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Winterbauers Woche

Udo Lindenberg, Beckmann und Boris Entrup legen sich für die „Mopo“ ins Zeug – doch was bringt das?

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die „Hamburger Morgenpost“ erfährt eine Welle der Solidarität von Promis. „Bild“ und der „Vice“-Chefredakteur sind ausnahmsweise einer Meinung. Philipp Welte rettet mal wieder die Demokratie und Robert Habeck ist der Medien liebster Trump-Basher. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die Mitarbeiter der „Hamburger Morgenpost“ sind aktuell wirklich nicht zu beneiden. Vergangenes Jahr feierte die Boulevardzeitung noch ihren 70. Geburtstag mit Sonderbeilage und li-la-launigem Gastbeitrag von „Ex-Chefredakteur Mathias Döpfner („Der Wahnsinn hatte keine Methode“). Dieses Jahr ist Heulen und Zähneklappern angesagt. DuMont will die gute, alte „Mopo“ loswerden, aber keiner will sie haben. Bzw. wenn, dann wohl nur mit einer ordentlichen Mitgift.

Kurz vor Torschluss formiert sich reichlich prominente Unterstützung für die „Mopo“. Namhafte Promis haben einen Appell an DuMont unterzeichnet. Darin wird gefordert, bei der Trennung von der Zeitung „mit Augenmaß vorzugehen und dem ältesten Medienorgan der Stadt eine tragfähige Zukunft zu sichern“.

Gezeichnet haben u.a. Udo Lindenberg, Micky Beisenherz, Corny Littmann, Peter Lohmeyer, Peter Urban u.v.m. Weitere Promis zeigen auf der Facebook-Seite „Rettet die MOPO“ Solidarität mit der Zeitung. Etwa der Hamburger „Star-Visagist“ Boris Entrup, Reinhold Beckmann oder PR-Lady Alexandra von Rehlingen.

Auch der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hat sich eingeschaltet und legt sich für die „Mopo“ ins Zeug. Immerhin ist in Hamburg gerade Wahlkampf. Am 23. Februar findet die Bürgerschaftswahl statt. Hat aber mit dem „Mopo“-Engagement des Bürgermeisters bestimmt nix zu tun. Zwinkersmiley.

Ein Social-Media-Berater sollte dem Hamburger Bürgermeister aber mal stecken, dass es sowas wie eine maximal erträgliche Länge für Zitate-Kacheln gibt.

Dass sich so viele Leute um die „Mopo“ sorgen, ist schön und wärmt das Herz. Ob’s wirklich was bringt, ist fraglich. Wirklich was gebracht hätte, wenn mehr Leute die „Mopo“ gekauft hätten. Hätte, hätte …

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Es passiert vermutlich selten, dass „Bild“ und der „Vice“-Chefredakteur einer Meinung sind. Für diesen ungewöhnlichen Schulterschluss sorgte jetzt ein Kommentar der ARD-Journalistin Sabine Müller vom Hessischen Rundfunk. Die kommentierte die Feierlichkeiten zum 75. Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in Yad Vashem, der zentralen Holocaust-Gedenkstätte in Israel. Während sie für die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobende Worte fand, kritisierte Müller die gesamte Veranstaltung als „vertane Chance“. Israel und Russland hätten die Feier teilweise gekapert und zur „erinnerungspolitischen Privatparty“ gemacht. Die „Bild“ schäumte: „Tagesschau-Kommentar ist abstoßend und anmaßend!“ Wobei man erwähnen muss, dass der Kommentar nicht in der TV-„Tagesschau“ lief (da gibt es keine Kommentare und wenn, dann nur von Robert Habeck, s.u.), sondern bei tagesschau.de. Ähnlich drastische Worte fand Felix Dachsel, Chefredakteur von „Vice“-Deutschland, der nicht im Verdacht steht, Fan der „Bild“ zu sein:

Nun sind Kommentare dafür da, auch kontroverse Meinungen abzubilden. Aber in einem öffentlich-rechtlichen deutschen Medium, die Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten in Yad Vashem abzukanzeln – das ist bei aller Subjektivität von Kommentaren – ganz objektiv – keine gute Idee gewesen.

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Philipp Welte, Verlags-Vorstand bei Hubert Burda Media, wurde in der neuen Ausgabe der turi2 Edition (Thema: „Agenda 2020 – Was wirklich wichtig wird“) interviewt. Welte singt dort nicht zum ersten Mal das hohe Lied der Demokratie, die seiner Aussage zufolge vor allem von den hiesigen Zeitschriften-Verlagen verteidigt wird:

Der Journalismus der Verlage ist der wertgebundene Gegenentwurf zur nicht enden wollenden Flut an Lügen und manipulativen Halbwahrheiten in den sozialen Massenmedien.

Und weiter:

In unseren Redaktionen leisten Journalisten einen unersetzlichen Beitrag zum Gelingen der pluralistischen Gesellschaft.

Drunter geht es einfach nicht. Die „Altpapier“-Kolumne weist darauf hin, dass Hubert Burda Media der Verlag ist, in dem u.a. „Freizeit Revue“, „Glücks-Revue“ oder „Neue Woche“ erscheinen und viele weitere Titel ähnlichen Zuschnitts. Ja, ja, die haben auch den „Focus“, ich weiß. Aber dass der alleine die Demokratie retten soll, wäre ja nun auch ein bisschen viel verlangt, oder?

So ein ganz klitzekleines bisschen weniger Pathos, wäre das nicht mal eine Idee? Man muss nicht immer gleich das Abendland mit der „Glücks-Revue“ retten wollen…

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Ob Grünen-Co-Chef Robert Habeck das Abendland mit seiner Trump-Kritik retten wird? Habeck hat jedenfalls reichlich Reichweite bekommen, weil er beim Weltwirtschaftsforum in Davos mehrfach zur rechten Zeit am rechten Ort war, nämlich in der Nähe von Aufnahmegeräten von ARD und ZDF. Zuerst durfte Habeck in der „Tagesschau“ als einziger befragter Politiker die Rede Donald Trumps auf dem Forum kommentieren, also geißeln. Dann hielt ihm eine ZDF-Kollegin auch noch ein Handy vor die Nase und Twitter-Abstinenzler Habeck stellte sich die Frage gleich selbst („…wenn die Frage ist, wie war’s …).

Trumps Rede sei die schlechteste Rede gewesen, die er in seinem Leben gehört hat. Zack. Bumm. Habeck bekam mit seiner – wenig überraschenden – Trump-Kritik viel Aufmerksamkeit in den Medien. Der „Spiegel“ schrieb gar vom „Duell der Giganten„. Also Trump vs. Habeck. Falls das ironisch gemeint war, habe ich es nicht kapiert.

Nix gegen Robert Habeck. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, dass er die Gelegenheit nutzt, seinen Senf dazuzugeben, wenn man ihm Mikros und Smartphones vor die Nase hält. Den Vorwurf, dass die Medien im Allgemeinen und die Öffis im Besonderen einen gewissen Hang zu den Grünen haben, werden sie so freilich nicht los.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ diskutiere ich mit Christian Meier von der „Welt“ den Auftritt des Facebook- und Google-Kritikers Roger McNamee beim DLD. Und es gibt ein Interview mit der „Welt“-Journalistin Christina Brause, die sich mit Fluch und Segen der Wikipedia befasst hat. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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