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In Twitter-Gewittern – ein aktueller Wetter-Bericht von der Shitstormfront

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"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt macht den Habeck und hat seinen Abschied bei Twitter ebenso grabenkämpferisch wie wortreich begründet. Das Berliner Power-Couple "Die Friedrichs" übt sich in der Kunst der subtilen Watschenverteilung. Und Harald Schmidt empfängt in seiner neuen Theater-Show Winfried Kretschmann. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Den aufmerksamen Verfolgern des Twitterverse mag aufgefallen sein, dass der frühere Twitter-Fanatic Ulf Poschardt seit einiger Zeit verstummt ist. Nun hat der “Welt”-Chefredakteur in einem langen Stück, das hinter der Paywall liegt, erläutert, warum er den Habeck macht. Der Grünen-Chef hatte sich ja nach einer Reihe von Fettnapftritten dazu entschlossen, Twitter den Rücken zu kehren, weil die Kurzatmigkeit dieses Mediums ihm nicht gut tue. Twitter bringe schlechte Eigenschaften in ihm hervor und verleite ihn zu Fehlern. Das schrieb wohlgemerkt Habeck, nicht Poschardt. Der schreibt u.a.: “Teutonisch auch der Sog, Sprache und Emojis zu militarisieren und zu Soldaten der eigenen Kulturkämpfe abzurichten.”

Drunter geht es wohl nicht. Ob er mit dem Smiley-Weaponizing auch den von ihm selbst praktizierten, inflationären Umgang mit dem schlimmen Lachtränen-Emoji meint, bleibt unklar. Der “Welt”-Chef formuliert kriegerisch:

Gegen das Spiel, die Pointe, die überraschende Eröffnung werden Frontverläufe begradigt und in verbitterten Stellungskämpfen werden Poesie, Charme, Ironie zermalmt und zerfetzt.

Sprachliches Florett ist hier scheinbar fehl am Platze. Es regiert der WKII-Style. Poschardts Fazit:

Es wird gerade schlimmer und schlimmer. Die wechselseitige Radikalentmündigung durch Hass und Unterkomplexes hat eine unschöne Dynamik entwickelt. Das Gute ist: Jeder kann aussteigen. Soziale Medien haben ihre besten Zeiten hinter sich.

Uff! Man könnte nun einwenden, dass die öffentliche Behauptung von UP auf Twitter, der Sänger Herbert Grönemeyer würde keine Steuern in Deutschland zahlen, auch ein ganz kleines bisschen “unterkomplex”, weil falsch, war. Immerhin musste Poschardt deswegen eine Richtigstellung auf Twitter veröffentlichen. Die Einsicht der “wechselseitigen Radikalentmündigung” folgte wenig später.

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Wobei: Twitter und Hass – it’s still a thing. Wenn die Entwicklung von Twitter hin zur Social-Media-Hass-Maschine auch nicht ganz so fresh ist, wie UP meint.  Aktuell breitet sich auf Twitter um den Autor Sebastian Pertsch eine veritable Hass-Wolke aus. Auslöser war angeblich ein ganz Schlimmer-Finger-Tweet des “Welt”-Bloggers Don Alphonso, den man freilich nicht mehr einsehen kann, weil das angeblich komplett zur Regulierung unfähige Twitter ihn ironischerweise entfernt hat.

Aufregen kann man sich trotzdem. Pertsch begegnet dem Hasssturm eigenen Angaben zufolge nun mit sehr viel Lachen und dadurch, dass er Leute, die ihm auf Twitter blöd kommen, als “Trottel” tituliert. Das wirkt unter Umständen auf Außenstehende befremdlich. Aber, wenn man die Zeit hat, warum nicht? Es entbehrt freilich nicht einer gewissen Komik, wenn Herr Pertsch bei seiner fleißigen “Trottel”-Verteilung ab und an Leute trifft, die ihm eigentlich beispringen wollen:

Der Vorfall rief auch den Sachbuchautor und früheren “elektrischen Reporter” Mario Sixtus auf den Plan, der via Twitter (natürlich) dazu aufrief, wegen diesem Don Alphonso sofort allen Springer-Mitarbeitern die Freundschaft zu kündigen.

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Dazu zwei abschließende Bemerkungen:

1.) Ist das nicht ein bisschen arg over the top?
2.) Warum sind die Tweets der Anti-Hass und Anti-Springer-Fraktion immer randvoll von Fäkal-Ausdrücken und Hass-Vokabeln? Ist das nicht ein bisschen kontraproduktiv?

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Gepflegter geht es beim Diskurs unter Verlegern zu. Auch dann, wenn man sich nicht ganz grün ist. Die beiden Mode-Ikonen und Neu-Verleger*innen Silke und Holger Friedrich, aka “Die Friedrichs” haben ihre zahlreichen Visionen für die “Berliner Zeitung” in einem ellenlangen Essay niedergeschrieben, das glücklicherweise ganz und gar ohne Fäkal-Anwürfe auskommt. Springer-Chef Mathias Döpfner bekommt vom Power-Couple trotzdem subtil eine Watsche mit, aber subtil: “Die vierte Gewalt sollte sich nicht darauf beschränken, mit dem Fahrstuhl auf und ab zu fahren und den primär am Fahrstuhlfahren Interessierten den Weg zu ebnen.”

Damit kann nur der berühmte Döpfner-Spruch gemeint sein, “Wer mit der ‘Bild’-Zeitung “im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.” Die Friedrichs, die diese Woche auch in stylishen Eigenanzeigen in der “Berliner Zeitung” auftauchten, erklären außerdem, dass “strukturelle Langeweile” ein Grund für den Kauf des Berliner Verlags war. Das Juste Milieu ennuyiert? Dem sollte Abhilfe zu schaffen sein.

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Bei all dem Hass-Gerede und Wortgeklingel habe ich zum Schluss noch ein bisschen was Wohltuendes zum Wochenende. Von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkt hat Harald Schmidt sein Comeback mit einer Show gefeiert. Im Schauspielhaus Stuttgart tritt er mit der Reihe “Echt Schmidt” auf, die nix anderes ist, als eine Art Unplugged-Variante seiner alten “Harald Schmidt Show”, ganz ohne Bells and Whistles. Am Tag vor Allerheiligen war der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zu Gast. Wer wissen will, warum Schmidt immer noch sehr gut und Kretschmann mit Recht der beliebteste MP im Lande ist, kann sich den Auftritt bei YouTube anschauen: Knapp 40 Minuten komplett phrasenfreie Zone. “Echt Schmidt” hat übrigens noch ein paar Folgen. Die Ticketpreise sind mit 13 Euro moderat.

Sowohl Schmidt als auch Kretschmann sind übrigens nicht auf Twitter.

Schönes Wochenende!

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