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“Zeit”-Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich und sein radikaler Kreuzfahrt-Verzicht

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Der "Spiegel" bringt die Causa Buschmann in dieser Woche zu einem unrühmlichen Ende. "Zeit"-Vize Bernd Ulrich nimmt aus privaten Gründen lieber doch nicht an einer vom Verlag angebotenen Kreuzfahrt teil. Und die Bild.de-Leute ärgern RTL mit einem TVNow-Premium-Abo. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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In dieser Woche hat die Relotius-Kommission beim “Spiegel” die Ermittlungen zum Fall Rafael Buschmann abgeschlossen. Zur Erinnerung: Buschmann ist Investigativ-Reporter beim “Spiegel” und maßgeblich für die Enthüllungen der so genannten “Football Leaks” zuständig. 2014 schrieb er eine brisante Enthüllungsstory über den Matchfixer Perumal, der angeblich Spiele der Fußball-WM manipuliert haben soll. Als Beleg wurde in dem Text ein Facebook-Chat mit dem “Spiegel”-Mann aufgeführt, in dem der Matchfixer angeblich VOR einem Spiel dessen genaues Ergebnis bis ins Details vorhersagte. Der Artikel zog weite Kreise und sorgte für Aufsehen.

Nun gab es aber auch Zweifel an der Story. Als die Relotius-Kommission ihren Abschlussbericht vorstellte, wurde nach dem Text gefragt und der “Spiegel”-Nachrichtenchef und Kommissionsmitglied Stefan Weigel eierte rum. Erst nach vielen Berichten und Nachfragen anderer Medien, vor allem von Stefan Niggemeier bei Übermedien.de, wurde der Text Buschmanns nochmal untersucht und siehe da: Für die Behauptung, dass der Chat VOR dem betreffenden Fußballspiel stattgefunden haben soll, finden sich keine Belege. Stattdessen gibt es massenweise Indizien, dass der Chat NACH dem Spiel stattgefunden haben könnte. Nach einem Fußballspiel detailliert zu erzählen wie es ausging, ist freilich nicht sonderlich sensationell. Angesichts dieser bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, verzichtet Herr Buschmann nun von sich aus (!) auf die Beförderung zum Leiter des “Spiegel”-Investigativteams. Case closed für den “Spiegel”.

Warum sich die Relotius-Kommission bei diesem schwerwiegenden Fall zunächst im Wegschauen übte, bleibt unklar. Die Sache wirft kein gutes Licht auf den “Spiegel”. Die Relotius-Fälschungen sind passiert, bevor der aktuelle Chefredakteur Steffen Klusmann beim “Spiegel” angetreten ist. Die mangelhafte Aufklärung der Causa Buschmann fällt aber in seine Verantwortung. Was sind die ganzen Versprechen von Transparenz und Aufklärung wert, wenn man sich anschaut, wie die Buschmann-Sache vom Spiegel gehandhabt wurde? Wenn man sieht, wie das Nachrichten-Magazin wochenlang hinausgezögert, verschleiert, sich um echte Antworten gedrückt hat? Vermutlich nichts.

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Wer bei den “Zeit”-Leserreisen die Transatlantikpassage mit dem Dampfer Queen Mary 2 gebucht hat, muss in diesem Jahr leider, leider auf die Bord-Begleitung durch den stellvertretenden Chefredakteur Bernd Ulrich verzichten. Ursprünglich war der mal als “hochkarätiger” Reisebegleiter angepriesen.

Nun ist Ulrich einer bei der “Zeit”, der stets mit besonders heißem Herzen gegen Klimasünder anschreibt und stets “radikale” Lösungen für dieses Menschheitsproblem einfordert. Der Redakteur, der Verzicht und Verbote predigt und im Salon der QM2 die Leser bei einer Luxus-Kreuzfahrt bespaßt, während der Dampfer tüchtig Schweröl-Abgase oben rauspustet – das fanden dann ein paar Leute bigott und meckerten auf Twitter rum. Ebendort teilte der solchermaßen angegriffene und merklich angesäuerte Ulrich dann mit, er habe die Kreuzfahrt “aus privaten Gründen” abgesagt.

Bei der Transatlantikpassage 2020 (jetzt schon ausgebucht!) kommt er nicht mehr in solche Schwulitäten. Dann gehen “Zeit”-Vize-Chefin Sabine Rückert sowie die Redakteure Martin Klingst und Jochen Bittner als Vertreter der Redaktion an Bord. Vermutlich ohne Gewissenskonflikte im Gepäck. Die Zeit-Reisen haben übrigens eine ganze Unterkategorie nur für Kreuzfahrten und auch im Blatt wurden durchaus schon des öfteren Werbe-Anzeigen von Kreuzfahrt-Unternehmen gesichtet. Die “Zeit” lesen und auf Kreuzfahrt gehen, das scheint zu passen. Auf dem Oberdeck dann die neuesten Klimaschutz-Predigten des Vize-Chefs lesen und sich einen erlesenen Gin gönnen (ebenfalls erhältlich im Zeit-Shop) – das ist dann subversiv gelebte Radikalität!

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Dass “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt den früheren “Focus Online”-Chefredakteur und ehemaligen “Bild”-Kollegen Daniel Steil mal als “digitalen Hühnerdieb” gescholten hat, weil “Focus Online” allzu fleißig Bild+ Artikel hinter der Bezahlschranke ab- und umschrieb, ist schon eine Weile her. Mittlerweile haben sich die beiden Verlage Springer und Burda hinter den Kulissen halbwegs vertragen. Reichelts Furor gegen solche Praktiken ist aber keineswegs verraucht. Im Podcast des “Hamburger Abendblatts” schäumte er jüngst wieder:

Das ist nichts anderes als organisierte Kriminalität beim Thema geistiges Eigentum. Es gibt Medienmarken, die konzeptionell die Bezahlangebote von anderen Medienmarken übernehmen, um sie auf ein entgegengesetztes und zerstörerisches Modell zu optimieren, nämlich auf Reichweitenvermarktung. Es geht mir dabei nicht um das Zitieren von wichtigen News, sondern darum, dass solche Marken Geld mit den Leistungen anderer Leute verdienen.

Nun ist es freilich nicht so, dass Reichweitenvermarktung den Bild.de-Leuten ganz und gar fremd wäre. Wie vor kurzem der Clap-Club schon anmerkte, hat man sich bei Bild.de offenbar ein TVNow-Abo zugelegt und kann dadurch RTL-Formate wie “Die Bachelorette” oder “Das Sommerhaus der Stars” vor der TV-Ausstrahlung gucken und das so gewonnene Preview-Wissen z.B. nutzen, um die jeweiligen Gewinner vorab in Artikeln zu verraten. Beim RTL beäugen sie diese Praxis mit einer Mischung aus Amüsement und Ärger. Dabei geht es weniger um Einschaltquoten, sondern vielmehr darum, dass der Kölner Sender die Website RTL.de seinerseits zu einem Promi-Boulevardportal ausbaut und die Klicks für solche Themen ganz gerne auch selbst einfahren würde. Eine persönliche Ebene kommt womöglich auch noch dazu: Tanit Koch, die Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion war vorher neben Julian-Reichelt “Bild”-Chefredakteurin und die beiden sollen sich nicht eben in innigster Freundschaft zugetan gewesen sein. Ist das jetzt auch “organisierte Kriminalität” oder nur ein herzhaftes sich gegenseitig ans Schienbein treten? An dieser Stelle sei an die Worte des großen Axel Cäsar S. erinnert: Seid nett zueinander!

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” geht es noch einmal um den Berliner Zeitungsmarkt, bzw. den Verkauf des Berliner Verlags und das mögliche Schicksal der weiteren DuMont-Zeitungen. Außerdem spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der “Welt” über die umstrittene Streaming-Studie von Roland Berger und der Uni Münster: Ist Streaming wirklich die Zukunft des Fernsehens? Viel Spaß beim Reinhören! Die nächste “Medien-Woche” erscheint dann wegen des Feiertags am 3. Oktober erst in der übernächsten Woche.

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