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Steingarts stummes Interview im “journalist”: “This is complete bullshit. Just print the answers”

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Gabor Steingart wollte im Fachmagazin "journalist" genau null Prozent Journalismus über sich lesen. Geklappt hat das nur so halb. Dieter Nuhr macht harmlose Witze über Greta und kassiert dafür tüchtig Schimpfe. Und das "SZ"-Interview mit Friede Springer, Mathias Döpfner und KKR-Mann Johannes Huth ist noch immer ergiebig. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Aufregerle in Medienhausen: Der große Gabor Steingart hat ein Interview mit der Fachzeitschrift “journalist” nicht autorisiert! Die Zeitschrift griff daraufhin zu einem nicht mehr ganz frischen PR-Kniff und veröffentlichte nur die Fragen samt geschwärzten Antworten. Wie es alter Väter Sitte ist, wurde auch eine Pressemitteilung zu dem Vorgang verschickt. Das Nicht-Interview mit Steingart hat so womöglich eine deutlich größere Aufmerksamkeit bekommen, als es ein stinknormales Steini-Interview gehabt hätte. “journalist”-Chefredakteur Matthias Daniel rechtfertigt den Schritt folgendermaßen: “Die Eingriffe von Steingart hatten mit Autorisierung nichts zu tun. Ich sehe sie als Versuch, Gesagtes im Nachhinein um- und neuzuschreiben.” Außerdem habe Steingart sogar in die Fragen der Interviewerin Catalina Schröder eingreifen wollen. Sacre bleu!

Was ist davon nun zu halten? Nun:

1. Erstaunlich, dass ein Profi wie Steingart so dünnhäutig auf die paar frechen Fragen reagiert und sogar den Medienanwalt Christian Schertz vorschickt, um das Interview zurückziehen zu lassen. So vollmundig, wie Steingart sonst auftritt, sollte man meinen, dass er das nicht nötig hat.

2. In anderen Interviews und seinen markigen Image-Filmchen hat Steingart verlauten lassen, das Problem seien nicht die kritischen Journalisten, sondern die harmlosen. Solche Aussagen fallen ihm jetzt gehörig auf die Füße.

3. Diese ganze Autorisiererei ist ja wirklich eine Pest und so typisch deutsch. Bezeichnend ist hier ein kleiner Twitter-Dialog, den zwei englischsprachige Journalisten zu dem Thema führten:

“This is complete bullshit. Just print the answers.” Tja.

Wobei: Dass gerade Medienprofis besonders dünnhäutig sind, Interview-Antworten massiv um- und neu schreiben und auch in Fragen herumpfuschen wollen, ist keineswegs Steingart-exklusiv. Gerade die, die am lautesten den wahren, schönen und knallhart-kritischen Journalismus predigen, sind selbst häufig extrem empfindlich. Grüße bitte an dieser Stelle an den Spiegel-Verlag! Gabor Steingart ist insofern vielleicht ein allzu typischer Vertreter seiner Profession. Dass er sich aber ausgerechnet Journalisten-Schreck Prof. Dr. Schertz als Anwalt nimmt, hätte nicht sein müssen.

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Bleiben wir noch kurz in Steingart-Land: Mathias Richlings “Spott”-Cast, die kleine Kleinkunst-Rubrik in Steingarts “Morning Briefing”-Podcast, wurde letztmalig am 12. September erhört. Ein wirklicher Verlust ist das nicht, die Rubrik wirkte von Beginn an seltsam aus der Zeit gefallen. Falls der Media-Ober-Pioneer auf der Suche nach einem neuen Satiriker sein sollte, wie wäre es mit Dieter Nuhr? Der bringt regelmäßig die Emotionen in Wallung. Diese Woche fing sich Nuhr mal wieder einen Shitstorm ein, weil er ein, zwei Witzchen über Greta Thunberg und deren mutmaßliches Heiz-Verhalten im Winter gemacht hat.

Die Anti-Nuhr-Tiraden kommen dabei oft nicht ohne den demokratietheoretischen Beipack-Hinweis aus, dass es ja schon irgendwie ganz okay sei, dass sogar einer wie dieser Nuhr sowas sagen dürfe. Meinungsfreiheit und so. Dann aber geht die Schimpferei los! Dabei hat Nuhr die liebe Greta weder beleidigt, noch ihr den Tod oder eine Erkältung gewünscht oder sonst was Verwerfliches. Er hat sich einfach über ein weltweites Phänomen ein bisschen lustig gemacht. How dare he!?

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Eines der interessantesten Medien-Interviews der jüngeren Zeit, bei dem sogar die Antworten abgedruckt wurden, war das in der “Süddeutschen Zeitung” mit Friede Springer, Mathias Döpfner und KKR-Deutschland-Chef Johannes Huth. Ist schon ein paar Tage her, aber aktuell lohnt ein neuer Blick darauf. Vieles, was Springer in diesen Tagen an Restrukturierungsgedöns bekannt gab, konnte man in diesem Interview schon vorher herauslesen. Zur Zusammenlegung von “Bild” und “BamS” sagte Döpfner in der “SZ”:

Die Zusammenarbeit werden wir weiter intensivieren, so machen wir es ja auch bei “Welt” und “Welt am Sonntag”. Viele Leser machen digital keinen Unterschied zwischen “Bild” und “Bild am Sonntag”. Wenn Sie am Sonntag zum Bäcker gehen, sagen viele nur: “Geben sie mir eine ‘Bild’.” Die unterschiedlichen Marken bleiben aber natürlich erhalten.

Zum Bekenntnis zu den Print-Ausgaben von “Bild” und “Welt” sagte Friede Springer in der “SZ”:

Allein das Rascheln des Papiers – wunderbar! Ich lese jeden Tag gedruckte Zeitungen, es geht gar nicht ohne.

Wobei in dem Interview fast mit Händen greifbar ist, dass Döpfner und Huth womöglich auch recht zufrieden wären, wenn es werktags bei der “Welt” nicht mehr ganz so wunderbar rascheln würde.

Interessant ist noch die von Springer angekündigte Verlängerung der Marke “Bild” ins Fernsehen. Dabei fällt einem natürlich sofort ein, dass KKR ja nicht nur bei Springer dick im Geschäft, sondern mit Leonine und Fred Kogel gerade auch noch ein Bewegtbild-Unternehmen in Deutschland hochzieht, zu dem mit Tele 5 ein TV-Sender gehört. Außerdem hält Leonine über den Zukauf Tele München Gruppe eine signifikante Beteiligung an RTL II. Rascheln wir nochmal kurz mit dem “SZ”-Interview. Auf die Frage, ob da vielleicht “ein großes Imperium” entstehen würde, sagten Döpfner und Friede Springer:

Döpfner: Es gibt keinen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den Investitionen in die Produktionsgesellschaften und die bei Axel Springer. Es gibt keine Pläne, das zusammenzuführen, das würde gar keinen Sinn ergeben.

Springer: Das sehe ich auch so.

Ok. Und was sagte KKR-Mann Huth dazu:

Jedes Investment steht auf eigenen Füßen. Wenn es aber Möglichkeiten gibt, dass Beteiligungen zusammenarbeiten können, werden wir das natürlich fördern.

Aha. Soso. Das klingt nun wiederum ein bisschen anders. Schaun mer mal, was da künftig so an Möglichkeiten gefördert werden wird.

Schönes Wochenende!

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