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„In jedem Text lauert eine Relotius-Gefahr“: Warum Lead Awards-Macher Peichl ein Umdenken bei den Medien vermisst

Markus Peichl

Heute Abend werden in Hamburg die Lead Awards verliehen. Ein großes Thema auf der Veranstaltung ist der Fälschungsskandal um den früheren „Spiegel“-Reporter Claas Relotius. Im MEEDIA-Interview erklärt Lead Awards-Organisator Markus Peichl, warum die Medien seiner Meinung nach aus dem Fall nichts gelernt haben – und wie der neue Eigentümer der „Berliner Zeitung“, Holger Friedrich, aus seiner Glaubwürdigkeitskrise kommen könnte.

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Herr Peichl, vor einem Jahr erschütterte der Skandal um den „Spiegel“-Reporter Claas Relotius die Medienbranche. Seither wurde viel diskutiert, wie Redaktionen solche Fälle vermeiden können. Nun verleihen die Lead Awards erneut die Preise für die besten redaktionellen Leistungen. Hat der Fall bei ihren Jurysitzungen eine Rolle gespielt?
Es gab keine Jurysitzung bei den Magazinen oder Zeitungen, ohne dass der Name Relotius fiel. Das ist ein Ereignis, das die Detonationskraft einer moralischen Cruise Missile hat. Das kann man nicht ausblenden.

Heute Abend werden die Lead Awards verliehen. Kommt der Skandal zur Sprache?
Wir werden Relotius thematisieren, ganz klar. Wie Sie wissen, haben wir im vergangenen Jahr die Art der Verleihung geändert. Als kleines Intermezzo zwischen einzelnen Preisübergaben tritt ein Schauspiel-Ensemble auf. Es verdichtet journalistische Ereignisse des vergangenen Jahres auf eine pointierte Art und setzt sie szenisch um. Da wird auch der Fall um den früheren „Spiegel“-Reporter Relotius vorkommen. Außerdem wird der Moderator Michel Abdollahi den Fall sicher auch in den Interviews mit den Preisträgern zur Sprache bringen. Wir halten nichts davon, dass man den Fall bei einer Medienpreisverleihung nur am Rande oder sehr verschämt erwähnt.

Mit welcher Aussage?
Da will ich jetzt nicht vorgreifen. Man verrät ja auch nicht das Ende eines Kinofilms. Nur so viel: Die Inszenierung hat den Arbeitstitel: Worst and best of German Journalism. Das Theater-Ensemble wird eine Essenz aus den besten und schlechtesten Texten zum Fall um Claas Relotius liefern.

„… so lange lauert in jedem Text eine Relotius-Gefahr.“

Von der „New York Times“ bis zur „Süddeutschen Zeitung“ – der Fälschungsvorfall fand weltweit ein breites Echo. Ist die mediale Aufarbeitung geglückt?
Zum Fall Relotius wurde viel untersucht, viel analysiert und viel geschrieben. Die Autoren haben sich sicherlich bemüht. Eines ist aber bei vielen Beiträgen auffällig: die Diktion der Aufarbeitung. Sie unterscheidet sich nicht groß von der Diktion der Reportagen, die Relotius selbst verfasste. Die Art der Formulierungen, die Art der Sprache ähnelt der Art wie Relotius Artikel schrieb. Nicht nur beim lieben Gott, auch in unserer Branche gilt: Am Anfang ist das Wort. Solange überzeichnet, überhöht, gekünstelt von der Warte der Allwissenheit oder der Besserwisserei formuliert wird, so lange wird sich nichts Substanzielles ändern – so lange lauert in jedem Text eine Relotius-Gefahr.

Die „Zeit“ hat aus den Fälschungsfall beim „Spiegel“ Konsequenzen gezogen und klare Regeln für Autoren und den Umgang mit Reportagen kommuniziert. Unter anderem hat das Wochenblatt Stichprobentests eingeführt. Reicht dies, um einen erneuten Fall zu verhindern?
Nein, reicht nicht. Natürlich sind alle diese Maßnahmen zu begrüßen. Sie sind richtig und zeigen, dass sich etwas bewegt. Aber es geht nicht weit genug. Was wir brauchen, ist ein grundsätzliches Umdenken in der publizistischen Kultur. Denn die Krise der Medien, die Krise der Publizistik und die Krise der Demokratie hat nicht nur mit den Kräften zu tun, die uns von außen angreifen – beispielsweise den Rechtspopulisten. Sie sind auch das Resultat der Fehler, die wir selbst machen. Wir müssen endlich raus aus unseren Echo-Kammern, wir müssen raus aus unseren Blasen. Und: Wir müssen im journalistischen Alltag wieder mehr Offenheit, Demut und Bescheidenheit lernen.

„Podcasts auf Augenhöhe mit den Zuhörern“

Gibt es journalistische Ansätze, wo ein solches Umdenken stattfindet?
Ja, ich glaube, dass dieses Bewusstsein in allen Redaktionen wächst. Und ich glaube sogar, dass neue Formate und Genres entstehen, die von diesem Umdenken und Bewusstsein getragen werden, die dadurch überhaupt erst ermöglicht wurden. Nehmen Sie zum Beispiel die Podcasts. Sie bereichern die Palette der medialen Angebote. Die Hörstücke gehen anders an Themen heran. Sie sind authentisch und unprätentiös. Sie belehren nicht, sondern sind auf Augenhöhe mit ihren Zuhörern. Das ist eine neue Frische und eine neue Energie, die mit Lässigkeit und unverkrampfter Selbstverständlichkeit an die Dinge rangeht. Hier findet ein Freisprechen statt, das vielleicht zu einem Freidenken und Freischreiben führen kann. Dafür sind Podcasts wie „Die Lage der Nation“, „Sag niemals Nietzsche“, „Alles gesagt“ oder „Deutschland 3000“ gute Beispiele.

Immer mehr Redaktionen unterliegen Sparzwängen. Sind finanzielle Gründe mit schuld, das es zu Fälschungsvorfällen im Mediengeschäft kommt?
Sie sprechen eines der größten Probleme der Branche an. Die Redaktionen sind immer größeren Sparzwängen ausgesetzt. Personal, Infrastruktur, Ressourcen werden zusammengestrichen. Der Druck auf die verbliebenen Autoren und Redakteure wächst. Sie müssen unter immer schwierigeren finanziellen Bedingungen weiter arbeiten. Doch das ist nur die eine Seite.

Und die andere?
Die Journalisten stehen immer stärker unter Druck, sich gegen Populismus, Täuschung, Manipulation und die grauenhaften Simplifizierer in allen Bereichen zu stemmen. Sie sollen ein neues Modell entwickeln, das Demokratie und Aufklärung wieder attraktiv macht. Mit immer weniger Mitteln immer größeren Ansprüchen gerecht zu werden – das ist eine schwierige Arbeitssituation, die auch an die psychischen Grenzen der Redakteure geht.

Ob die Redaktionsfusion von „Bild“ und „BamS“ oder den beiden Magazinen „Gala“ und „Brigitte“. Immer mehr Verlage bilden Gemeinschaftsredaktionen. Verlieren hierdurch die Titel nicht an Qualität – und damit langfristig an Lesern?
Das muss man differenziert sehen. Es gab viele Redaktionen, die in den fetten Jahren aufgebläht wurden. Die Redakteure wurden manchmal bequem und saturiert. Zugleich machte sich auch viel Frust breit. So haben viele Journalisten zwar ihr Gehalt bekommen. Sie konnten jedoch im Jahr nur zwei bis drei Geschichten unterbringen. Das war ineffizient und sorgte teilweise für schlechte Stimmungen in den Redaktionen.

„Da treibt man ganze Redaktionen in den Burnout“

Und jetzt hellt sich diese auf?
Wie gesagt: Man muss es differenziert sehen. Verlage haben die Redaktionen entschlackt und zusammengelegt. Dies kann die Motivation der Redakteure zunächst auch erhöhen, weil auf den einzelnen Mitarbeiter mehr Verantwortung zukommt. Der Redakteur kann sich mehr einbringen und hat die Chance, dass seine Arbeit mehr wahrgenommen wird. Das war sicherlich in vielen Verlagen auch der Fall. Aber irgendwann kommt natürlich der Punkt, wo sich das ins Gegenteil kehrt, wo die Einsparungs- und Effizienzprogramme nicht mehr zu Effizienz und Motivation führen, sondern zum Mühlstein um den Hals jedes Einzelnen werden. Da sprechen wir dann nicht nur von „zusätzlichen Belastungen“, sondern da treibt man ganze Redaktionen in den Burnout.

Nun spart der Springer-Konzern derzeit massiv in den Redaktionen der „Bild“ und „Welt“. Wird dadurch deren Journalismus wirklich besser?
Jeder einzelne Verlag muss sich die Frage stellen, wo er steht. Ich will und werde einzelnen Häusern keine Tipps geben, wie sie sich besser organisieren sollen. Das muss jeder Verlag für sich entscheiden. Doch ich warne generell davor, das Rad zu überdrehen. Denn es besteht eben die Gefahr, dass die Verlage die Autoren heillos überfordern und damit am Ende die Produkte beschädigen.

Wie kann man hier entgegenwirken?
Die Umsätze in den klassischen Medien sinken rapide. Die Unternehmen müssen deshalb neue Geschäftsfelder aufbauen, um den Journalismus zu finanzieren. Das wissen wir schon seit längerem. Aber jetzt erleben wir einen gesellschaftlichen Wandel, der es möglicherweise ökonomisch sinnvoll macht, wieder massiv ins Kerngeschäft des Qualitätsjournalismus und der seriösen Publizistik zu investieren, und das hat mit der jungen Generation zu tun. Alle Markt- und Meinungsforscher zeigen uns, dass die 12- bis 20-Jährigen ihre Identität über Moral, Ernsthaftigkeit, ethisches Verhalten und gesellschaftliches Engagement definieren – und ehrlich gestanden braucht man dafür keine Marktforscher, man muss nur freitags auf die Straße gehen. Wer so tickt, hat das Bedürfnis, nach einer neuen seriösen, tiefgründigen Form von Journalismus. Also könnte es nicht ganz verkehrt sein, sie ihr zu geben und zu ermöglichen – wie gesagt, auch aus ökonomischer Sicht. Man sollte das bei Zukunftsplanungen zumindest im Auge behalten.

„Macht es einen zuerst ‚baff‘, kommt meist ein ‚Paff'“

Apropos Zukunft: Derzeit beschäftigt die „Berliner Zeitung“ die Stasi-Vergangenheit ihres Eigentümers Holger Friedrich. Wie sehen Sie die Zukunft des Blattes?
Die Übernahme der „Berliner Zeitung“ durch das Unternehmer-Ehepaar Silke und Holger Friedrich Friedrich hat alle überrascht und baff gemacht. Doch man lernt: Macht es einen zuerst „baff“, kommt meist ein „Paff“ hinterher. Das war bereits nach dem ersten Interview abzusehen, das die beiden Neuverleger mit Radio eins führten.

Wieso?
Da war nicht nur klar, dass die neuen Besitzer des Berliner Verlags etwas unbedarft in der Medienbranche sind. Es war auch eine leicht revanchistische Ost-Nostalgie herauszuhören. Sie sprachen ja selbst von der Rache „Zonen-Gaby“. Selbstironie hat manchmal auch etwas Entlarvendes.

Sehen Sie einen Ausweg?
Ich glaube, dass die Diskussion rund um das Verleger-Duo auch eine Chance bietet. Wenn sich Holger Friedrich jetzt seiner Vergangenheit stellt, und die Mechanismen der DDR-Diktatur auch in Bezug auf eine persönliche Verantwortung aufarbeitet, dann könnte das viel bewirken.

Was die Friedrichs jetzt tun könnten …

Wieso?
Weil das viel zu selten passiert. Weil sich viel zu wenige Ostdeutsche offen und ehrlich die Frage nach ihrer eigenen Rolle oder der Rolle ihrer Eltern im System der DDR-Diktatur stellen. Es wäre, glaube ich, auch ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen das Aufkommen der Rechten in Ostdeutschland. Das hängt miteinander zusammen.

Hätte nicht Holger Friedrich gleich nach dem Kauf reinen Tisch mit seiner Stasi-Vergangenheit machen sollen?
Das wäre gut gewesen. Jetzt ist er gefordert, eine rasche und steile Lernkurve hinzulegen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, nicht in das Blatt einzugreifen. Denn das zeugt ein bisschen vom früheren DDR-Verständnis, alles von oben zu diktieren. Es wäre vielleicht eine Idee, wenn die Familie Friedrich ein Forum gründet, in dem sie mit vielen Menschen ihre Rolle und die anderer früherer DDR-Bürger genau beleuchtet. So haben es auch schon große Unternehmen geschafft, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die Lead Awards kämpfen seit Jahren mit finanziellen Problemen, weil Sponsorengelder ausbleiben. Wie sieht dies in diesem Jahr aus?
Probleme hatten wir 2015, weil unser Finanzierungsmodell über den Verkauf von Anzeigen, die wir von Verlagen geschenkt bekamen – wie das ganze Anzeigengeschäft – immer schwieriger wurde. Das ist vier Jahre her. Wir haben eine Umstrukturierung vorgenommen und sind nun bereits im dritten Jahr vom Anzeigenverkauf unabhängig. Wir werden stattdessen von Porsche und der Stadt Hamburg als Sponsoren unterstützt. Beide sind auch in diesem Jahr wieder dabei. Darüber sind wir sehr froh. Es unterstreicht erneut das gesellschaftspolitische Engagement von Porsche und das medienpolitische Verantwortungsbewusstsein von Hamburg.

Werden die Lead Awards ausgebaut?
2020/2021 werden wir zusätzlich zu der Auszeichnung der Blattmacher und Webleader des Jahres auch wieder die besten Fotografen und das beste Editorial Design würdigen. Dazu planen wir auch wieder eine Ausstellung, bei der alle Preisträgerarbeiten gezeigt werden. Das gehört einfach zu unserer DNA dazu.

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