, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Zentrum für Medien-,  Kommunikations- und Informationsforschung der Universität Bremen, hält es für geboten, den engeren Austausch mit den Lesern zu suchen. Wer jüngere Zielgruppen erreichen wolle, dürfe sich jedoch keinen Illusionen hingeben: „Menschen unter dreißig sind im Netz oft nicht mehr in der Lage, journalistische Inhalte als solche zu erkennen und von nicht-journalistischen Inhalten zu unterscheiden“, warnte der Experte.

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