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Die entgleiste Medien-Debatte um Mathias Döpfners “Halle”-Text in der “Welt”

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Nach dem schlimmen Verbrechen von Halle versetzt ein Essay von Springer-CEO Mathias Döpfner die Medienwelt in Wallung. Bei den Sparplänen der SWMH stehen die bitteren Pillen womöglich noch im Schrank und bei Gruner + Jahr haben sie ein Faible für "Flugzeuge im Bauch". Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Nach dem schlimmen Verbrechen in Halle wird auch mal wieder über die Rolle der Medien diskutiert. Wie stets. Die Tat hat gewisse Parallelen zum Fall Christchurch: rechtsradikaler Täter, Anschlagsziel war eine religiöse Einrichtung, Tat wurde ins Internet gestreamt. Bei Christchurch zeigte “Bild” eine bearbeitete Version des Videos und zog damit massive Kritik auf sich. Eine Rüge vom Presserat gab’s später obendrauf. Chefredakteur Julian Reichelt rechtfertigte die Veröffentlichung damals damit, dass man das Video nicht den sozialen Netzwerken überlassen dürfe. Es müsse journalistisch eingeordnet werden. Auch diesmal zeigte “Bild” wieder – kommentierte – Ausschnitte aus dem Video.

Für die große Wallung sorgte aber nicht Julian Reichelt, sondern dessen Chef Mathias Döpfner. Der veröffentlichte in der hauseigenen “Welt” auf Seite 1 ein langes, wütendes Stück, in dem er dem Rechtsstaat vorwirft beim Kampf gegen Antisemitismus zu versagen. Und das nicht nur im Fall “Halle”. Döpfner spannt den Bogen weiter und bezieht mehrere antisemitische Vorfälle der jüngeren Zeit mit ein. Dadurch, dass sich der Staat bei der Bekämpfung von Antisemitismus wegducke, bereite er den Nährboden für rechtsradikale Anschläge wie Halle, meint er.

Und er geißelt eine Unkultur der Political Correctness: Deutschland Medien-Elite schlafe “den Schlaf der Selbstgerechten”.

Dieser Bezug von Halle zu anderen antisemitischen Vorfällen und zur Kritik an Political Correctness, geht zahlreichen Leuten zu weit. Döpfner und sein Text werden im Netz scharf kritisiert und wüst beschimpft. Auch wird ihm vorgehalten, dass die zur AfD übergelaufene Politikerin Erika Steinbach seinen Text lobte. Die Empörung schaukelt sich hoch. Besonders auf Twitter. Wieder einmal.

Mir gelingt es nach der Lektüre nicht, mich über den Text so extrem aufzuregen, wie das viele tun. Ihn gar als “ekelhaft” oder “widerwärtig” zu empfinden. Die Grundforderung, den Staat zum konsequenten Handeln gegen Antisemitismus aufzufordern, kann ich nachvollziehen. Und Döpfner verurteilt in dem Stück ja ausdrücklich auch den rechten Antisemitismus, der aktuell in der Gewalttat von Halle mündete. Nun zu verlangen, man dürfe erst einmal NUR rechten Antisemitismus verurteilen oder Döpfner vorwerfen, Applaus von der falschen Seite zu bekommen, halte ich für zu billig.

Übrigens: Döpfners titelgebender Appell, er wolle “Nie wieder ‘Nie wieder Antisemitismus’-Reden hören, bezog sich offenkundig nur auf Politiker, nicht auf Führungskräfte aus dem eigenen Hause.

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Diese Woche gab die Südwestdeutsche Medienholding (zu ihr gehören u.a. die “Süddeutsche Zeitung” und “Stuttgarter Zeitung”) ein umfassendes Sparprogramm bekannt. Bis Ende 2020 sollen rund 150 Jobs abgebaut werden, schrieb das “Handelsblatt”. Gleichzeitig sollen in den kommenden zwei Jahren über 100 Mio. Euro investiert werden. Natürlich in den digitalen Wandel. Wohin denn sonst? Auch Axel Springer will bekanntlich sparen und gleichzeitig 100 Mio. Euro investieren. So sehr sich die Konzepte auf den ersten Blick gleichen, es gibt doch ein paar Unterschiede. Springer will die 100 Mios auf drei Jahre verteilen und gleichzeitig 50 Mio. Euro allein bei News Media National sparen. Dabei geht es schon recht handfest und konkret zu: “Bild” und “BamS” rücken zusammen, beim Vermarkter Media Impact stehen Außenbüros zur Disposition. “Welt kompakt” und “Welt Hamburg” sowie die Beilage “Bilanz” werden gestrichen. Gleichzeitig hat Springer für das Investitionsprogramm KKR im Rücken. SWMH-Chef Christian Wegner will die 100 Mios dagegen in zwei Jahren raushauen und erklärte: “Wir wollen mit allen Verlagen weiterhin Top-Journalismus anbieten und im deutschsprachigen Raum Abo-Marktführer für Qualitätsmedien und Fachinformationen werden. Zugleich investieren wir in passende Wachstumsfelder, um unabhängiger von den sinkenden Werbeeinnahmen zu werden. Wir wollen in der Gruppe stärker miteinander kooperieren und unsere Arbeitsabläufe und Effizienz kontinuierlich verbessern.” Das klingt ein bisschen netter als bei Springer aber auch viel wolkiger. Ich fürchte, die ganz bitteren Pillen stehen bei der SWMH noch im Schrank.

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Die “Brigitte” hat diese Woche mit “Be Green” einen Ableger zum Greta-Hype auf den Markt gebracht. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solches Heft, das sich an eine aktuelle Trend-Stimmung klammert, vermutlich nicht sonderlich nachhaltig. Auch wenn es Nachhaltigkeit zum Thema hat. Ein bisschen mehr nachdenken könnte man freilich schon, wenn man das neue Hefterl via Twitter bewerben möchte:

Schönes Wochenende!

PS: Kaum zu glauben, unser Podcast “Die Medien-Woche” ist jetzt auch schon zwei Jahre und 100 Folgen alt! Wir haben keine Kosten (eine Tüte Gummibärchen, eine Schale Erdnüsse zwei Wasser, ein Kombucha) und Mühen (Zugfahrt nach Berlin, Motel One-Übernachtung) gescheut, um eine haarsträubende Jubiläumsfolge zu produzieren. Kollege Christian Meier von der “Welt” und ich befragen RBB-Moderator Jörg Thadeusz eine knappe Stunde lang zu Medien, Greta-Witzen und dem ganzen Rest. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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