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Vertrauen Sie mir, ich bin Journalistin! Warum sich Konstruktiver Journalismus für Medien lohnen kann

Ellen Schuster Foto: DW/F. Görner

Junge Menschen kehren etablierten Medien zunehmend den Rücken. Ellen Schuster, Head of Digital Programming bei der Deutschen Welle (DW), fordert in ihrem Beitrag der Essay-Reihe „Werteorientierte Digitalisierung“ von MEEDIA in Kooperation mit der Hamburg Media School: Medien sollten kritisch hinterfragen, ob ihre Angebote überhaupt noch zur Lebenswelt der Menschen im digitalen Zeitalter passen.

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Von Ellen Schuster

Wie an vielen Abenden hatte sich die Familie pünktlich um acht vor dem Fernseher versammelt. Der tägliche gemeinsame Nachrichtenkonsum als eines der wenigen täglichen Rituale, die meine Teenager und ich gemeinsam pflegen. Oder sagen wir, eine pflegt, zwei müssen mitmachen. Plötzlich: wütendes Gebrüll meiner Zwölfjährigen. „Glauben die eigentlich, dass man sowas wirklich sehen will? Dauernd Kriege, Katastrophen und schlechte Nachrichten. Ich hab‘ echt keinen Bock, mich von denen so runterziehen zu lassen.“ Abgang Teenager-Tochter. Hochgezogene Brauen beim Teenager-Sohn. Irgendwie Verständnis bei der Teenager-Mutter.

Die „Generation Greta“ ist alarmiert

Zugegebenermaßen werden heute immer weniger Jugendliche von ihren Eltern gezwungen, im Fernsehen linear ausgestrahlte Nachrichtensendungen anzuschauen. Macht in den Augen des Nachwuchses auch keinen Sinn: Im Internet kann man sich schließlich zu jeder Tageszeit informieren. Ich halte trotzdem an dem gemeinsamen Ritual fest. Teils aus Nostalgie, teils, weil sich vor dem Fernseh-Lagerfeuer häufig interessante Gespräche ergeben. Dabei wird mir immer wieder klar: Die „Generation Greta“ ist nicht nur interessiert an dem, was in der Welt vor sich geht, nein, die jungen Menschen sind regelrecht alarmiert („Wer weiß schon, ob wir in 50 Jahren überhaupt noch auf diesem Planeten leben können?“). Und sie suchen nach Lösungen – die sie in den etablierten Medien allzu selten finden. Stattdessen werden sie dort mit einer nicht enden wollenden Flut schlechter Nachrichten konfrontiert. Das macht manche ratlos, andere wütend. Viele wenden sich ab und suchen woanders nach Informationen.

Nachrichten hauptsächlich über YouTube

In den Vereinigten Staaten hat eine gemeinsame Studie der Organisation Common Sense mit der Umfragefirma Survey Monkey unlängst ergeben, dass mehr als die Hälfte der amerikanischen Jugendlichen ihre Nachrichten hauptsächlich über Soziale Medien, vor allem über YouTube, beziehen. Und nur knapp ein Drittel derjenigen, die täglich Nachrichten konsumieren, gaben an, dies über traditionelle Wege wie Fernsehen (13%) oder Zeitungen (15%) zu tun. Ganz klar im Aufwind sind derweil die Influencer: Jeder dritte amerikanische  Teenager (31%) lässt sich der Studie zufolge von ihnen das Weltgeschehen erklären. Ein weiteres Drittel baut darauf, dass informierte Menschen im eigenen Umfeld, wie Familienmitglieder, Freunde und Lehrer, für sie das Weltgeschehen einordnen. 

Die Ergebnisse der Studie lassen sich nicht eins zu eins auf deutsche Verhältnisse übertragen. Der Umstand aber, dass die Mehrheit der jungen Amerikaner es bevorzugt, wenn Bezugspersonen oder virtuelle Vorbilder ihnen die Nachrichten erklären, verdient unsere Aufmerksamkeit. Er ist nämlich ein Hinweis darauf, dass wir Journalisten unseren ureigenen Job, nämlich relevante Themen aus der Fülle an Nachrichten zu destillieren und zielgruppengerecht aufzubereiten, nicht gut genug machen. In ihrer Not nutzen junge Menschen Facebooks „Family & Friends“ Algorithmus auch im echten Leben: Sie übertragen vertrauten Personen – wozu sie auch Influencer zählen – eine Filterfunktion und bauen darauf, dass wirklich wichtige Nachrichten sie auf diese Weise schon irgendwie erreichen. So gehen immer mehr Jugendliche den traditionellen Medien als Nutzer verloren, was weniger zahlende Kundschaft für alle bedeutet, die ihren Journalismus monetarisieren müssen – und sinkende Relevanz und Reichweite für Medien mit öffentlich-rechtlichem Auftrag.

Überforderung, Vertrauensverlust und Hilflosigkeit

Aber auch ältere Zielgruppen wenden sich von etablierten Informationsangeboten ab. Der aktuelle Reuters Digital News Report enthält starke Hinweise auf eine wachsende „News Avoidance“ seitens erwachsener Mediennutzer weltweit. 

32 Prozent der Befragten gaben an, „Nachrichten oft oder manchmal zu vermeiden“. Im Brexit-geschüttelten Großbritannien ist die Zahl der Nachrichtenverweigerer laut der Studie innerhalb von nur zwei Jahren gar um 11 auf 35 Prozent gestiegen, was die Autoren mit einer wachsenden Polarisierung, auch in der Berichterstattung über den Brexit erklären. 

Die Lage in Deutschland ist weniger düster, doch auch hier gibt etwa ein Viertel der Bevölkerung an, oft oder manchmal den Nachrichtenkonsum zu vermeiden. Was treibt erwachsene Menschen dazu? Laut der Reuters-Studie zählen Überzeugungen, wie „Es kann sich negativ auf meine Stimmung auswirken“ und „Ich kann nicht darauf vertrauen, dass Nachrichten wahr sind“ zu den Hauptgründen. 

Über das Thema Vertrauensverlust ist schon viel geschrieben worden. Ohne Vertrauen funktioniert kein digitales Geschäftsmodell. Ohne Vertrauen kann keine Marke überleben. Und ohne das Vertrauen unserer Nutzer kann unsere gesamte Branche einpacken. Die Deutsche Welle genießt weltweit sehr gute Vertrauenswerte. Wir agieren als öffentlich-rechtlicher Sender aus Deutschland oftmals in extrem polarisierten und zuweilen auch zensierten Medienmärkten. In einer Studie vor zwei Jahren gaben 96 Prozent der Befragten aus unterschiedlichen Weltregionen an, dass sie die DW für glaubwürdig hielten. 

Vertrauen gewinnt man durch Offenheit, Transparenz und konstruktive Kommunikation. Hingegen genießen Menschen, die permanent schwarzsehen und niemals mit einer guten Idee um die Ecke biegen, eher nicht unser Vertrauen. Denn in ihrer Gegenwart beschleicht uns das Gefühl, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Unser aller Lebenswirklichkeit ist schließlich geprägt von positiven und negativen Ereignissen. Unwahrscheinlich, dass ausgerechnet der chronische Nörgler einen objektiven Blick darauf hat, was wirklich abgeht… Merken Sie was?

Der stete Strom schlechter Nachrichten macht uns auch körperlich und psychisch zu schaffen. Wir reagieren nämlich evolutionsbedingt schneller und stärker auf negative denn auf positive Ereignisse. Neurowissenschaftler nennen das den „Negativity Bias“ unseres Gehirns. 

Er hat unseren Vorfahren dabei geholfen, Umweltgefahren und Feinde rechtzeitig wahrzunehmen und schnellstmöglich darauf zu reagieren. Während dieser Mechanismus unserer Spezies einst beim Überleben geholfen hat, führt ein Zuviel an negativen Ereignissen heute zu dem, was ich live in meinem Wohnzimmer beobachten musste: Zu Überforderung, Hilflosigkeit – und dann entweder zu Rückzug oder Wut. Wie bei meiner Tochter an dem besagten Abend. Passiert das in sehr vielen Wohnzimmern, dann gefährdet das mehr als nur den Familienfrieden. Dann geht es um den Zusammenhalt einer ganzen Gesellschaft.

Unser demokratisches System ist darauf angewiesen, dass Menschen sich für das Gemeinwohl interessieren, und kann nur eine gewisse Anzahl von Wutbürgern ertragen, bevor die Gefahr der Spaltung real wird. Diverse Studien belegen in jüngster Zeit, dass aber genau das passiert. Die Kluft zwischen der sogenannten informierten Öffentlichkeit und denen, die „den Medien“ überhaupt nicht mehr trauen und sie zuweilen wütend attackieren, ist größer als je zuvor.

Konstruktiver Journalismus zahlt sich aus

Trotz der angespannten Stimmung da draußen nehmen viele Journalisten weiterhin wie selbstverständlich für sich in Anspruch, den Menschen täglich relevante Informationen zu liefern. Dass das immer mehr Nutzer anders sehen und sich gar bewusst abwenden, nehmen sie höchstens verwundert zur Kenntnis. Kolleginnen und Kollegen, die dafür werben, die angeblich so objektiven journalistischen Relevanzkriterien einmal kritisch daraufhin zu überprüfen, ob sie den Bedürfnissen der Nutzer überhaupt noch Rechnung tragen, begegnen sie mit einem kraftvollen „Das haben wir doch schon immer so gemacht“. In ganz Deutschland sind Redaktionen bereit, mit einer Myriade digitaler Tools und Plattformen zu experimentieren, um den Fortbestand des eigenen Angebots zu sichern. Aber nur wenige hinterfragen kritisch, ob ihre Angebote überhaupt noch an die Lebenswelt der Menschen andocken und für diese relevant sind. Meine Kinder beispielsweise interessieren sich sehr für die Lebenswirklichkeit von Gleichaltrigen in anderen Ländern – erst recht dann, wenn diese sich erfolgreich gegen Diskriminierung, Umweltverschmutzung oder andere Probleme zur Wehr setzen, die sie aus Deutschland auch kennen. 

Warum tun sich trotzdem so viele Redaktionen so schwer damit, Menschen Informationen mit Mehrwert für ihre Lebenswelten zu bieten? Zum Beispiel Lösungsansätze zu relevanten Problemen, Beispiele für geglückte Initiativen, Gelegenheiten zu konstruktiven Diskussionen? Warum wird ein Ansatz wie konstruktiver (oder auch lösungsorientierter) Journalismus in vielen Redaktionen noch als „Positive News“ belächelt? Warum wird der Grundsatz „If it bleeds, it leads!“ in der Journalistenausbildung immer noch hochgehalten, obwohl uns offenkundig auch deshalb die Nutzer davonlaufen? 

Natürlich, früher garantierten Kriege, Krisen und Katastrophen hohe Auflagen. Und auch heute noch genügt ein Blick auf Einschaltquoten und Google News, um zu wissen, dass schlechte Nachrichten immer noch die besten Reichweitenbringer sind (das gilt übrigens auch für die Brexit-Berichterstattung in Großbritannien!). Doch aus einer Analyse des britischen Guardian, der schon einige Jahre mit konstruktivem Journalismus experimentiert, wissen wir auch: 

Artikel, die konstruktiv mit relevanten Problemen umgehen, werden intensiver gelesen, und die Wahrscheinlichkeit, dass Leser derartige Inhalte teilen, ist überdurchschnittlich hoch. Konstruktiver Journalismus zahlt sich aus – und das ist für eine Branche umso wichtiger, deren Erlöse immer weniger am Kiosk und immer stärker über den Verkauf von Digitalabos erzielt werden. In der Deutschen Welle haben wir zudem herausgefunden, dass Diskussionen in sozialen Medien friedlicher ablaufen, wenn wir konstruktive Videos posten. Und wenn Diskussionen friedlicher verlaufen, beteiligen sich mehr Frauen an der Diskussion – eine Zielgruppe, die mit News eher schwerer zu erreichen ist.

Das Rennen um Glaubwürdigkeit gewinnen

Es ist für die überwiegende Zahl der Redaktionen an der Zeit, zu realisieren, dass sie weder das Rennen um Vollständigkeit noch um Geschwindigkeit je gewinnen können. Was sie aber immer noch gewinnen können, ist das Rennen um Glaubwürdigkeit. Dazu müssen wir Journalisten unseren Nutzern täglich die bestmögliche Rekonstruktion der Realität abliefern, indem wir – wie der dänische Vordenker des konstruktiven Journalismus, Ulrik Haagerup, schreibt – „die Welt mit beiden Augen sehen“ und eben keine chronischen Nörgler sind. Unsere Angebote müssen die ganze Bandbreite potentieller Geschichten spiegeln. Und dazu gehören Probleme genauso wie Lösungen. 

Wir alle sollten uns darüber Gedanken machen, wie wir es vermeiden, dass die Kluft zwischen der Lebenswirklichkeit unserer Nutzer und unseren Angeboten sich weiter vertieft.  

In der Deutschen Welle gehört es zu den täglichen „Daily Goals“ der englischen TV-Nachrichten, möglichst ein Nachrichtenstück mit konstruktivem Anspruch zu senden. Das klappt nicht immer, zum Beispiel, weil Breaking News Situationen sich nicht für konstruktiven Journalismus eignen. Aber der Tag und die Woche danach eignen sich sehr wohl: Beispielsweise berichtete unsere Reporterin aus Paris vom gemeinsamen Gebet christlicher, jüdischer und muslimischer Franzosen, als die Trümmer von Notre Dame nach dem verheerenden Feuer noch schwelten. 

Wir wissen von unseren DW-Zuschauern, dass sie uns als internationalen TV-Sender zu mehr als zwei Dritteln einschalten, weil sie sich „Lösungsansätze für Probleme versprechen“, die sie zu Hause auch haben. 

Daher werden wir in den kommenden Jahren verstärkt in Berichterstattung investieren, die unseren Nutzern genau das liefert: Eine Berichterstattung über die relevanten Themen und Herausforderungen unserer Zeit – möglichst oft verbunden mit Hinweisen auf Lösungsansätze oder innovative Ideen. Ähnliches hat man beim „Guardian“ im Sinn. Dessen Chefredakteurin, Catherine Viner, sagte einmal in einer Rede über die Zukunft ihres Mediums: „Wir werden Ideen entwickeln, die dazu beitragen, die Welt zu verbessern, nicht nur zu kritisieren. (…) Die Menschen sehnen sich danach, sich wieder hoffnungsvoll zu fühlen – und vor allem junge Menschen sehnen sich danach, die Hoffnung zu spüren, die frühere Generationen einst hatten.“

Das kann ich nur bestätigen. Als Mutter und als Journalistin.

Über die Autorin:

Ellen Schuster hat zunächst für Printmedien und internationale Hilfsorganisationen gearbeitet, bevor sie als Journalistin zur Deutschen Welle kam. Dort hat sie unter anderem am Aufbau der DW Akademie mitgewirkt und eine Innovationsabteilung für die 30 Sprachenprogramme der Deutschen Welle aufgebaut. Heute berät sie die Programmdirektorin des öffentlich-rechtlichen Auslandssenders, ist als Trendscout unterwegs und kümmert sich in der DW um das Zukunftsthema Wissensmanagement.

Über die Reihe: Dies ist der 16. Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht.

Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Teil 5: Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Teil 6: Lösung sucht Problem: fünf Schritte für eine produktive Innovationskultur der Medien

Teil 7: Weg mit dem Dringlichkeitsalgorithmus! Ein Sechs-Stufen-Plan für Bewältigungsstrategien in der New-Work-Welt

Teil 8: “Like Deine Freude, wie Du selbst geliked werden willst” – wie wir uns alle einer Digitalisierungsreligion unterwerfen

Teil 9: “Freie Presse” in Chemnitz auf Tuchfühlung mit Lesern: Warum der Lokaljournalismus besser wird

Teil 10: Ein Spotify für den Journalismus? Fünf Strategien zur Steigerung der Zahlungsbereitschaft im Netz

Teil 11: Warum wir Diversität im Medienbetrieb neu definieren müssen – die Hölle, das sind nicht die anderen

Teil 12: “So muss Lokaljournalismus aussehen”: Wie die Lüneburger “Landeszeitung” mit ihren Lesern ins Gespräch kommt

Teil 13: Wissen, wie der Hase läuft – Lokaljournalismus zwischen Klischees und digitaler Transformation

Teil 14: “Du bist auf dem neuesten Stand”: Warum die Medien ein besseres Gedächtnis brauchen

Teil 15: Bauchgefühl plus Daten plus Community: Wie Lokalmedien wieder Autorität erlangen können

Teil 16: It’s the Spirit, Stupid! Wie Medien dem Nachwuchsmangel im Journalismus am besten begegnen

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