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RND-Chefredakteur Marco Fenske: “Journalisten sollten nicht glauben, sie hätten mit der Monetarisierung ihrer Inhalte nichts zu tun”

RND-Chefredakteur Marco Fenske
RND-Chefredakteur Marco Fenske Foto: Madsack Mediengruppe

Marco Fenske leitet seit knapp zehn Monaten das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Unter seiner Führung ist vor kurzem der digitale Ableger des überregionalen Angebots der Madsack-Gruppe gestartet. Im MEEDIA-Interview äußert sich der Chefredakteur zu den Zielen des Portals RND.de und warum einordnende Medien an Relevanz gewinnen könnten.

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“Es ist ein wichtiger Baustein unserer Digitalstrategie”, sagte Madsack-Konzernchef Thomas Düffert zum Start von RND.de. Gemeinsam mit der zuvor eingeführten Time-Wall und Nachrichten-Flatrate für Regionaltitel bildet das überregionale Portal den zweigleisigen Ansatz im Digitalen (MEEDIA berichtete). Die Leitung dafür hat seit Mai ein Trio: Hannah Suppa, Chefredakteurin Digitale Transformation und Innovation im Regionalen, Bernhard Bahners, Chief Digital Officer und Marco Fenske, Chefredakteur RND.

Der 35-Jährige ist seit 2014 bei der Mediengruppe aus Hannover. Er war zunächst Sportchef und baute als Geschäftsführer das Portal “Sportbuzzer” auf. Anfang 2019 übernahm Fenske den Chefredakteursposten von Wolfgang Büchner und verantwortet seitdem die digitale Transformation sowie die Entwicklung journalistischer Produkte. Im ersten Interview in dieser Funktion spricht Fenske mit MEEDIA über die Ziele der Digitalstrategie, finanziellen Druck und das Ende der Rotweinglas schwenkenden Chefredakteure.

MEEDIA: Bis Ende 2023 will Madsack 50 Millionen Euro Umsatz kompensieren, die im Printgeschäft bis dahin wegbrechen. Dafür sollen einerseits die Digitalabos im Regionalen und andererseits die Werbeeinnahmen durch RND.de sorgen. Herr Fenske, baut das viel Druck auf?
Marco FenskeIch habe nicht das Gefühl, dass ich jeden Tag einen schweren Millionen-Euro-Rucksack bei der Arbeit tragen würde. Jeder professionelle Zeitungsverlag wird eine Strategie haben, fehlende Printerlöse zu kompensieren. Madsack hat diese offen und transparent kommuniziert. Das ist ja auch eine Lebenseinstellung: Lust aufs Gewinnen zu haben, keine Angst vorm Verlieren.

Das überregionale Portal ist – auch aufgrund von Personalwechseln an der Spitze – ein Dreivierteljahr später gestartet als geplant…
FenskeEs gibt ja diesen Spruch. Fertig ist, wenn es fertig ist. Für uns stand das Produkt im Vordergrund – und kein Zeitplan. Im laufenden Prozess haben wir uns immer selbst hinterfragt, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind und hier und da korrigiert. Unser CEO Thomas Düffert hat mir am 3. März die Verantwortung für die Entwicklung von RND.de übertragen – dann mit dem Ziel, dass wir ein halbes Jahr später launchen. Am 3. September um 15.28 Uhr waren wir live.

Was wollen Sie mit dem Portal erreichen?
FenskeDas RND ist 2013 gegründet worden, damals als reine B-2-B-Marke. Es sind mittlerweile 62 Titel, die überregionale Inhalte von uns beziehen. Dabei handelt es sich um eine tägliche, harte Auflage von 2,3 Millionen Exemplaren. RND.de ist nun die logische Weiterentwicklung hin zu einem B-2-C-Produkt. Denn was wir bislang nicht hatten, war eine digitale Visitenkarte und eine eigene Plattform für unsere überregionalen Inhalte.

Sie haben die Reichweite des Netzwerks schon angesprochen. Ist die Plattform als Kampfansage an die großen Nachrichtenportale zu verstehen? Muss sie sogar so verstanden werden?
Fenske
Was wir nun gar nicht wollen, ist, Marken wie “Spiegel”, “Focus” oder “Bild” anzugreifen. Wir fahren unser eigenes Rennen. Natürlich haben wir als RND stets den Anspruch, ganz oben mitzuspielen. Dafür ist RND.de die Basis, und es sollen in den nächsten Schritten weitere Verticals zu den bereits vorhandenen ‘Sportbuzzer’ und ‘Reisereporter’ hinzukommen. Das Ziel ist, eine digitale Produktwelt zu kreieren, die sehr schnell sehr relevant wird.

“Chefredakteure sollten auch Manager sein”

Welche Aufgaben standen in Ihrer bisherigen Zeit als Chefredakteur im Fokus?
FenskeAllen voran ging es um Workflows, Strukturen und Prozessoptimierung. Wir starten inzwischen deutlich früher in den Tag, haben neue Teams wie Gesellschaft und Magazin zusammengestellt, RND.de erfolgreich gelauncht und einen 2.600 Quadratmeter großen Newsroom geplant, den wir Anfang Oktober mit mehr als 180 Kolleginnen und Kollegen beziehen werden. Das RND ist 2013 mit 55 Kollegen und als Printredaktion gestartet. Im neuen Newsroom arbeiten Kollegen aus den Bereichen Redaktion, Vermarktung, Technik, Produkt und IT zusammen. Diesen Wandel in einem starken Team eingeleitet und gestaltet zu haben, war extrem spannend und herausfordernd. Dementsprechend sind eigene journalistische Beiträge in diesem Abschnitt auf der Strecke geblieben; in den ersten acht Monaten habe ich zum Beispiel keinen einzigen Leitartikel geschrieben. Das Schöne aber ist: Wir haben Journalisten, die das im Zweifel sogar noch besser können.

Dass Chefredakteure mehr und mehr zu Prozessmanagern werden, hört man immer häufiger aus der Branche.
FenskeIch formuliere bewusst übertrieben und augenzwinkernd: Die Zeit des Rotweinglas schwenkenden Chefredakteurs, der aus dem Fenster blickt, über die Welt sinniert und am Abend einen Leitartikel zu Papier bringt, ist vorbei. Nicht falsch verstehen: Wir brauchen weiterhin kluge Köpfe und exzellente, scharfsinnige Autoren – unbedingt! Sie sind sehr wichtig, allerdings in anderen Rollen noch besser aufgehoben. Ich bin überzeugt: Chefredakteure sollten auch Manager sein – und ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen.

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Jetzt bin ich gespannt.
FenskeJournalisten sollten nicht so arrogant sein zu glauben, sie hätten mit der Monetarisierung ihrer Inhalte nichts zu tun. Nach dem Motto: “Wir machen tolle Inhalte und tolle Produkte – und die Vermarktung schaut dann schon, wie sie den Verkauf regelt.” Chefredakteure haben eine Verantwortung dafür, wie viele Abos und welche Reichweiten sie generieren und wie sie damit schließlich Geld verdienen. Denn darum geht’s ja: den digitalen Journalismus zukunftsfähig zu machen. Insofern finde ich es nur konsequent, neben dem Chefredakteursposten auch gleichzeitig als Geschäftsführer mitverantwortlich für die wirtschaftliche Entwicklung zu sein.

Nun soll das Portal über Werbung Geld einnehmen und ist auf Reichweite angewiesen. Wie soll das ohne Clickbaiting gelingen?
FenskeDas ist eine entscheidende Frage, denn eins steht über allem: Das RND steht für Qualitätsjournalismus. Es ist ein Gütesiegel. So sehen wir das und haben uns zuletzt ein zehn Punkte umfassendes journalistisches Selbstverständnis gegeben. Clickbaiting ist überhaupt keine Option. Ich glaube felsenfest daran, dass in einer Zeit von Fake News und Lügenpresse und in einer Zeit, in der jeder Schauspieler oder Politiker in den sozialen Medien seine eigene Marke aufbaut, einordnende und analytische Portale essenziell sind. Wegen der Flut an vermeintlichen Nachrichten werden Journalisten in Zukunft noch wichtiger – um bei diesem Wust an Infos zu trennen und einzuordnen: Was ist relevant? Was nicht? Was ist wahr? Was nicht? Was ist PR? Was ist Journalismus? Dieser Glaube, dass sich am Ende die Qualität und die Glaubwürdigkeit eines Mediums durchsetzt, ist bei mir sehr groß.

“Digital sehen wir Kurven, die wieder nach oben gehen”

Aber wie sieht die Qualität aus Ihrer Sicht aus, für die Nutzerinnen und Nutzer im Digitalen irgendwann Geld bezahlen?
FenskeWir Journalisten sollten nicht so verliebt in Inhalte sein, die uns selbst sehr interessieren – sondern uns stattdessen häufiger fragen, was der Bedarf der Leser ist. Und wir müssen uns immer und immer wieder ehrlich die Frage stellen: Sind unsere Inhalte denn wirklich so gut, dass Menschen dafür Geld bezahlen? Bei den rückläufigen gedruckten Tageszeitungen waren Blattmacher oft geleitet von Gefühlen. Digital sehen wir jetzt Kurven, die wieder nach oben gehen; und der Erfolg ist mess- und beeinflussbar. Wir können den Blindflug beenden, indem wir Daten in den Mittelpunkt rücken und ganz genau sehen, welche Inhalte funktionieren.

Ein gutes Stichwort: Die Time-Wall im Regionalen gibt es seit knapp drei Monaten. Die Artikel sind 60 Minuten kostenlos, danach per Plus-Abo abrufbar. Welche Inhalte laufen dort bislang besonders gut?
FenskeZusammen mit den Chefredakteuren unserer Regionaltitel kümmert sich meine Kollegin Hannah Suppa aus der RND-Geschäftsführung journalistisch um unsere Abo-Strategie. Was schon jetzt klar wird: Unsere Leser in den Regionen wollen Lokaljournalismus mit Relevanz für das eigene Leben vor Ort – und dafür sind sie auch bereit, Geld auszugeben. Für detaillierte Analysen ist es aber noch zu früh, dafür brauchen wir mehr Erfahrung und die entsprechenden Daten. Das Ziel ist es, bis 2023 konzernweit mehr als 270.000 Abos generiert zu haben.

Trotzdem nochmal die Nachfrage, wie müssen die Inhalte aussehen?
FenskeWir müssen dahin kommen, dass wir uns ständig fragen: “Was bedeutet ein Ereignis oder eine Entwicklung für die Menschen da draußen?” Ein Beispiel: Wir haben ein Hauptstadtbüro mit 18 Kolleginnen und Kollegen, die ganz nah dran sind an der Bundespolitik – zuletzt war Kanzlerin Angela Merkel in unseren Berliner Räumlichkeiten zu Gast. Wichtig ist, politische Berichterstattung für den Leser zu machen: Was bedeuten Gesetzesbeschlüsse wirklich? So banal es klingt, diese Frage müssen wir uns immer wieder stellen.

Das von Ihnen Beschriebene finden Nutzer bereits im Digitalen. Wodurch soll sich der Journalismus von Madsack und konkret RND.de von der Konkurrenz abheben?
Fenske: Wir möchten ja den Journalismus nicht neu erfinden! Wir möchten unseren vielen Leserinnen und Lesern eine echte Alternative bieten. Wir möchten eine Produktwelt aus regionalen und überregionalen Portalen und Marken kreieren, in dem der User alles geboten bekommt – und diese gar nicht mehr verlassen muss. Man muss es sich in etwa vorstellen wie ein großes Einkaufszentrum mit vielen Geschäften. Und journalistisch sind wir so selbstbewusst, um zu sagen: Das RND hat die Qualität, in der Liga der Großen mitzuspielen.

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Alle Kommentare

  1. “Wir können den Blindflug beenden, indem wir Daten in den Mittelpunkt rücken und ganz genau sehen, welche Inhalte funktionieren. ”

    Das ist ja gerade der Blindflug: Journalismus ist eben nicht dasselbe wie Gummibärli oder Smartphones/Wischkäschtle, bei denen dann einfach das noch mehr produziert wird, das gut läuft. Ein Journalismus, der so betrieben wird, ist keiner, sondern nur Katalogdienst für die (Konsum-)Bedürfnisse eines Publikums.
    Herr Fenske gibt damit – als einer von vielen – ein wunderbares Beispiel für den Niedergang eines ganzen Berufsstandes.
    Da nützt auch alles Gerede von einer Quersubventionierung nichts. Die findet nämlich nicht statt.

    “Wie eine träge Herde Kühe, schaun wir kurz auf und grasen dann gemütlich weiter.” (H. G.)

  2. Seit rund drei Monaten ist die Plus-Strategie bei den Regionalportalen von Madsack live … Wenn Herr Fenske das Ziel von 270.000 Abo-Abschlüssen bis 2023 postuliert liegt doch die Frage auf der Hand, wie weit man nach einem Viertel Jahr ist. Habt ihr diese Frage nicht gestellt, oder gab es darauf keine (autorisierte) Antwort?

    1. Uuuh, Sie benutzen das verbotene Wort “autorisierte”.

      Seit dem Gebhard/Höcke Interview wissen wir doch alle das es zumindest beim ZDF niemals keine autorisierten Interviews gab. Das “würde gegen jegliches journalistisches Selbstverständnis” verstoßen. Das hat der ZDF-Chefredakteur doch im “Mittagsmagazin” deutlich gemacht.

    2. Hallo Jan,

      sorry für die urlaubsbedingte verspätete Antwort. Die Zahl ist kein Geheimnis und war bereits bei anderen Branchendiensten zu lesen. Anfang September waren es rund 10.000 Digital-Abonnenten.

      Viele Grüße
      Thomas Borgböhmer

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