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Wochenrückblick: Wie rechts ist eigentlich die “Neue Zürcher Zeitung”?

NZZ, “Monitor”-Mann Georg Restle, Heiko Maas, Julia Bönisch
NZZ, "Monitor"-Mann Georg Restle, Heiko Maas, Julia Bönisch

Wie rechts die "Neue Zürcher Zeitung" ist, lässt sich womöglich nicht ganz leicht beantworten. Das Faible der Medien für "Foto-Forensik" kann auch Ärger bringen. Heiko Maas ruft zum Demonstrieren auf und bei der "SZ" gibt's 'ne Vertrauenskrise. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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An der “Neuen Zürcher Zeitung” scheiden sich die Geister. Manche halten die “NZZ” für eine der wenigen unabhängigen und kritischen Stimmen im deutschsprachigen Medienkosmos. Andere sehen im Traditionsblatt eine publizistische Speerspitze der neuen Rechten. Jüngst sorgte ein Gastbeitrag in der “NZZ” zu recht für einige Aufregung. Der Text “Grün ist die Redaktion – die deutschen Mainstream-Medien haben aus der Flüchtlingskrise nichts gelernt” ist wie geschrieben, um von rechten Kreisen beklatscht und geteilt zu werden. Vor allem aber ist er einfach schlecht. Es geht darin um den angeblich grünen Bias der deutschen “Mainstream Medien”. Ob in einigen deutschen Redaktionsstuben eine gewisse Grünen-Euphorie herrscht, kann man ja diskutieren – aber der “NZZ”-Gastkommentar von Wolfgang Bok, der in Heilbronn strategische Kommunikation lehrt, strotzt nur so vor Fehlern, Ungenauigkeiten und Auslassungen. Übermedien hat das hier im Detail aufgeschrieben. Also alles rechts bei der “NZZ”? Diese Woche nun stolperte ich in der “NZZ” über einen Kommentar des Berliner Redaktors Marc Felix Serrao zum Thema die Sprache der AfD. In dem Kommentar schreibt er:

Man muss gar nicht die einschlägigen Zitate vom «Mahnmal der Schande» oder vom «Vogelschiss» bemühen. Es reicht, sich die täglichen Kommentare der Partei auf Facebook anzuschauen, ihrem wichtigsten Kommunikationskanal. Der Evangelische Kirchentag? Eine «schizophrene Irrsinnsveranstaltung». Angela Merkel? Eine ins «linksgrüne Lager abgedriftete Kanzlerdarstellerin». Die CDU-Chefin? «Meinungsdiktatorin AKK». So geht das ohne Unterlass. Die Kommunikation der AfD erinnert an eine vollgeschmierte Klowand. Nichts daran ist bürgerlich.

Das ist aus meiner Sicht unbedingt zu unterschreiben und ganz sicher überhaupt nicht rechts. Ist die “NZZ” nun also rechts oder nicht? Man kann es nicht so eindeutig zuordnen und das ist vielleicht sogar ganz gut so.

Übrigens: Im Zuge der Aufregung über den Bok-Gastkommentar stieß ich auf diesen etwas älteren Artikel aus der Schweizer “Wochenzeitung” (nach eigener Auskunft ein linkes Medium) über den angeblichen Rechtsruck bei der “NZZ”: “Die Angst geht um an der Falkenstrasse“. Darin heißt es u.a. über den Chefredaktor Eric Gujer:

In der Redaktion herrsche eine “extreme Angst”, Kritik werde selten offen geäussert. Das habe vor allem mit Gujers Führungsstil zu tun: Unkonventionelle KollegInnen würden durch formbare ersetzt. Bisweilen greife der Chefredaktor auch direkt ins Blatt ein. So habe er ohne Begründung die Publikation eines Kurzkommentars von Hürlimann verhindert.

Ein Chefredakteur, der auch direkt ins Blatt eingreift??? Schlimm!

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Das ARD-Magazin “Monitor” “deckte auf”, dass der geständige Lübcke-Mörder Stephan E. an einem Treffen der Neonazi-Gruppe “Combat 18” teilgenommen haben soll. Als Beweis diente ein Foto, das “Monitor” von einem Sachverständigen für Foto-Forensik begutachten ließ. Nun stellte sich heraus, dass es vielleicht, wahrscheinlich, möglicherweise doch nicht E. war auf dem Foto. Ein anderer Gutachter kam zum Ergebnis, dass das Bild “höchstwahrscheinlich” nicht E. zeigt. “Monitor”-Redaktionsleiter Georg Restle veröffentlichte auf Twitter eine Richtigstellung.

Da ist diese Foto-Forensik-Gläubigkeit vieler Medien und damit meine ich nicht nur “Monitor”. Allenthalben stößt man darauf, dass diese oder jene Bild- oder Videoquelle “foto-forensisch” untersucht wurde. Ich habe das Gefühl, sobald Begriffe wie “Foto-Forensik” oder “foto-forensisch untersucht” fallen, werden alle weiteren Zweifel ad acta gelegt. Das klingt halt so wunderbar wissenschaftlich. Dabei zeigt das aktuelle Beispiel, dass auch der Foto-Forensiker nicht unfehlbar ist. Immerhin hat “Monitor” in der Sache transparent reagiert.

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Unser Außenminister Heiko Maas hat die Bürger dazu aufgerufen für die Demokratie zu demonstrieren. Analog zu “Fridays for Future” sollen wir alle, bzw. viele, am “Donnerstag für Demokratie” auf die Straßen gehen, um den Rechtsextremen etwas entgegenzusetzen.

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Was bei flüchtigem Hinhören vielleicht wie eine Idee klingt, bei der keiner was dagegen haben kann, ist beim zweiten Nachdenken ziemlich dämlich. Philipp Ruch, Gründer der Aktionskunst-Kollektivs “Zentrum für politische Schönheit” schreibt im “Tagesspiegel”:

Wenn eine Regierung die eigene Bevölkerung zu “Demos” aufruft, damit sie selbst endlich handelt, dann läuft etwas verdammt schief. Aber mehr noch, begeben wir uns dorthin, wo die Sorge des Außenministers vermutlich herkommt: ins Ausland. Denkt “das Ausland”, wie Politiker eine Gemeinschaft aus 193 Staaten gerne abkürzen, derart plump: Wenn ein Volk nicht auf der Straße ist, dann erklärt es sich mit dem Faschismus und dem Mord an Walter Lübcke einverstanden? Na dann, gute Nacht.

Ich sehe die Aktionen des “Zentrums” nicht immer unkritisch, aber hier hat Ruch komplett recht.

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Die Aufregung rund um den “journalist”-Artikel der SZ-Digital-Chefredakteurin Julia Bönisch ist nicht mehr ganz frisch. Jetzt berichtet kress aber, dass es am Montag bei einer Redaktionsversammlung nochmal zur Konfrontation zwischen den alten, weißen Männern in der Chefredaktion (Kurt Kister und Wolfgang Krach) und der jüngeren, weißen Frau (Julia Bönisch) gekommen sein soll.

Kister und Krach sollen von einem “Vertrauensbruch” innerhalb der Chefredaktion gesprochen haben, von dem man nicht wisse, ob und wie er wieder zu heilen sei. Zur Erinnerung: Bönisch hatte in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift “journalist” die strikte Trennung von Redaktion und Verlag in Frage stellt. Ihr Job als Chefredakteurin sei weniger die Schönschreiberei oder “wuchtige Texte”. Als “Frau, Onlinerin, noch keine 40” stehe sie selbst für “fast alles, was unbequem und lästig ist: für Veränderung, für Digitalisierung, für einen Generationenwechsel, der auch Frauen an die Spitze bringt”.

Offenbar fühlten sich ihre beiden Chefredaktions-Kollegen durch den Text angesprochen. Immerhin gilt Kister als einer der wuchtigsten “Schönschreiber” des Hauses und Krach als perfektionistisch. Kann gut sein, dass er sich mit der folgenden Bönisch-Zuschreibung gemeint fühlte: Sie halte es “in dieser Zeit für ebenso wichtig, dass ein Chefredakteur, der sich mit der Bildunterschrift auf Seite 7 beschäftigt, sich der Frage stellt, wie sein Haus profitabel arbeitet”.

Abgesehen davon, wie es mit diesem Konflikt innerhalb der Redaktion der “Süddeutschen” weitergeht: Für die Frage der Profitabilität ist doch eigentlich eine Geschäftsführung zuständig. Oder habe ich da was übersehen? Und schön, bzw. “wuchtig” schreiben zu können und einen Hang zur Perfektion zu haben sollen nun auch nicht direkt Untugenden des Journalismus sein.

Ein harmonisches Wochenende!

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