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Codename “Houston”: Chefredakteur Beat Balzli verpasst der “Wiwo”-Redaktion eine neue Struktur

“WiWo”-Chefredakteur Beat Balzli
"WiWo"-Chefredakteur Beat Balzli Fotos: HMG

Die Redaktion der "Wirtschaftswoche" plant, ihre Arbeitsweise umzustellen. "WiWo"-Chefredakteur Beat Balzli hat Fachressorts gebildet, die künftig Themenpakete recherchieren sollen, um die Print- und Digitalkanäle optimaler zu bedienen. Strategisch will der frühere "Spiegel"-Journalist dadurch stärker Print- in Digital-Abos umwandeln. Dabei ist er auf einem guten Weg.

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Im März schwor “Handelsblatt”-Chefredakteur Sven Afhüppe seine Redaktion auf eine neue Arbeitsweise ein. Künftig sollen die Journalisten der börsentäglich erscheinenden Wirtschaftszeitung ihre Artikel so aufbereiten, dass zunächst die digitale Produktion klar im Vordergrund steht und erst danach das Print-Produkt folgt. Der Projektname hierfür war so ambitioniert wie das Vorhaben: “Apollo 27”. (MEEDIA berichtete).

Neue Redaktionsstruktur ab 2020

Zeitgleich schob “Wirtschaftswoche”-Chefredakteur Beat Balzli ein ähnliches Projekt an, um die Print- und Online-Redaktion stärker zu verzahnen. Angelehnt an die Kollegen vom “Handelsblatt” wählte er hierfür den Namen “Houston”. Ziel ist, dass die Redaktion ab 2020 operativ in einer neuen Struktur arbeiten soll. Dafür baut Balzli die Redaktion seit Monaten um, zwar nicht mit einem “Big Bang”, wie er sagt – vielmehr behutsam in kleinen Schritten. So gibt es künftig mehrere Fachressorts, ein Desk-Management und ein kleines Printteam, das sich um das gedruckte Produkt kümmert. Kernstück sind aber die Fachressorts. Ihnen kommt eine besondere Aufgabe zu, um die digitale Transformation des Magazins voranzutreiben. Balzli: “Die Fachressorts recherchieren Themenpakete, die zielgerichtet auf den jeweiligen Kanälen ausgespielt werden, ob Digital oder Print.” Der frühere “Spiegel”-Journalist verfolgt damit ein klares Ziel: “Aus der ‘Wirtschaftswoche’ soll auch ein Wirtschafts-Online-Magazin werden.”

Als ein Beispiel für solche Themenpakete nennt er die jüngste Klimaoffensive der Bundes, die vorsieht, Öl-Heizungen in Deutschland langfristig abzuschaffen. Daraus erstellt die Redaktion fünf bis sechs Beiträge, die alle Facetten der Thematik ausleuchten: Wie wird in anderen Ländern geheizt? Gibt es neue Technologie im Silicon Valley? Woran forschen Weltmarktführer in Sachen Heizung? Die daraus entstandenen Beiträge lässt Balzli als Premium-Stücke online hinter der Bezahlschranke verschwinden, ebenso ein Stück, das ausschließlich fürs Printheft vorgesehen ist – beispielsweise die Titelgeschichte. Dadurch hofft er, den Lesern den Abschluss eines Digital-Abos schmackhafter zu machen. Bei den Premium-Stücken schickt Balzli seine Redakteure nicht ins Rennen um die beste News. Er setzt vielmehr einen anderen Schwerpunkt: “Die ‘WiWo’ ist kein Newsportal, wir liefern überraschende Hintergründe und nutzwertige Analysen zur latenten Aktualität. Wir zählen keine Bäume, sondern erklären den Wald. Verstehen und verdienen aus einer Hand, jede Woche in der ‘Wiwo'”, erklärt der Chefredakteur die Stoßrichtung.

“Wirtschaft von oben”

Trotz Bezahl-Stücken setzt der gebürtige Schweizer beim Online-Aufritt weiter auf ein Fremium-Modell, um die Reichweite bei der Vermarktung nicht zu gefährden. Daran will er nicht rütteln. Zugleich plant er, das Webportal durch neue Formate aufzuwerten. Dazu zählt “Wirtschaft von oben”. Hier erzählt die Redaktion anhand von Satellitenbildern Wirtschaftsgeschichten – beispielsweise wie sich in den vergangenen Jahren durch den weltweit wachsenden Fleischkonsum die Rinderfarmen in den USA ausgedehnt haben.

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Mit der neuen Arbeitsweise der “WiWo”-Redaktion verfolgt die Verlagsgruppe Handelsblatt eine klare Stoßrichtung: “Houston ist das Kernstück unserer neuen Subskription-Strategie. Früher spielte etwa der Kiosk bei der ‘WiWo’ noch eine wichtigere Rolle, heute fokussieren wir uns voll und ganz auf bezahlte Abos – egal ob Print oder digital“, sagt der Chefredakteur. Dabei sind für die Düsseldorfer bezahlte Digital-Abos vorrangig. Und hier konnte die Zeitschrift im hart umkämpften Segment der Wirtschaftspresse Boden gutmachen. “Wir haben die Zahl der Digitalabos deutlich gesteigert. Es sind inzwischen mehrere zehntausend Abos”, erklärt der “WiWo”-Chef stolz, freilich ohne konkrete Zahlen zu nennen. Doch nach Informationen von MEEDIA verfügt das Magazin bereits über mehr als 40.000 bezahlte Digital-Abos.

Auslandsvertrieb zurückgefahren

Dabei soll es aber nicht bleiben. Ziel des früheren Vize-Chefs der “Welt” ist es, die Print-Abos massiv in Digitalabos zu konvertieren. Dies soll die neue Arbeitsweise der Redaktion beflügeln. Für den Verlag bringt das große Vorteile. Die Düsseldorfer sparen dadurch Druck- und Vertriebskosten. Doch das ist nicht alles. Um die “WiWo” noch stärker auf Gewinn zu trimmen, hat die Verlagsspitze den Kioskverkauf um 1.000 Exemplare eingedampft. “Wir haben den Auslandsvertrieb im Einzelverkauf verringert, weil er sich für uns nicht gerechnet hat”, erklärt der Magazin-Chef. Dies war wohl auch ein wesentlicher Grund dafür, warum die verkaufte Auflage des Blattes im 2. Quartal 2019 gegenüber dem vergleichbaren Vorjahresquartal um über ein Prozent auf 118.704 Exemplare zurückging.

Balzli hat die Chefredaktion der “Wirtschaftswoche” im Frühjahr 2017 von Miriam Meckel übernommen. Trotz personeller Umbauten auf Ressort-Leitungsebene vor einem Jahr hat es der Journalist in seiner bisherigen Amtszeit nicht geschafft, den seit Jahren schleichenden Verkaufsrückgang des Wirtschaftstitels zu stoppen. So lag die verkaufte Auflage im 2. Quartal 2017 bei 120.250 Exemplaren, jetzt sind es rund 1.500 Exemplare (2. Quartal 2019) weniger. Das will Balzli ändern. Er beabsichtigt, den Absatz des Blattes insgesamt zu steigern, indem er neue Zielgruppen an die Marke heranführt – darunter Young Professionals sowie Mittelständler. Für die letztere Zielgruppe entwickelte die Redaktion inzwischen einen Newsletter sowie eine Podcast-Serie. Als weitere Zielgruppe hat er Privatanleger fest im Visier, die er vor allem durch Karriere- und Geldthemen für die “WiWo” begeistern will.

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Alle Kommentare

  1. Man versucht sich gesund zu schrumpfen.
    Läuft eben nicht mehr so gut, nachdem man die linken Dumpfbacken nach oben gesetzt hat.

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