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“Du bist auf dem neuesten Stand”: Warum die Medien ein besseres Gedächtnis brauchen

Christian Fahrenbach
Christian Fahrenbach

Atemlos vermeldetes Gezerre um den Brexit und der neueste Tweet von Trump: Zu häufig rennen Journalisten der harten News her. Zu oft schreiben Experten für Menschen, die es sich zeitlich leisten können, jede Nachrichten-Wendung live mitzuverfolgen. Was aber bieten Medien denjenigen, die nur punktuell und sporadisch in ein Thema eintauchen? Acht Ideen im Rahmen der Essay-Reihe "Werteorientierte Digitalisierung"..

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Von Christian Fahrenbach

Wer irgendwann einmal ein universitäres Journalismusseminar besucht hat, wird in der ersten Stunde nicht an ihr vorbeigekommen sein: “Die umgekehrte Pyramide” wird schon seit einer halben Ewigkeit gelehrt und noch immer gibt sie vor, wie eine Nachricht aufgebaut zu sein hat: Möglichst alle W-Fragen sind in den ersten Sätzen sklavisch runterzuarbeiten, später erst Gegenstimmen, Hintergrund, Kontext und Perspektiven liefern. Als in den Druckhäusern noch Setzer kleine Matrizen zusammenschraubten mag das Sinn ergeben haben. So brauchten bei den gedruckten Zeitungen die Reporter nicht abwarten, ob ihre Geschichte auf die Seite passt, denn der Setzer wusste, dass er auch ohne Rücksprache deren Texte von hinten kürzen durfte.

Warum halten wir uns im Nachrichtenjournalismus so entschieden daran, das Neue nach vorn zu stellen? Warum beginnen wir nicht mit einer Antwort auf die Frage aller Fragen: Warum ist das für mich, den Leser oder die Leserin, überhaupt wichtig?

Kritik an der Pyramide gibt es nicht erst seit dem Siegeszug der Online-News: 1999 hat Thomas Kropf in einem Fachaufsatz über Radio-Beiträge festgestellt, dass bei ihnen die Pyramide viel zu viel Vorwissen voraussetzt. Er hat stattdessen das “Andock-Modell” vorgeschlagen: “Die zentrale Frage beim Abfassen einer Nachricht heißt also nicht mehr: ‘Was ist neu?’, sondern ‘Wie muss das Neue transportiert werden, damit es vom Publikum verstanden wird?'”

Was für einzelne Artikel gilt, ist auch für die Aufbereitung von Themen zu diskutieren: Zu häufig ist das Neue vorangestellt, zu oft wird Vorwissen vorausgesetzt, viel zu oft sind News und erläuternder Kontext journalistischer Inhalte zu weit voneinander entfernt.

Über die neuen Gliederungen der rein nachrichtlichen Artikel hinaus braucht es deshalb neue Formate. Vor allem online werden die Möglichkeiten zur Kontextualisierung noch viel zu selten genutzt. Was sind noch einmal die Pro- und Kontra-Argumente zum Brexit? Welche groben Leitlinien hat Donald Trump bisher mit seiner Politik verfolgt? Wie lauten die häufigsten Kritikpunkte an Wladimir Putin? Artikel, die solche Fragen beantworten, sind immer noch viel zu selten prominent auf den Nachrichtenseiten zu finden.

Weg mit der Pyramide, her mit dem Vorwissen der Leser 

Stattdessen werden diese Themen, wenn überhaupt, ein wenig pflichtschuldig in einem hinteren Kontextabsatz abgehakt oder in einer einmalig gesendeten Analyse versteckt, die dann viel zu oft im chronologischen Mahlstrom unserer Content-Management-Systeme nach hinten durchgereicht wird.

Noch immer gilt außerdem in fast allen Redaktionen, dass ein einmal veröffentlichter Artikel nicht mehr redaktionell angefasst wird. Aber bedient die dadurch entstehende Verlässlichkeit und Nachvollziehbarkeit das Informationsbedürfnis der Leser wirklich am besten?

Generell fehlt es an themenbezogenen Aufbereitungen, die es den Lesern beispielsweise erlauben, in zwei Minuten einen grundsätzlichen Überblick zu einem Thema zu bekommen, in zehn Minuten die jüngsten Entwicklungen nachzuvollziehen und dank Links zu externen Fach-Angeboten auch mal eine zweistündige Auseinandersetzung im Detail anzubieten. Es gibt viel zu selten verlinkte Beisteller mit den wichtigsten Fragen und Antworten. Kurz gesagt: Fast immer fehlt es unserer Branche an einem Gedächtnis, dessen Erinnerungen wir auch (re-)präsentieren.

Von den Besten lernen: Acht Beispiele 

Dass das anders geht zeigen acht Beispiele, die nicht ohne Schwächen sind, aber Anregungen für Formate liefern, die mehr als nur einmal gesendet werden können. 

Informationstiefe bei News Deeply

Lara Setrakian hat mit ihren hyperthematischen Webseiten wie Syria Deeply und Refugees Deeply versucht, ein zugespitztes Publikum zu bedienen. Für Schüler, die Grundlagen für ein Referat brauchten, sollte es genauso Informationen geben, wie für eine NGO-Mitarbeiterin, die jeden Tag die neuesten Nachrichten aus einem Flüchtlingscamp nachvollziehen wollte. Das Format verändert sich gerade, finanziell kämpfen die Kollegen immer wieder neu – inhaltlich lohnt allein schon ein genauerer Blick auf die Rubriken (“Topics” mit Nachrichten zu getaggten Aspekten, “Articles” und “Background” mit Karten und Explainern), die News Deeply nutzt, um Informationen aufzubereiten.

Dossiers bei “Zeit Online”

“Zeit Online” beginnt sichtbar, mehr in Themenwelten zu denken. Die Dossiers der Kollegen stellen zu wichtigen Themen wie beispielsweise Flüchtlingen einige Aufzählungspunkte zum Verständnis voran, danach sind alle Artikel jedoch chronologisch geordnet. Beim manchmal für seine aggressive Social-Strategie kritisierten “Merkur” aus München findet sich unter den Bullet Points sogar zu einzelnen Newsthemen gleich ein knapper Ticker mit den neuesten Aspekten.

Takeaways bei der “New York Times”

Bei großen Recherchen und wichtigen Themen wie dem Mueller-Bericht oder den demokratischen TV-Debatten stellt die “Times” den ausführlich aufbereiteten Formaten immer häufiger einen knappen Artikel mit den wichtigsten Fakten bei. Auch hier vermittelt das Angebot den Lesern unmissverständlich: “Wenn du nur zwei Minuten hast klicke hier, ansonsten bitte hier entlang zum ausführlichen Bericht.”

Faktenfinder bei der “Tagesschau”

Eine Variation von “Die wichtigsten Fragen und Antworten” bietet die Tagesschau mit ihrem Faktenfinder. Hier gelingt es inzwischen gut, die ergänzende Faktenfinder-Aufbereitung immer wieder bei neuen Nachrichtenthemen zu verlinken und so wichtigen Hintergrund zu liefern.

News-App bei “BuzzFeed”

In der extrem empfehlenswerten App der Nachrichtensparte von “BuzzFeed” ist gleich an mehreren Stellen spürbar, wie sehr sie von Userbedürfnissen geleitet ist. Oben stehen drei wichtige News mit ihrem Kernsatz, die einzelnen Themen bekommen auf dem Start-Screen schon eine erschöpfende Zusammenfassung, die nicht als Clickbait daherkommt. Und wer sich durch die rund zwei Dutzend Nachrichten gewischt hat, leidet nicht unter endlosem Nachladen und Scrolling wie in Social-Media-Feeds, sondern bekommt aufmunternd versichert: “You’re all caught up” – “Du bist auf dem neuesten Stand der Dinge”.

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Zwei Screenshots der BuzzFeed News App (Quelle: Webby Awards)

Card Stacks bei “Vox”

Die Mitte-Links-News-Erklärseite aus den USA hatte 2014 viel Aufmerksamkeit für ihre Kartenaufbereitung von Hintergründen bekommen, die vor allem mobil leicht swipe-bar Spaß beim Lesen bereiten sollte. Nach zwei Jahren ist das Format dann aber verschwunden. Chefredakteur Ezra Klein räumte ein, dass sie längst nicht das Allheilmittel waren, das man sich anfangs von ihnen versprach und dass sie in ihrer Länge zu unterschiedlich waren. 

Empfehlungen bei YouTube

Oft verlacht (und teils sogar politisch problematisch) sind Empfehlungen bei YouTube doch ein Beispiel für das Gedächtnis einer Plattform, das gut funktioniert und für Interaktion sorgt – zumindest passgenauer als die algorithmischen Empfehlungen unter Online-Artikeln externer Dienstleister. Einen Hintergrund zur Funktion des YouTube-Empfehlungsprinzips gibt es bei “The Atlantic”.

“Zusammenhänge” bei “Krautreporter”

Zum Abschluss zur redaktionellen Arbeitsweise bei “Krautreporter”. Alle neuen Artikel müssen zu einer dieser “Zusammenhang” genannten Themenwelten passen, sie werden gemeinsam mit Lesern recherchiert und sind so geschrieben, dass es auch nach ihrer Erstveröffentlichung noch häufiger Anlässe gibt, sie zu lesen. Beispielsweise wird so aus einer zeitlich begrenzt relevanten Analyse über den Sieg der US-Demokraten bei den Zwischenwahlen ein Artikel, der allgemein untersucht, wie Parteien erfolgreich Wahlkampf gegen Rechtspopulisten betreiben können.

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Bei Krautreporter werden Themenwelten als “Zusammenhänge” sortiert. Die Redaktion achtet darauf, dass Beiträge zusammen mit Lesern entstehen und mehrfach verwendet werden

Was es braucht: Mut, Technik, Außenorientierung

Diese Beispiele haben mehrere Charakteristika gemein:

1. Keine Angst vor externen Links!

Leser und Leserinnen interessieren sich weit weniger für die primäre Recherchetiefe in unseren Häusern, sie kümmern sich nicht um Exklusivität und Tempo, sondern suchen das Angebot, das am besten ihr konkretes Informationsbedürfnis stillt und einordnet. Externe Links dokumentieren sogar Expertise.

2. Macht Erinnerung technisch möglich!

Die hinter diesen Beispielen stehenden CMS sind in der Lage, “sich zu erinnern”. Themenseiten können gebaut werden, nicht alle Verweise einer Linkliste sind chronologisch.

3. Akzeptiert, dass Leser nicht ständig euer gesamtes Angebot kennen!

Wann fiel in eurer Redaktionssitzung zuletzt der Satz: “Das hatten wir vergangene Woche schon?” Nun, die Realität sieht so aus, dass die allermeisten Menschen das verpasst haben. Und selbst, wenn sie es schon kannten, sind sie häufig dankbar für einen Auffrischer.

4. Schreibt für langfristige Klicks!

Auch wenn die Aufbereitung auf den ersten Blick manchmal sperrig erscheint, lohnen sich solche Formate auch finanziell. Bei “Krautreporter” dauert es geschätzt 40 Minuten, den “Verständlich-erklärt”-Artikel zum Nahost-Konflikt zu lesen. In den fünf Jahren des Bestehens hat kein anderer Beitrag mehr Leserinnen dazu gebracht, zu Unterstützern zu werden, beinahe täglich kommen nur durch ihn neue hinzu.

Ganz im Sinne eines nachhaltigen Artikels bleibt die Frage: Welche gelungenen Beispiele für ähnliche Angebote kennen Sie, liebe Leserin und lieber Leser? Welche Formate machen es Leserinnen besonders leicht, die sich gerade erst an ein Thema herantrauen oder eine Woche die neuesten Entwicklungen verpasst haben? Wo beweisen Kollegen Erinnerungsvermögen? Empfehlen Sie mir gerne Ihre Tipps über Twitter: @cfahrenbach 

Der Autor: 

Christian Fahrenbach ist freier Journalist und lebt in New York. Er ist Gründungsmitglied der Krautreporter, einem mitgliederfinanzierten Online-Magazin. Außerdem schreibt er für die dpa und Gründerszene. Er arbeitet als Lehrbeauftragter mit Schwerpunkt Innovation in den Medien im berufsbegleitenden Masterstudiengang Digital Journalism sowie gemeinsam mit Jeremy Caplan im DJF an der Hamburg Media School. Fahrenbach hat an der Universität Hohenheim über Reputationsmanagement promoviert und war der erste deutschsprachige Fellow im Entrepreneurial-Journalism-Programm unter Jeff Jarvis an der Craig Newmark Graduate School of Journalism der City University of New York, Partnerhochschule der Hamburg Media School.

Über die Reihe: Dies ist der 14. Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht.

Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Teil 5: Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Teil 6: Lösung sucht Problem: fünf Schritte für eine produktive Innovationskultur der Medien

Teil 7: Weg mit dem Dringlichkeitsalgorithmus! Ein Sechs-Stufen-Plan für Bewältigungsstrategien in der New-Work-Welt

Teil 8: “Like Deine Freude, wie Du selbst geliked werden willst” – wie wir uns alle einer Digitalisierungsreligion unterwerfen

Teil 9: “Freie Presse” in Chemnitz auf Tuchfühlung mit Lesern: Warum der Lokaljournalismus besser wird

Teil 10: Ein Spotify für den Journalismus? Fünf Strategien zur Steigerung der Zahlungsbereitschaft im Netz

Teil 11: Warum wir Diversität im Medienbetrieb neu definieren müssen – die Hölle, das sind nicht die anderen

Teil 12: “So muss Lokaljournalismus aussehen”: Wie die Lüneburger “Landeszeitung” mit ihren Lesern ins Gespräch kommt

Teil 13: Wissen, wie der Hase läuft – Lokaljournalismus zwischen Klischees und digitaler Transformation

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