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Der erzwungene Rückzug von Medienanwalt Ralf Höcker aus der Politik

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Der Medienanwalt Ralf Höcker hat mit dramatischen Worten seinen Rückzug aus der Politik verkündet. Gabor Steingart übt sich in der Kunst der Abgrenzung. Die "Berliner Zeitung" vertraut augenscheinlich auf russische und chinesische Staatsmedien. Und ist der aktuelle RTL-"Bachelor" gefährlich? Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Bei Facebook stolperte ich diese Woche über eine Mitteilung des bekannten Medienanwalts Ralf Höcker, die mich stutzen ließ und die mittlerweile auch einige Schlagzeilen gemacht hat. Höcker kündigt an, von allen politischen Ämtern zurückzutreten. Er war Mitbegründer der konservativen Vereine Werte-Union und “Konrads Erben” und außerdem am Aufbau der Lesben- und Schwulenunion (LSU) in der CDU maßgeblich beteiligt. Vergangenes Jahr übernahm er zudem die Aufgabe als Pressesprecher der Werte-Union. Auf Facebook schreibt er u.a.:

Mir wurde vor zwei Stunden auf denkbar krasse Weise klar gemacht, dass ich mein politisches Engagement sofort beenden muss, wenn ich keine “Konsequenzen” befürchten will. Die Ansage war glaubhaft und unmissverständlich. Ich beuge mich dem Druck und lege mit sofortiger Wirkung alle meine politischen Ämter nieder und erkläre den Austritt aus sämtlichen politischen Organisationen.

Was kann da vorgefallen sein? Vorher schreibt er noch, dass er schon Morddrohungen erhalten habe, von Unbekannten “besucht” worden sei und Ziel von Verleumdungen wurde. Dies sei aber alles “halb so schlimm”. Was ihn zum Rückzug aus der Politik bewogen habe, habe “alles getoppt”. Genauer will er sich nicht äußern, auch nicht auf Nachfrage der dpa.

Höcker ist durchaus umstritten wegen seiner politischen Ansichten und seiner, sagen wir mal, robusten Vorgehensweise als Medienanwalt. Ich persönlich habe ihn im beruflichen Kontakt stets als fair und umgänglich erlebt. Dass einer wie er, der wahrlich keinem Streit aus dem Wege ging, sich zu solch einem Schritt gezwungen sieht, das ist wirklich traurig. Ganz egal, wie man politisch zu ihm steht.

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Für einige Aufregung sorgte Anfang der Woche Gabor Steingart mit seinem Aufruf, doch bitte die Abos diverser Medien zu kündigen, die in der Vergangenheit an der Realität vorbei berichtet hätten. Ob er das wirklich bierernst gemeint hat, sei mal dahingestellt. Ob es schlau war, in die Liste der Kündigungs-Empfehlungen das zentrale Medium seines Geldgebers Axel Springer (“Bild”) aufzunehmen, sei ebenfalls mal dahingestellt. Steingart würde das wohl als Ausweis seiner andauernd propagierten Unabhängigkeit verstehen. Kurz vor seinem Aufruf waren er und Media Pioneer Chefredakteur Michael Bröcker bei der Chefredakteurs-Tagung der dpa zu Gast. Bröcker wird wie folgt zitiert:

Ich versuche Gabor gerade davon zu überzeugen, den Claim loszuwerden. Wir wollen uns nicht in der Abgrenzung von anderen Medien positionieren, sondern über uns selbst.

Mit Claim ist der Spruch “100% Journalismus. Keine Märchen.” gemeint.

Am Tag nachdem Bröcker diesen frommen Wunsch äußerte, empfahl Steingart also die Kündigung von Medien-Abos. Kurz darauf ging ein hörenswertes Gespräch als Podcast online, das er mit Matze Hielscher (“Hotel Matze”) geführt hat. In dem Gespräch schimpft Steingart erbost über die “FAZ”, die es wagt, ihren neuen Podcast mit Werbung zu eröffnen (“Fand ich grässlich.”). Die Idee, sich nicht in Abgrenzung zu anderen Medien zu positionieren, scheint bei Mr. “Morning Briefing” also noch nicht so ganz zu verfangen. Herr Bröcker muss noch überzeugender werden!

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Ganz zu Beginn des neuen Jahres dachte man schon, bei diesen Friedrichs vom Berliner Verlag sei jetzt mal Ruhe eingekehrt. Mittlerweile hat die News-Maschine Holger Friedrich aber wieder gut geölt den Betrieb aufgenommen. Prozess-Hanseleien gegen den Historiker Hubertus Knabe, Chefredakteure gefeuert, bzw. natürlich: Trennung im aller, allerbestem Einvernehmen. Und jetzt hat “Horizont” auch noch aufgespießt, dass sich die “Berliner Zeitung” der beiden staatlichen Nachrichtenagenturen TASS (Russland) und Xinhua (China) bedient. Als hätte die “Berliner Zeitung” mit ihrem schillernden Verleger-Ehepaar nicht schon genug Ärger am Hals. Aber Halt, ruft da ein Schlauberger bei Twitter. Das sei doch “Standard” und er bringt als Beispiel einen ZDF-Text, in dem eine TASS-Meldung zitiert wird (“Das meldete die russische Nachrichtenagentur Tass am Mittwoch unter Berufung auf den Regierungschef.”).

Es ist aber nun mal etwas komplett anderes, ob man eine TASS-Meldung als Quelle nutzt, wie das ZDF, oder ob man deren Dienst in Anspruch nimmt und TASS-Informationen verbreitet, wie dies augenscheinlich die “Berliner Zeitung” tat. Über dem Artikel standen auch noch die Agenturkürzel von dpa und Reuters.

Ein anderer Twitter-Nutzer: “Ist doch ok. Mal ne andere Sichtweise.” Nein, nein, nein, das ist nicht “ok”. Dpa, Reuters, AFP und wie sie alle heißen sind formal unabhängige Nachrichtenagenturen. TASS und Xinhua sind Staatsunternehmen. So etwas gibt es in Demokratien schlicht gar nicht.

Diese beiden beispielhaft herausgesuchten Tweets als Reaktion auf die “Horizont”-Meldung zeigen eindrücklich, dass in Sachen Medienkompetenz noch immer gewaltiger Nachholbedarf besteht.

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Es ist Trash, es ist schlimm, aber ich kann nicht anders. Ich schaue aktuelle jede Folge der RTL-Schmonzes-Reihe “Der Bachelor”. Es ist dieser berühmte Auto-Unfall-Effekt, bei dem man nicht wegschauen kann. Der aktuelle Bachelor, ein Kickboxer namens Sebastian Preuss, kommt unfassbar unsympathisch rüber, es tut schon weh. Er knutscht mit einer Kandidatin nach der nächsten und bestreitet die gesamte Staffel mit Variationen von “Mädels, seid ihr cool?” “Gehen wir ins Wasser”, “Magst was trinken?” und “Habt ihr Bock?” Wer von den Frauen nicht mit ihm in den Nahkampf gehen will (Codebegriff: “Näher kennenlernen”) wird auch schon mal vor der berüchtigten “Nacht der Rosen” entsorgt. Anja Rützel stellte drüben bei spiegel.de schon fest, dass die aktuelle “Bachelor”-Staffel gefährlich ist, weil sie jungen Frauen (und Männern) bedenkliche Werte vermittelt. Schaut man sich die Chose im TV an, kann man sich des Eindrucks freilich nicht erwehren, dass der Sender hier seinen Beitrag zum Verfall der guten Sitten mit voller Absicht leistet. Wie da geschnitten wird und wie das ganze Setting aufgebaut ist (drei “Traum”-Dates hintereinander in identischer Kulisse), das ist schon alles darauf angelegt, dass der Bachelor möglichst mies und fies rüberkommt und die Frauen, die der “Bachelor” konsequent “Mädchen” nennt, möglichst naiv. Denn das gibt Zoff und der sorgt für gute Quoten. So läuft’s im Entertainment.

Schönes Wochenende!

PS: In der aktuellen Folge unseres Podcasts “Die Medien-Woche” dekliniere ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Meier von der “Welt” durch, wie es um das Zeitungsland Deutschland steht. Spoiler: Es könnte besser sein. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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