Partner von:
Anzeige

Idealismus oder Geschäftssinn? Was die neuen Eigentümer des Berliner Verlags antreibt

Die neuen Eigentümer des Berliner Verlags: Silke und Holger Friedrich
Die neuen Eigentümer des Berliner Verlags: Silke und Holger Friedrich

Silke und Holger Friedrich greifen nach dem Berliner Verlag. Das Unternehmer-Ehepaar aus Berlin scheint auf den ersten Blick völlig branchenfremd. Doch Holger Friedrich ist im Mediengeschäft tiefer verankert, als es auf den ersten Blick aussieht. Er hatte zuletzt bis Anfang des Jahres als Produktchef maßgeblich zum Aufbau der Login-Allianz Verimi beigetragen, mit der sich Axel Springer & Co. gegen die Übermacht von Google, Facebook & Co. wappnen will.

Anzeige

Zwischen Checkpoint Charlie und dem Brandenburger Tor befindet sich das E-Werk, ein denkmalgeschütztes Umspannwerk mit viel Vergangenheit. Vor fünfzehn Jahren verwandelte Silke Friedrich den hier in die Jahre gekommenen Techno-Club in eine smarte Party- und Eventlocation. Das Konzept kommt offenbar an: Ob Tagungen, Gala Dinners oder Dreharbeiten – rege werden die Räume des Industriebaus von Privatleuten und Firmen gebucht.

Nun steht das Unternehmer-Ehepaar vor einer ihrer größten Herausforderungen: Überraschend haben die beiden Ost-Berliner den Berliner Verlag übernommen. Dabei hatten Experten lange fest daran geglaubt, dass ein Medienhaus wie Madsack oder Funke die “Berliner Zeitung” und den “Berliner Kurier” schlucken. Nun kommt es anders: Zwei Branchenfremde erwerben die Zeitungen des 1946 gegründeten Printhauses, das die Kölner Zeitungsgruppe DuMont nach zehn Jahren nicht mehr haben will.

Übernahme ist ein Kraftakt

In Branchenkreisen macht die Runde, dass die neuen Besitzer nur einen symbolischen Kaufpreis für den Berliner Verlag gezahlt haben sollen. An anderer Stelle ist von einem zweistelligen Millionen-Betrag die Rede. In jedem Fall ist die Übernahme für das gut betuchte Paar ein Kraftakt. Denn die Familienholding erwirbt gleichzeitig auch die zum Berliner Verlag gehörende Druckerei mit 100 Mitarbeitern. Daran wollen die beiden Geschäftsleute offenbar festhalten, denn sie planen, die “Berliner Zeitung” und den “Berliner Kurier” als gedruckte Ausgaben zu erhalten – trotz des hart umkämpften Markts der Hauptstadtzeitungen. Das erzählen zumindest Teilnehmer der Mitarbeiterversammlung, auf der sich die neuen Eigentümer gestern vorstellten. Dort erklärten sie , dass das “Schrifttum eine 5.000 Jahre alte Kulturtechnik” sei. An solchen Relikten wolle man nicht rütteln.

Diese Print-Passion passt so gar nicht zum Lebenslauf der Eheleute – vor allem nicht zu Holger Friedrich. Der gründete nach seinem Informatikstudium zunächst das Institut für Theoretische Informatik an der Universität Potsdam. Wenig später wurde er auch unternehmerisch aktiv und rief den IT-Dienstleister SPM Technologies ins Leben, den er 2003 an die SAP-Gruppe veräußerte. Hier arbeitete er noch zwei Jahre als Senior Vice President, dann wechselte er zu McKinsey & Company und später in den Vorstand der Software AG.

Anzeige

Sprungbrett Verimi

2009 macht er beruflich einen Sprung. Er gründete die Strategieberatung Core, eine Art Think Tank für neue Technologien. Zugleich verhalf er als Geschäftsführer der Login-Allianz Verimi zum Start, an der sich Core beteiligt. Als Produktchef entwickelte er hier neue Softwarelösungen. Sie sollen der deutsche Großindustrie und Finanzwirtschaft helfen, sich gegen die Übermacht von Google, Facebook & Co. zu stemmen. Mit seinem Job bei Verimi baut er auch geschäftlich sein Netz aus. Denn zur Allianz zählen große Anteilseigner – darunter der Medienriese Axel Springer, die Deutsche Telekom, die Allianz, die Bundesdruckerei, Daimler, Deutsche Bahn, Deutsche Bank sowie Volkswagen.

Anfang des Jahres gab der Familienvater von drei Kindern laut einem Verimi-Sprecher planmäßig seinen Posten bei dem Berliner Startup ab. Für Friedrich ein idealer Zeitpunkt, um geschäftlich etwas Neues anzufangen, nämlich der Einstieg ins Verlagsgeschäft. Bei der Belegschaft des Berliner Verlags kommt der neue Eigentümer mit dem markanten Bart gut an. Jahrelang hatte das Berliner Printhaus große Probleme, geeignete IT-Dienstleister zu finden. Nun hoffen die Mitarbeiter, dass sich mit dem neuen Investor die Zeiten ändern. Denn die Geschäftsführung des Berliner Verlags hat viel vor: Erst vor wenigen Tagen hatte sie verkündet, dass der Berliner Newsroom künftig nach der Digital First-Strategie arbeiten soll. Dazu gehört auch ein neues Print-Team, das die Inhalte der gedruckten Ausgabe nach den Leserinteressen im Netz ausrichtet.

Damit wollen die Chefredakteure Jochen Arntz (“Berliner Zeitung”) und Elmar Jehn (“Berliner Kurier”) den jahrelangen Auflagenrückgang der Hauptstadt-Publikationen stoppen. Ob die neuen Besitzer an der Führungsspitze und deren Plänen festhalten, wird sich zeigen. Eins haben Silke und Holger Friedrich gestern aber deutlich gemacht. Sie sehen ihr Engagement wohl nicht nur unter reinem finanziellen Gesichtspunkten. Vielmehr schwingt auch ein Funken Idealismus mit. Anders ist ihr Statement zur Übernahme des traditionsreichen Berliner Verlags nicht zu werten: “Wir verstehen diesen Schritt als zivilgesellschaftliches Engagement in bewegten Zeiten und freuen uns auf diese Aufgabe sowie die Zusammenarbeit mit dem Team.”

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Hach…. wie rührend sich diese Lobeshymne doch liest.
    Da soll nochmal einer Sagen, dass es sich nicht lohnt, seinen Vorgesetzten Honig um das Mundwerk zu schmieren.
    Mir ist jedenfalls um Haaresbreite mein Frühstück und mein Mittag hochgekommen, vielen Dank.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia