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Angriff auf „Handelsblatt“, „Börse Online“ & Co: „Spiegel“ startet im Mai neues Wirtschaftsmagazin

Alte Liebe zur Wirtschaftspresse: "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann, "Spiegel Geld" Fotos: Spiegel-verlag

Erst verpasst „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann dem digitalen „Spiegel“ einen neuen Anstrich, jetzt drängt der frühere Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“ mit der Marke „Spiegel“ stärker ins hart umkämpfte Segment der Wirtschaftspresse. Im Mai startet das Anlage-Magazin „Spiegel Geld“. Gleichzeitig arbeitet der „Spiegel“ mit G+J an einem gemeinsamen, digitalen Wirtschaftsportal.

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Der Arbeitstitel klingt ambitioniert. „Wirtschaft+“. Seit Monaten sind der Spiegel-Verlag und das Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr dabei, ein gemeinsames digitales Wirtschaftsportal aufzubauen. Damit wollen die beiden Medienunternehmen den Düsseldorfer Branchenprimus „Handelsblatt“ angreifen. Dessen Chefredakteur Sven Afhüppe hatte die Arbeitsweise der Redaktion im vergangenen Jahr klar auf eine Digital First-Strategie umgestellt.

„Wirtschaft+“ könnte Ende des 2. Quartals starten

Um den Düsseldorfer in die Parade zu fahren, wollen sich die Redaktionen vom „Manager Magazin“ und dem „Harvard Business Manager“, die beide zum Spiegel-Verlag gehören, mit den Wirtschaftsmagazinen von G+J, „Capital“ und „Business Punk“ zusammentun. Sie planen, vor allem frei verfügbare Artikel auf die neue Plattform zu stellen – klar im Blick sind digitale Vermarktungserlöse von Deutschlands Hochfinanz. Geplant ist der Start des Web-Produkts angeblich gegen Ende des 2. Quartals. So kursierten zumindest zuletzt entsprechende Spekulationen. Fragten jedoch Journalisten vor wenigen Tagen „Spiegel“-Produktchef Stefan Ottlitz nach den Plänen, ließ der ehemalige Digitalchef der „Süddeutschen Zeitung“ wenig durchblicken. Man sei noch in der Prüfungsphase, erklärte er.

„Spiegel Geld“ kommt erstmals am 9. Mai

Konkreter ist beim Spiegel-Verlag zumindest ein neues gedrucktes Produkt, das sich ebenfalls im hart umkämpften Markt der Wirtschaftspresse platziert wird: „Spiegel Geld“. „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann will das neue Magazin erstmals am 9. Mai dem Hauptheft beilegen. Dabei soll es aber nicht bleiben: Weitere Ausgaben sind für den 19. September und 14. November geplant. Im nächsten Jahr soll die Zeitschrift vier Mal pro Jahr erscheinen. Betreut wird der Titel von Redaktionsleiterin Anne Seith.

Thematisch will sich das Magazin um alle Bereiche der Geldanlage kümmern, heißt es beim „Spiegel“. Dazu gehören Beiträge über Versicherungen, Vorsorge, Steuern und neue Trends. „Viele Menschen tun sich schwer damit, ihr Geld anzulegen und für ihr Alter ausreichend vorzusorgen – und zwar unabhängig von ihrem Einkommens- und Vermögensniveau. Sie schieben das Thema vor sich her“, sagt Seith. Denn der Markt sei unübersichtlich. Seriöse und sinnvolle Angebote ließen „sich oft nur mit viel Fachwissen von riskanten oder überflüssigen Offerten unterscheiden“, meint die Expertin. Vor allem verbrauchernahe Themen will die Finanz-Reporterin aufnehmen – von der Rentenplanung bis zu Fragen rund um den Immobilienkauf und Versicherungen.

Hauptheft als Trägermedium

Dass „Spiegel“-Chefredakteur Klusmann das Wirtschaftsmagazin dem Hauptprodukt als Trägermedium beilegt, hat für die Verlagsstrategen viele Vorteile. Der Vertrieb läuft hierdurch nicht Gefahr, dass der Print-Titel in den Kioskregalen in der Masse der Geldanlage-Hefte untergeht. In der Vergangenheit hatte das Medienunternehmen an der Hamburger Ericusspitze mit gedruckten Neuheiten nicht immer Glück. Magazinentwicklungen wie der Best-Ager-Titel „Spiegel Classic“ und „Spiegel Fernsehen“ fanden trotz der großen Markenbekanntheit des „Spiegel“ zu wenig Abnehmer. Rasch musste die Geschäftsführung die Print-Innovationen vom Markt nehmen, bzw. im Fall von „Spiegel Fernsehen“ führte ein test erst gar nicht zur bundesweiten Einführung. Vorteilhaft ist das Erscheinen von „Spiegel Geld“ als Beilage auch, weil das Printhaus mit der großen Reichweite des „Spiegel“ im Rücken schnell ein großes Vermarktungspotenzial aufbauen kann.

Ob „Wirtschaft+“ oder „Spiegel Geld“ – die neue Liebe für Wirtschafts- und Finanzthemen kommt nicht überraschend. Jahrelang hatte „Spiegel“-Chefredakteur Klusmann die lachsfarbene „Financial Times Deutschland“ geleitet, bis Gruner + Jahr 2012 bei der hochdefizitären Tageszeitung die Stecker zog. Einige Jahre später wurde Klusmann Chefredakteur des „Manager Magazins“ gemacht, bevor ihn die Spiegel-Gesellschafter Anfang 2019 zum „Spiegel“-Chefredakteur befördern.

Der neue Print-Vorstoß von Klusmann wird den Machern vieler etablierter Geldanlage-Magazine kaum schmecken – beispielsweise „Börse Online“, „Euro“ und „Euro am Sonntag“ aus dem Münchener Finanzen-Verlag oder „Focus Money“. Aber auch dem auf Fonds fokussierten Titel „Cash“ um den ehemaligen „Berliner Zeitungs“-Chefredakteur Josef Depenbrock. Und dies aus mehrere Gründen. Zum einen verfügt die Spiegel-Gruppe über eine deutliche größere Recherchekraft und -mannschaft als ihre Konkurrenten, zum anderen wird hierdurch der Kampf um den Werbekuchen im Wirtschaftssegment härter. Auch Platzhirschen wie „Handelsblatt“ und „Wirtschaftswoche“ wird die Nachricht der Hamburger wenig gefallen. Beide Marken haben sich zwar thematisch breiter aufgestellt. Dennoch versuchen die Titel, auch mit Anlagethemen eine größere Leserschaft zu erreichen.

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