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Machste im Advent ein Türchen auf, kommt der Rezo raus und redet wirres Zeug

Was würden deutsche Medien nur ohne die SPD machen? Regieren unter Deutschlands Journalisten wirklich Hass und Neid? Und wie entkommt man zum Advent dem allgegenwärtigen Rezo-Content? Fragen über Fragen in der MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Waren Sie auch so überrascht, dass Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken von den SPD-Parteimitgliedern zu den neuen Vorsitzenden gekürt wurden? Angeblich war ja das ganze politische Establishment und die versammelte Hauptstadtpresse total von den roten Socken, dass diese renitenten Genossen nicht geschlossen für Team Scholzomat votiert haben. Dabei war doch schon vor der Stichwahl klar, dass sich deutlich mehr Stimmen auf die diversen Kandidaten eines eher linken und GroKo-kritischen Kurses verteilten. Das Duo Scholz/Geywitz war das einzige eher SPD-konservative Duo, das für ein gepflegtes „Weiter so“ stand. Außerdem erfreute sich Scholz beim eigenen Parteivolk schon immer einer eher gebremsten Beliebtheit. Dass die GroKo-Müden dann in der Stichwahl eher zu „NoWaBo“ und Frau Esken rübermachten, war doch nicht wirklich verwunderlich. Außer, man lebt halt auf dem Planeten Berlin, der bisweilen in einem anderen Sonnensystem seine Bahnen zieht. In der aktuellen Folge unseres Podcasts „Die Medien-Woche“ empfiehlt der Dokumentarfilmer Stephan Lamby den Kollegen der Hauptstadtpresse, in solchen Fällen auch mal rauszugehen in die Provinzen. Zum Beispiel zur SPD-Basis nach NRW, wo das Anti-GroKo-Fieber scheinbar besonders heftig glühte. Wobei ich mich frage: Die haben doch auch Zeitungen und Journalisten in NRW. Oder? Vielleicht sollte man sich in den Redaktion einfach mal mehr miteinander unterhalten. Dann kommt’s beim nächsten Mal nicht gar so knüppeldick.

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Der Mediensturm, der nach der Wahl über das neue SPD-Spitzenduo hereinbrach war dann natürlich ziemlich unfair, weil: Man war ja überrascht und darum latent beleidigt.

Die können ja gar nichts; die waren ja gar nix; die SPD geht unter; wie doof kann man sein, diese Flitzpiepen zu wählen? Totentanz, Untergang, Partei-Apokalypse now! So hallte und schallte es durch die Medien. Jetzt stellen wir uns aber mal kurz vor, das Duo Scholz/Geywitz hätte gewonnen. Wären die Kommentare freundlicher ausgefallen? Oder hätten wir dann etwas zu lesen bekommen im Stil von: dumpfes „weiter so“; Sieg des Establishments; mutlose Partei; Trauerspiel ohne Ende, Untergang der SPD; Partei-Apokalypse now! Noch was: Wie darauf herumgeritten wurde, dass Saskia Esken ihre Direktmandate nicht gewonnen hatte (das haben viele andere auch nicht) und wie sie in den Medien wegen ihrer Arbeit als stellvertretende Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg als eine Art bessere Klassensprecherin runtergeputzt wurde, das war schon ein bisschen arrogant und womöglich sogar latent frauenfeindlich.

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Hass, Neid und Missgunst sind nicht nur wesentliche Triebfedern im Politik-Betrieb, sondern auch im Medien-Biz. So sprach es jedenfalls „Reporter-Legende“ Cordt Schnibben in seiner traditionellen Rede beim ersten Reporterpreis nach Relotius. Was ein Scherz war, in dem aber ganz vielleicht auch ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Allzu viel scheint sich jedenfalls nicht geändert zu haben beim Reporterpreis im Tipi beim Kanzleramt. Ausgezeichnet wurden im Wesentlichen wortklingelnde Reportagen, bei denen man teils mal wieder den Eindruck gewinnen konnte, die Journalisten haben im Kopf ihrer Protagonisten gehockt. Harald Staun hat das für die „FAZ“ fein beobachtet:

Und wer die Texte trotzdem liest, der kann erst recht nicht glauben, wie taub die Jury immer noch für die falschen Töne ist, die sich schon von Ferne anhören wie das Detailgeklingel, welches Claas Relotius so perfekt beherrschte, bis in die Satzmelodie hinein: „Rosa sieht ihn noch vor sich, den Moment, als ihre Schwestern Belén und Lucía das Haus plötzlich verließen, es war im April, der argentinische Sommer ging zu Ende, das Schuljahr hatte begonnen, und es lag etwas Neues in der Luft“, so beginnt da also ein Text über südamerikanische Zwangsprostituierte. In einem anderen heißt es: „Zwei Monate nachdem Andreas Gammel das Video mit dem kleinen Khairi gesehen hat, steht er an einem Donnerstag im Juni unter einem Olivenbaum und blickt auf einen sandsteinfarbenen Tempel, der vor ihm aus den felsigen Hügeln ragt.“

Also nix gelernt nach Relotius? Doch! Immerhin darf man den Reporterpreis jetzt nur einmal und dann nie wieder gewinnen und nicht wie C.R. ganz, ganz oft (mit Detailangaben hierzu lieber zurückhaltend sein, sonst kommt noch Post vom Relotius-Anwalt Schertz!). Außerdem müssen die Autoren jetzt eine Art „Making of“ ihrer Texte beisteuern, samt Telefonnummern der Gesprächspartner. Gute Idee, aber für einen wie Relotius wären das vermutlich auch keine Hindernisse gewesen. Gefälschte Dokumente anfertigen und Fake-Telefonnummern hinterlegen – lächerlich!

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Egal welches Türchen man im Advent aufmacht, dahinter steckt immer Rezo. Bei der großen Lamby-Doku „Die Notregierung“ am Montag im Ersten durfte Rezo auch wieder seinen Senf dazu geben und erklären, dass Zeitungen „Stalker“ bezahlen würden, die „ihm hinterherlaufen“. Diese Behauptung hätte man evtl. auch gerne mal relotiusfest überprüft. Er erzählte in der Langversion des Interviews außerdem, dass man als Partei bei „älteren Leuten“ mit „Bullshit“ leichter durchkomme, weil wir Menschen halt Gewohnheitstiere seien. Junge Leute wie er holten sich die Infos dagegen einfach selbst und verließen sich dabei nicht auf altmodische Zeitungen. Und darum, so die Rezo-Conclusio, sei es in Medien wie dem Fernsehen „nicht so wichtig authentisch und ehrlich zu sein, wie in den Medien, die sich die Unter-30-Jährigen angucken“. Diese tollen Medien, die sich die Unter-30-Jährigen so angucken, welche sind das denn? Snapchat? Instagram? Tiktok? Letzteres ist jene mega-sympathische chinesische Social-Media-Plattform, die es gar nicht mag, wenn dort irgendwas Kritisches gesagt wird; über die Lage der in China unterdrückten muslimischen Minderheit der Uiguren beispielsweise. Und die jüngst Aufmerksamkeit erregte, weil sie eine Obergrenze für Inhalte von behinderten Menschen vorsieht.

Oder meint Rezo vielleicht YouTube? Jene Plattform, auf der er seine Videos veröffentlicht und die im Frühjahr in den uncoolen Altmedien Schlagzeilen machten weil die Geschäftsleitung dort Hass- und Verschwörungsvideos offenbar in großem Stil geduldet hat, weil dies Klicks brachte und förderlich fürs Geschäft war. Wenn man zynisch ist, mag man das sogar authentisch finden. Aber glaubwürdig? Ja, LOL, ey.

Fröhlichen zweiten Advent!

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