Partner von:
Anzeige

Die Akte Peter Bernstein: Alles, was Sie zu den Enthüllungen um “Berliner Zeitung”-Verleger Holger Friedrich wissen müssen

Die neuen Eigentümer des Berliner Verlags: Silke und Holger Friedrich
Die neuen Eigentümer des Berliner Verlags: Silke und Holger Friedrich

Das Neu-Verlegerpaar Friedrich steht seit Wochen im Fokus. Holger Friedrich muss sich seit Ende vergangener Woche wegen seiner Stasi-Vergangenheit erklären. Hinzu kommt ein Interessenkonflikt bei einem Artikel über ein Rostocker Unternehmen. Alles, was Sie zum Fall Friedrich wissen müssen.

Anzeige

Was ist über Holger Friedrichs IM-Vergangenheit bekannt?

Die “Welt am Sonntag” hat in ihrer aktuellen Ausgabe die Tätigkeit von Holger Friedrich als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) bei der Stasi Ende der 80er-Jahre aufgedeckt. Der heute 53-Jährige hat in der DDR unter dem Decknamen “Peter Bernstein” während seines dreijährigen Wehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee (NVA) Kameraden teils schwer belastet.

Der “Welt”-Redaktion liegen entsprechende Dokumente aus der Stasi-Unterlagenbehörde vor, insgesamt 80 der 125 Seiten aus Friedrichs IM-Akte. Daraus ergibt sich laut Bericht, dass er von Dezember 1987 bis Februar 1989 mit Stasi-Offizieren zu konspirativen Treffen zusammengekommen sei. Darin zu finden sind zwölf Spitzelberichte, in denen mehr als 20 Personen in identifizierbarer Weise genannt würden. Die Informationen sollen laut den Dokumenten dazu geführt haben, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gegen einige der Betroffenen “Maßnahmen” durchführte (MEEDIA berichtete).

Der Neu-Verleger hatte bereits vor der Veröffentlichung des Artikels in einem Beitrag in eigener Sache die Vorwürfe bestätigt und die Fragen der “Welt” samt Antworten publiziert. Friedrich selbst erklärte, er habe eine handschriftliche Verpflichtungserklärung bei der Stasi aus einer Notsituation heraus nach einer Verhaftung verfasst, um einer befürchteten Gefängnisstrafe zu entgehen. Er sei “nicht aktiv” für die Staatssicherheit tätig gewesen. Bei der ersten Gelegenheit habe er sich dieser Notsituation entzogen und danach die Zusammenarbeit mit der Stasi verweigert.

“Welt am Sonntag”-Reporter Uwe Müller sagte im MEEDIA-Podcast: “Was mich sehr verstört hat an dieser Akte ist, mit welcher Rigorosität dort Leute angeschwärzt werden. Es werden dort auch Leute ohne jeden Anlass angeschwärzt. Der IM ‘Peter Bernstein’ bringt diese Berichte selbst mit zu seinem Führungsoffizier. Es gibt keine Notwendigkeit, das zu machen.”

Das Dilemma von Herausgeber Michael Maier

Michael Maier, neuer Herausgeber der “Berliner Zeitung” und deren ehemaliger Chefredakteur, nahm ebenfalls Stellung und sprach von einer “verstörenden Geschichte des Holger Friedrich”. Das Stasi-Thema begleitet das Blatt seit dem Fall der Mauer. Maier selbst war Chefredakteur, als 1996 alle verbliebenen IM der Stasi, von denen man wusste, die Redaktion verlassen mussten. In der Folge wurde ein Ehrenrat gegründet, der Einzelfälle beurteilen sollte, die später bekannt wurden.

Maier erläuterte in seinem Text: “Wir erklärten den Redakteuren, dass die Arbeit als Redakteur in einer den freiheitlichen Werten der Presse verpflichteten Zeitung mit der Tätigkeit als Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit nicht vereinbar ist.” Die Akte des Verlegers Holger Friedrich zeige nun, “dass der Neuanfang immer noch nicht abgeschlossen ist”. In einem Interview in der “Süddeutschen Zeitung” wird Maier darauf angesprochen. Seine Antwort:

Ich habe gesagt: Wer einmal bei einem Spitzel-, Geheim- oder Denunziationsdienst gearbeitet hat, kann nicht schreibender oder inhaltlich verantwortlicher Redakteur sein. Für einen Verleger ist wichtig, dass er die Autonomie der Redaktion garantiert. Eine Redaktion ist keine PR-Veranstaltung und kann nicht nach Gutsherren-Art geführt werden. Aber das weiß Friedrich – er liebt die “Berliner Zeitung” gerade wegen ihrer freiheitlich-demokratischen Ausrichtung und hat sie vermutlich auch deshalb gekauft.

Das moralische Dilemma bringt Uwe Vorkötter in einem “Horizont”-Beitrag auf den Punkt: “Der Stasi-Fall Friedrich ist unlösbar. Soll etwa ein Ehrenrat entscheiden, der Mann dürfe als Verleger die Zeitung nicht führen? Ja, aber ihm gehört die Zeitung.”

Wie hat die Redaktion der “Berliner Zeitung” reagiert?

Die Redaktion der “Berliner Zeitung” sei von der Nachricht über Friedrichs Vergangenheit überrascht worden, hieß es in einem Beitrag am Freitag. Friedrich habe die Redaktion am frühen Nachmittag darüber informiert. “Er sicherte zu, alle diesbezüglichen Fragen zu seiner Vergangenheit den Redakteurinnen und Redakteuren persönlich beantworten zu wollen.”

“Wir werden Fakten sammeln, wir wollen die Akten – die Opfer- und die Täterakte – einsehen”, schrieben die Chefredakteure von “Berliner Zeitung” und “Berliner Kurier”, Jochen Arntz und Elmar Jehn, am Montag in ihren Blättern. Die Redaktion werde sich ein Bild machen, Experten hinzuziehen und wolle auch mit Menschen reden, die in den Akten auftauchen. “Holger Friedrich hat der Redaktion ausdrücklich zugesichert, sie auf diesem Weg zu unterstützen.” Die Zeitungen des Berliner Verlags wollten über den Fall berichten, wie sie auch sonst berichten würden. “Journalistisch klar und unabhängig”, so Arntz und Jehn.

Bei der journalistischen Aufarbeitung von Friedrichs Vergangenheit will die Redaktion auch klären, warum der Neu-Verleger nicht schon beim Kauf des Verlags über seine Stasi-Kontakte informiert habe. “Wir werden unseren Verleger dazu befragen. Wir wollen seine Beweggründe kennenlernen, wir wollen verstehen, wie seine Entscheidung zustande kam.”

Welchen Einfluss hat Friedrich bei einem Beitrag genommen?

In einem anderen Fall steht Friedrich ebenfalls in der Kritik. “Der Spiegel” hatte am Freitag mögliche Interessenkonflikte des Neu-Verlegers und IT-Unternehmers veröffentlicht. Das Magazin hatte berichtet, dass die “Berliner Zeitung” über das ostdeutsche Biotech-Unternehmen Centogene berichtet hatte, ohne zu erwähnen, dass Friedrich in dessen Aufsichtsrat sitzt und laut US-Börsenaufsicht im Juni über eine in Berlin ansässige Firma 3,27 Prozent an dem Unternehmen hielt.

Anzeige

“Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist. Wäre das anders gewesen, hätte die Redaktion diese Information in den Artikel mit aufgenommen”, heißt es in der Erklärung. Künftig werde die Redaktion für Transparenz sorgen und in der Berichterstattung prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder des Medienhauses berührt seien.

Der für den Artikel zuständige Redakteur, Torsten Harmsen, meldete sich gar per Twitter und versuchte den Vorfall zu erklären. Der Wunsch für den Artikel sei vom Verleger über die Chefredaktion gekommen. “Begründung: Ostdeutsche Firma vor Börsengang, Spitze Biotechnologie, Standorte Rostock/Berlin. Ließ mich von Ungewöhnlichkeit der Geschichte überzeugen. Dachte, es hat was mit Jubiläum Mauerfall zu tun. Mal ‘ne Erfolgsgeschichte.”

Er betonte allerdings auch, dass Überschriften und Wertungen “OHNE Kenntnis der Beteiligung von Friedrich” entstanden sind. “Ich sollte auf 60 Zeilen die wissenschaftliche Leistung der Firma beschreiben, die an die Börse geht. Das war ein klarer Auftrag.” Über den nun aufgedeckten Konflikt sei die Redaktion mit Friedrich im Austausch.

Der Redakteur wehrte sich zudem gegen den Vorwurf des “Spiegel”, dass es sich um einen “Jubelbericht” handeln würde. “Es war kein ‘Lobgesang’, sondern ein Beitrag, wie er auch heute noch stehen kann. Die Firma gehört tatsächlich zur Weltspitze, hilft Leben retten bei seltenen Krankheiten.”

Herausgeber Maier äußerte sich dazu gegenüber der “SZ” wie folgt: “Falsch war, nicht zu erwähnen, dass der Verleger im Aufsichtsrat sitzt. Das war mir und der Redaktion nicht bekannt. Die Jung-Verleger haben mittlerweile sicher verstanden, dass es gewisse Spielregeln gibt, die man am besten übergenau einhält.”

Was ist mit Verimi?

“Horizont”-Chef Vorkötter bringt in seinem Kommentar einen weiteren, möglicherweise brisanten Aspekt ins Spiel. So war Holger Friedrich auch Geschäftsführer bei dem Login-Unternehmen Verimi, an dem u.a. auch Axel Springer beteiligt ist. Friedrichs Softwarefirma Core ist auch noch an Verimi beteiligt. Vorkötter schreibt:

Als Geschäftsführer der Firma, die eine übergreifende Login-Plattform im Internet aufbauen soll, hat Friedrich für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag Softwareaufträge vergeben – ganz überwiegend an seine eigene Firma. Solche Geschäfte mit sich selbst sind dem Geschäftsführer eigentlich verboten, nicht aber in diesem Fall: Die Ausnahmegenehmigung ist vorschriftsmäßig im Handelsregister eingetragen. Dennoch rumort es im Kreis der Verimi-Gesellschafter, mit deren eigenen Compliance-Regeln dieses Geschäftsgebaren nur schwer in Einklang zu bringen ist.

Friedrich selbst hatte erklärt, dass er neben Fragen vom “Spiegel” und der “Welt am Sonntag” auch Fragen des “manager magazins” bekommen hat. Mit weiteren Berichten ist also zu rechnen.

mit Material der dpa

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Ein linksversiffter Denunziant wird im Deutschland dieser Tage ganz weich fallen, besonders in Berlin. Der ist ja gerade unter Merkel weit gekommen und jetzt wartet man auf das Gras, bis er wieder nach oben bugsiert wird.

  2. Geradezu unglaublich, was die NZZ über weitere Pläne Friedrichs meldet: Eine “zentrale Plattform” werde berlin.de, ein Portal, das der Verlag betreibt, an dem aber auch die Hauptstadt beteiligt ist und Bürgern dort ihre Dienstleistungen anbietet. Im Klartext: IM “Bernstein” will/wollte sämtliche sensiblen Daten (Meldedaten, Bonität, Vorstrafenregister, Einkäufe…) aller Berliner Bürger abgreifen und sammeln. Die Verdienstmedaille des MfS wäre ihm sicher und seine Führungsoffiziere begeistert gewesen…

    1. und schon teilt die Stadt mit, dass der Vertrag mit berlin.de bereits 2018 gekündigt wurde. Das war dem Verleger sicherlich bekannt. Da stellt sich die Frage, warum er das der NZZ ganz anders schildert…

  3. warum der Neu-Verleger nicht schon beim Kauf des Verlags über seine Stasi-Kontakte informiert habe? Ganz einfach: Er war naiv-arrogant und dachte, es kommt nicht raus. Als “IM” bzw. “IMS” hätte er den Verlag auch gar nicht bekommen.
    Übrigens: IMS = Inoffizieller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches

  4. @ Herr Schlimmer: Bei IM “Victoria” Kahane-Amadeu-Antonio weiss jeder, dass sie heute einseitige Propaganda macht, das darf man als bekannt voraussetzen. Sie wurde anfangs auch bekämpft, aber das ist heute “eingepreist” und man weiss, was man von ihr zu halten hat. Bei IM “Peter Bernstein” Friedrich weiss/wusste man das (bisher) nicht. Aber da kommt noch mehr ans Tageslicht.

  5. Ich finde es sehr interessant, daß dieser “Verleger” auf einmal von allen Seiten beschossen wird, weil er Stasi IM war. Bei Frau Kahane, die ebenfalls IM war, regt sich niemand auf, obwohl sie sogar vom Staat dafür bezahlt wird, wieder “falsche” Meinungen zu bekämpfen.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia