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Virtuelle Influencer, realer Einfluss – revolutionieren Cyber-Models die Modewelt? 

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Eines der in den USA heiß diskutierten Themen, fand auf der diesjährigen Dmexco nur am Rande statt: virtuelle Influencer. Gut ein Dutzend digitaler Avatare tummelt sich bereits auf Instagram und inszeniert Mode und Lifestylethemen ganz so, wie die Marken es sich wünschen. Cameron-James Wilson, der Erfinder von Shudu, erzählt, wie es zu diesem Projekt kam.

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Von Frank Puscher

Lil Miquela ist die berühmteste. Aktuell folgen ihr 1,6 Millionen User auf Instagram. Das virtuelle Model, erfunden vom kalifornischen Startup Brud, hat bereits eine Menge von Kooperationen mit großen Marken hinter sich gebracht. Die Berliner Fashion-Publisher von Highsnobiety haben zum Beispiel einen Provisionsdeal mit dem virtuellen Model ausgehandelt: Das Onlinemagazin promoted das Model und verlinkt in den Onlineshop. Der Profit aus den Mehrverkäufen wird geteilt.

Virtual Miquela

Rund ein Dutzend menschenähnlicher, digitaler Charaktere bevölkert inzwischen Instagram und das sind nur die, von denen man weiß, dass es sich um Avatare handelt. Die Dunkelziffer dürfte riesig sein. Und das führt zur Frage: Was ist eigentlich die Realität? 

Cameron-James Wilson, der Erfinder des virtuellen Models Shudu,  stellte sich auf der DMexco 2019 den Fragen von Maria Hunstig, einer Onlineredakteurin von Vogue.de. MEEDIA dokumentiert das Gespräch mit freundlicher Genehmigung der Dmexco:

Hunstig: Cameron, was hat Dich dazu gebracht, Shudu zu entwickeln?
Cameron: Ich habe acht Jahre lang als Modefotograf gearbeitet. Am Anfang fotografierte ich analog, und die Kunden mussten mir Vertrauen, dass das Ergebnis gut ist. Inzwischen sitzen die Producer direkt hinter Dir, kontrollieren jedes Bild sofort und geben ihre Regieanweisungen. Du bist als Fotograf nur noch Knopfdrücker. Und ich bin schon immer Gamer. Da legt man sich ja auch Avatare an. Insgesamt geschah das alles sehr organisch. Ich wollte etwas Schönes schaffen.

Hunstig: Wann hast Du gespürt, dass das etwas Größeres wird?
Cameron: Das ging schnell. Einige aus der Modebranche folgen meinem Instagram-Profil und als ich da ein paar Sachen hochgeladen habe, kam sofort die Rückmeldung, dass das cool sei. Und ich merkte: Da passiert etwas. Und als ich dann noch eine Animation für YouTube gemacht habe, ging es ab. Tyra Banks hat es geliked, Naomi Campbell auch. 

Hunstig: Damit zerstörst Du die Mode-Fotografie.
Cameron: Nein, die hat sich bereits zerstört. Ich musste mit Models arbeiten, die überhaupt nicht zu einem Job passten, nur weil sie unheimlich viele Follower hatten. Das wollte ich nicht mehr. Ich zerstöre die Fotografie nicht, ich ändere sie nur.

Hunstig: Verstehst Du die Vorbehalte vieler Menschen, die Angst haben, dass sie real und virtuell nicht mehr unterscheiden können?
Cameron: Nein, das verstehe ich nicht. Ich mache ja das Gegenteil: Ich bringe mehr Ehrlichkeit in die Welt. Die Modefotografie bildet doch nie die Realität ab. Das ist immer inszeniert und dann digital retouchiert. Was ist die Wirklichkeit?

Cameron-James Wilson

Hunstig: Wie sorgst Du dafür, dass die Menschen nicht glauben, Shudu wäre echt?
Cameron: Das steht in ihrem Profil. Und ich erzähle das ja auch immer. Da gibt es kein Geheimnis. Aber ich kann natürlich nicht für die ganze Branche sprechen.

Hunstig: Promoten virtuelle Models nicht ein noch krasseres Schönheitsideal?
Cameron: Manchmal ja. Aber Shudu wirkt ziemlich natürlich. Die hat nichts, was von einer Schönheits-OP käme. Sie wirkt nicht geliftet, hat keine besonders große Oberweite. Und nochmal: Ich erzähle jedem, dass sie ein Avatar ist und kein Mensch.

Hunstig: Hast Du bewusst körperliche Mängel eingebaut?
Cameron: Bei Shudu nicht, aber bei meinem neuen Charakter Fran. Die hat eher kurvigere Formen und ein paar Makel, wie zum Beispiel Schwangerschaftsstreifen. Ich habe da tatsächlich auf meinen eigenen Körper geschaut.

Was ist der Hauptgrund, warum Unternehmen Shudu buchen sollen?
Cameron: Weil sie schön ist. Und weil sie polarisiert. Dahinter steckt schon eine sehr spannende Diskussion unserer Zeit. Marken, die sich da positionieren und  Engagement auslösen wollen, zu denen passt Shudu. Und natürlich gibt es auch ganz andere Vorteile: Shudu kommt pünktlich, sie ist rund um die Uhr verfügbar und weil sie zu einem Shooting nicht reisen muss, ist sie sogar gut für die CO2-Bilanz.

 

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Hunstig: Du hast für ein Shooting zunächst Schmuck an einem echten Modell fotografiert, bevor Du Shudu gestaltet hast. Das hört sich kompliziert an.
Cameron: Ja. Stand heute ist es nicht einfacher, nicht schneller und nicht günstiger, als ein normales Shooting. Ich bereite einen Zeitpunkt vor, wo die Produktdesigns auch in 3D vorliegen und dann kann ich das mit dem Model zusammenfügen. Das dauert aber noch fünf bis zehn Jahre. Aber definitiv wird es in dieser Zeit eine Revolution im Mode- und Schmuckdesign geben und da treten digitale Models auf den Plan.

Hunstig: Und wo siehst Du deren Einsatzbereich?
Cameron: Immer da, wo es auch Interaktion gibt. Das gilt ja nicht nur für Marketing. Sie können auch im Designprozess hilfreich sein. Zu einem gewissen Grad werden alle Marken digitale Models für bestimmte Bereiche einsetzen. 

Hunstig: Siehst Du die Models im E-Commerce?
Cameron: Nein. Da eignet sich digitale Bildaufbereitung in 2D besser. 

Hunstig: Wie würdest Du Dein Berufsbild heute einordnen?
Cameron: Ich sehe mich selbst natürlich gerne als Künstler. Aber wenn man damit Geld verdient, muss man wohl mehr von Marketing sprechen. Es ist halt total neu und ich weiß gar nicht, wie man das genau einordnet.

Hunstig: Siehst Du Shudu nur optisch oder willst Du ihr Leben einhauchen?
Cameron: Um authentisch zu sein, braucht sie eine Geschichte. Die entwickelt sich gerade. Alle digitalen Models müssen erkennbare Eigenschaften und Charakterzüge haben.

Hunstig: Hat Deine Wahl, ein dunkelhäutiges Model zu kreieren, auch eine politische Dimension?
Cameron: Das schwingt immer mit, auch bei den Filmen die produziert werden. Man richtet sich immer auch am Zeitgeist oder bewusst dagegen aus. Tatsächlich ist das aber ein wirklich wichtiges Thema. Ich habe als Fotograf erlebt, dass sich farbige Frauen viel schwerer damit tun, mal etwas zu kritisieren oder ihre Meinung zu sagen. Die haben wirklich Angst um ihre Karriere.

Hunstig: Welchen Traumjob wünscht Du Dir für Deine Models?
Cameron: Ein Film, ein Game. Ich würde mich freuen, wenn es mir gelingt, die Models auch zu Schauspielerinnen zu machen. 

Hunstig: Kann ein User tatsächlich eine emotionale Verbindung zu einem virtuellen Model aufbauen?
Cameron: Natürlich und das passiert auch bereits seit langem. Wie ist es mit Charakteren aus Superhelden-Filmen, Disney-Figuren oder was ist mit dem Weihnachtsmann? Wir lassen uns gerne auf emotionale Verbindungen ein, auch zu Nichtmenschlichem.

Hunstig: Wo siehst Du die Grenzen?
Cameron: Eine Grenze ist natürlich, dass sie nicht in der realen Welt umhergehen und sich zeigen können. Aber das ist vielleicht ein temporäres Phänomen, wenn man an die schnelle Entwicklung von Holographie oder VR denkt. Und natürlich habe ich ökonomische Grenzen. Ich mach das ja auf eigene Rechnung.

Hunstig: Wie lange dauert der Herstellungsprozess von einem Bild?
Cameron: Das kann ein paar Tage oder eine Woche dauern. Bei mir dauert es eher länger, weil ich furchtbar perfektionistisch bin. 

Hunstig: Was können virtuelle Models der Modebranche geben?
Cameron: Sie können einige Grenzen aufheben. Wir können den Raum auflösen, wenn es darum geht, Mode zu zeigen. Da muss keiner am Laufsteg sitzen. Das öffnet so viele Möglichkeiten. 

Hunstig: Wie gehst Du auf die Marken zu heute? Geht es darum, perspektivisch Produktionskosten zu sparen?
Cameron: Das ist nicht mein Pitch und es ist heute auch definitiv nicht günstiger. Aber es ist eine Investition, vor allem, wenn man an ein eigenes digitales Model denkt. Dessen Einsatzbereich ist ja fast unerschöpflich. Die Investition geht ja direkt in die eigene Marke und nicht zu irgendjemand da draußen.

Zum Schluss beantwortete Cameron noch eine Frage aus dem Publikum. 

Frage: Wird Shudu altern und irgendwann sterben?
Cameron: Shudu altert auf ihre ganz eigene Weise. Sie wird zusätzliche Fähigkeiten erwerben, vielleicht wird sich auch ihre Haut verändern. Aber sie existiert auf ihrer ganz eigenen Zeitachse. Definitiv will ich ihren Lifestyle ausarbeiten. Das ist wichtig, um authentisch zu sein. Ich habe sehr viel Lust das auszuprobieren und zu lernen. 

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