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Ja, klar: Hochwertiger Journalismus ist teuer. Aber gleich so teuer?

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Zum Jahresendspurt gibt es zum Glück nochmal frischen "Silke und Holger"-Content. Außerdem: Dr. Kai Gniffke kann das Bloggen nicht lassen und der Schweizer "Republik" steht das Wasser bis zum Hals. Schöne Bescherung in der MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Ja, is denn heut scho Weihnachten? Nein, aber fast! Sorry für diesen Einstieg, es ging nicht anders. Auch wenn sich vermutlich kaum noch jemand an die olle Werbung mit “dem Kaiser” erinnern mag. Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit für einen Jahresrückblick oder einen dieser bemüht herbei fantasierten “Ausblicke” auf das kommende Jahr. Ist beides nicht meine Tasse Tee, weshalb es hier einen ganz stinknormalen Wochenrückblick gibt. Dann: Pause. Und im neuen Jahr geht’s weiter. So schaut’s aus!

Stets gut gefüllt: Das Ressort “In eigener Sache”

Einer der stressigsten Jobs im Medienbiz ist vermutlich der als Ressortleiter “In eigener Sache” bei der “Berliner Zeitung”. Da ist diese Woche schon wieder ein Artikel dazugekommen. Die frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk haben sich die Stasi-Akte von “Berliner Zeitungs”-Verleger Holger Friedrich aka Im Bernstein angeschaut und sind zum Ergebnis gekommen, dass es so arg schlimm gar nicht war. In a Nutshell: Friedrich habe als IM nur “überwiegend Offenkundiges” berichtet, er sei zur Zusammenarbeit gezwungen worden und habe sich der Stasi alsbald wieder entzogen. Umso verwunderlicher, dass er damit nicht proaktiv herausgerückt ist.

Aber sollten wir nicht endlich mal die Vergangenheit ruhen lassen, und die Gegenwart betrachten? Die ist im falle HM allerdings auch reichlich strange. Für die “Zeit” hat die Autorin Jana Hensel die Friedrichs drei Monate lang “beobachtet”. Dabei hat Holger Friedrich ihren Angaben zufolge gleich zweimal einen Rückzieher gemacht. Einmal wollte er ein ausführliches Interview zu seiner Stasi-Vergangenheit nicht autorisieren. Dann zog er auch noch alle Zitate für das Porträt zurück. WTF!? Nicht unbedingt supersmart, möchte man meinen. Im Gedächtnis haften bleibt aus dem “Zeit”-Stück aber diese Stelle.

Wir sitzen auf einem grauen Sofa im Café des Verlages, Holger Friedrich hat seinen rechten Fuß in die Kniekehle des linken Beines geschoben. Warum ich dieses Porträt nicht für die Berliner Zeitung schriebe, fragt er mich. Ich bin verblüfft und weiß nicht, was ich antworten soll. Mal abgesehen davon, dass man ein Porträt über sich selbst nicht in der eigenen Zeitung abdruckt, bin ich doch im Auftrag der ZEIT hier. Friedrich, der meine Überraschung bemerkt, winkt schließlich ab und tut so, als wäre das nur ein Scherz gewesen. Erst später fällt mir ein, dass eine solche Frage nur jemand stellen kann, der mit Journalismus keine Erfahrung hat, die Spielregeln nicht kennt, aber auch kein großes Interesse hegt, sie einzuhalten. Kann man mit dieser Haltung Verleger sein?

Was soll das den bitte für ein “Scherz” gewesen sein? Andererseits: Ernst gemeint kann er das ja wohl auch nicht haben. Ich wage jetzt mal doch eine Prognose fürs Medienjahr 2020: Die “Silke und Holger”-Soap geht garantiert in die nächste Staffel.

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Dr.Kai Gniffke hat als Chef der “Tagesschau” auch das “Tagesschau”-Blog befüllt. Meistens damit, dass er nach Kritik und Shitstörmchen dort zu erklären wusste, warum er und die “Tagesschau” eigentlich doch wieder alles richtig gemacht haben. Diese liebe Tradition will er nun auch als SWR-Intendant fortführen. Also, die Tradition des Bloggens, nicht die der Rechthaberei. Gniffke hat beim SWR ein Intendanten-Blog ins Leben gerufen und stellt sich tapfer den ersten, teils unverschämten Kommentaren (“Haben Sie nicht in Hamburg genug Schaden angerichtet? Müssen Sie den swr auch noch grünpopulistisch und merkeltreu machen! Ihr Gehalt/Pension ist doch schon riesig. Kriegen Sie den Hals nicht voll?”). Über den leicht hölzern bloggenden Intendanten könnte man sich relativ leicht lustig machen, aber ganz unironisch: Ist doch toll, wenn sich ein Intendant die Zeit nimmt, seinen Job und seinen Sender zu erklären.

Bleibt zu hoffen, dass ihm bei all den Sitzungen nicht die Puste ausgeht! Blog on, Dr. Gniffke, blog on!

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Gründung und Crowdfunding des Schweizer Digital-Bürger-Magazins “Republik” habe ich mit Sympathie verfolgt. Die Gründer legten 2017 ein Rekord-Crowdfunding mit 3,4 Mio. Schweizer Franken hin. Es folgten die Mühen der Ebene. Constantin Seibt, der während der Anfangsphase so etwas wie das Gesicht der Republik und auch deren erster Chefredakteur war, verabschiedete sich im Sommer 2019 in ein Mini-Sabbatical. Es gab einige Personalwechsel und zumindest nach Deutschland schwappten nicht viele aufsehenerregende Scoops aus dem “Republik”-Hauptquartier im Zürcher Hotel Rothof herüber. Diese Woche kam nun die Hiobsbotschaft, dass das Magazin bedrohlich unterfinanziert ist, gepaart mit dem Eingeständnis, in der Vergangenheit businessmäßig geschlampt zu haben. Auf ihrer Website schreiben die Macher im typischen “Republik”-Sound:

Der grösste Fehler war, keine klaren Entscheidungs­strukturen aufzubauen. Die Folge davon war eine brutale Verschwendung von Lebenszeit und Energie im ersten halben Jahr – ein Wunder, dass wir täglich publizierten.

Außerdem wurde das Marketing vernachlässigt, man sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, die Qualität schwankte usw. Jetzt fehlen 2,2 Mio. Franken und die Republikaner brauchen insgesamt 19.000 Abonnenten, beides bis Ende März, sonst wird der Laden dichtgemacht und alle werden entlassen. Erfrischend offen und ehrlich.

Aber, äh.

Das kommt für mich als Außenstehenden jetzt auch ein bisschen plötzlich. Ich habe noch sehr gut im Ohr, wie die Macher der “Republik” in der Fundingphase immer und immer wieder betonten, wie seriös und detailliert ausgearbeitet ihr Businessplan sei. Wie wichtig es sei, die geschäftliche Seite nicht zu vernachlässigen. Wie durchdacht und durchgeplant ihre Struktur. Und jetzt das? Das wirkt leider nicht super-vertrauenserweckend. Selbst bei der “taz” hat man sich von dieser “Abonniert uns oder wir erschießen diesen Hund”-Methode verabschiedet. Was mich zudem stutzen lässt, sind die laufenden Kosten der “Republik”. Das Budget sei unter Schmerzen von sieben auf knapp sechs Mio. Franken jährlich runtergedampft worden. Aktuell lägen die monatlichen (!) Fixkosten bei 475.000 Franken. Ja klar: Hochwertiger Journalismus ist teuer. Aber gleich so teuer? Bei einem rein digitalen Produkt? Die bittere Lehre daraus lautet wohl: Es ist noch schwieriger, etwas ganz anders zu machen, als ohnehin schon gedacht. Ich wünsche den Kollegen alles erdenklich Gute.

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Falls Sie noch ein branchenmäßige Last-Minute-Weihnachtsgeschenk suchen – wie wäre es mit dem MEEDIA-Jahrbuch 2019? Ja, wir haben uns mal wieder in die Print-Welt vorgewagt und ein echtes Druckerzeugnis zum Anfassen und Blättern produziert. Das Teil ist für 14,90 Euro ein Schnapper. Das Buch enthält tiptop Gastbeiträge (u.a. vom Dirk Schlünz, Marketingchef vom FC- St. Pauli, oder Philipp Westermeyer und seiner Podcast-Crew), lehrreiche Interviews (u.a. mit Serviceplan-Chef Florian Haller und Jan Ippen von Ippen Digital) sowie ein echt objektives Ranking der erfolgreichsten Medienmacher und Medienmacherinnen des Jahres. Statt einer Jury lassen wir Fakten in Form von Marktdaten sprechen und das führte zu dem einen oder anderen überraschenden Ergebnis. Es gibt natürlich eine Chronik, Trend-Stories und haufenweise Bit & Pieces aus dem Medienjahr 2019 und und und. Bestellen können Sie das Teil hier.

Schöne Adventszeit, frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr! Wir lesen uns in 2020!

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