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Wochenrückblick: Wie “Dummy” den umstrittenen Autoren Dirk Gieselmann verteidigt

Roche-Podcast bei Spotify, arme Multi-Milliardäre im “MM”, Gieselmann im “Dummy”, Bayer-Logo
Roche-Podcast bei Spotify, arme Multi-Milliardäre im "MM", Gieselmann im "Dummy", Bayer-Logo

Eine Runde (Selbst-)Mitleid für die armen Multi-Milliardäre Susanne Klatten und Stefan Quandt im "Manager Magazin". Bayer hat mal wieder Image-Probleme wegen Monsanto-Altlasten. "Dummy" verteidigt Dirk Gieselmann und Charlotte Roche lädt zusammen mit ihrem Mann zum Seelen-Striptease auf Spotify. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Diese armen, superreichen Leute. Die BMW-Eigentümer Susanne Klatten und Stefan Quandt haben dem “Manager Magazin” (Paid Content) ein seltenes und selten selbstmitleidiges Interview gewährt. Darin klagen die beiden Multi-Milliardäre, dass ein “Maß an Misstrauen” in der Gesellschaft schwinge, das sie als Unternehmer (nicht etwas als Erben!) beschäftige. Manche würden gar glauben, dass sie “ständig auf einer Jacht im Mittelmeer herumsitzen“, was aber natürlich nicht stimme. Man fühlt sich missverstanden. Das Wort “Neid” fällt und der bemerkenswerte Satz: “Wer würde denn mit uns tauschen wollen?” Es muss schlimm sein, superreich zu sein. Ok, das ist vielleicht wirklich nicht immer lustig. Aber den einen oder anderen, der sich das mit dem Tauschen mal überlegen würde, würde mir schon einfallen. Ernsthaft: Haben Frau Klatten und Herr Quandt nicht ein paar Euros für einen gescheiten PR-Berater übrig, der ihnen davon abrät solche Unsympathen-Interviews zu geben? Merke: Wenn Du 2018 eine Milliarde allein an Dividende eingesackt hast und Dein Gesamtvermögen laut Bloomberg auf 30 Milliarden Euro geschätzt wird, solltest Du nie, nie, niemals in der Öffentlichkeit rumjammern.

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Probleme mit dem Image sind dem Bayer-Konzern nicht ganz fremd. Da ist nicht nur diese Sache mit dem umstrittenen Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, bei der Bayer schon mehrere Prozesse in den USA verloren hat. Vor kurzem wurde auch bekannt, dass der Glyphosat-Hersteller Monsanto, den Bayer ja übernommen hat, in diversen Ländern Listen mit Politikern, Journalisten und anderen Personen des öffentlichen Lebens anlegen ließ. Von “Monitoring” ist die Rede und von “Umerziehung”. Naja. Der Begriff “Monitoring” ist in der PR-Branche absolut üblich und ganz und gar nichts Besonderes. Und dass die Medien hierzulande das englische Wort “educate” in dieser Sache stets mit “umerziehen” übersetzen, kann man auch als mindestens ein bisschen tendenziös empfinden. Christian Maertin, Pressesprecher von Bayer, sagt dazu: “Auf den deutschen Listen hat die Kanzlei bislang weder Journalisten identifiziert noch sensible private Daten gefunden. In den restlichen Ländern wird Sidley Austin den Informationsprozess abschließen, sobald die zum Teil veralteten oder fehlenden Kontaktdaten vollständig recherchiert wurden.” Die Medien lassen sich durch solcherlei Maßnahmen nicht beeindrucken. Das Image vom Evil-Konzern hat Bayer mit Monsanto halt gleich mit eingekauft und nun werden sie es nicht mehr los.

Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten Verbandes, äußerte öffentliche Zweifel, dass die Aussagen von Bayer, dass auf deutschen Listen keine sensiblen Daten zu finden sind, stimmen. Auch dass Betroffene via Brief informiert werden sollen und nicht via E-Mail, fand Zörner “fragwürdig”. Warum eigentlich? Auf meine Nachfrage, ob der Brief hier nicht das seriösere Mittel der Kommunikation ist, teilte er mit: “Sicher gelten Briefe als seriöser, aber Brieflaufzeiten sind im Vergleich zur Mail-Geschwindigkeit ein No-go-Kriterium. Und gerade Journalisten lieben es besonders schnell.” Mag sein, aber noch mehr sollten die Journalisten es besonders gründlich lieben!

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Was für eine tolle Überleitung zum nächsten Thema: Vor nicht allzu langer Zeit gab es ein bisschen Aufregung, als das “SZ Magazin”, die “Zeit” und der “Spiegel” sich von einem Autoren trennten, der Fakten in seinen Texten teils verfälschte. Der Fall war bei weitem nicht so krass wie die Fälschungen des Claas Relotius aber schwerwiegend genug, dass alle drei Häuser dem Autoren Dirk Gieselmann den Laufpass gaben. Für das Independent Magazin “Dummy” von Oliver Gehrs schreibt er aber weiterhin und in der aktuellen Ausgabe gibt es vorne im Heft eine Art Verteidigungsschrift für ihn. Darin heißt es u.a.:

Dirk hatte dem “SZ-Magazin” eine Geschichte über ein in einen Baum geritztes Herz geliefert, wobei er sie einfach an einem anderen Ort spielen ließ. Macht man nicht, schon klar, aber normalerweise gibt es eine Abmahnung, und der Text landet im Papierkorb. Weil aber alle von den ständigen Lügenpresse-Krakeelereien und vom Skandal um den “Spiegel”-Reporter Claas Relotius, der eine ganze Reihe von (gedruckten) Geschichten gefälscht hatte, ganz wuschig waren, nahm das Unheil seinen Lauf. Die Angelegenheit gelangte aus dem Inneren des “SZ Magazins” zu anderen Redaktionen. Späher wurden in Dirks Leben und Lebenswerk geschickt, Texte auf Unklarheiten hin geprüft und seine Kindergärtnerin gefragt, ob er als Kind wirklich schüchtern gewesen sei, wie er in einem Essay behauptet hatte.

Sind Leute, die Texte auf Korrektheit prüfen, wirklich “Späher”?

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Weiter heißt es in “Dummy”, man habe “die üblichen Schludrigkeiten” in einigen Texten gefunden: “Ungenaue Ortsangaben, mal ein falscher Name”. Guter Journalismus lebe “seit jeher auch von radikaler Subjektivität, von Beobachtungen und Gefühlen, die sich eben nicht lückenlos nachrecherchieren lassen”. Mag sein, aber stimmen sollten sie halt trotzdem. Weiter heißt es, dieselben Redakteure, die nun Fehlern anprangerten, würden weiter nach Texten und Bildern gieren, die “bigger than life” seien.

Mit der abschließenden Kritik, dass viele Medien und Medienschaffende womöglich immer noch auf dem Trip sind, sie müssten ihrem Publikum “bigger than life”-Stories servieren, hat “Dummy” vermutlich sogar recht. Aber teils erhebliche Fakten- und Realitätsveränderungen in Texten einfach so als “Schludrigkeiten” abzutun, das ist schon einigermaßen atemberaubend. Zumal es im Fall des “SZ Magazins” laut Angaben aus der dortigen Redaktion darum gegangen war, dass eine Protagonistin erfunden wurde. Das ist schon mehr, als eine Geschichte an einem anderen Ort spielen zu lassen, was, nebenbei bemerkt, auch nicht OK wäre. Es geht um Journalismus und nicht um Literatur. Daran muss man leider wohl immer wieder mal erinnert werden.

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Zum Schluss noch ein radial subjektiver Hör-Tipp: Charlotte Roche macht zusammen mit ihrem Mann Martin Keß einen Podcast für Spotify, bei dem die beiden über ihre Ehe reden. Das Ganze aber nicht auf dem Niveau von “More Zarrella” mit dem Promipärchen Jana Ina und Giovanni Zarrella, sondern es geht emotional ans Eingemachte. Der Roche-plus-Mann-Podcast ist ein Seelen-Striptease, bei dem sich beide emotional richtig nackig machen. Teils ist das schwer erträglich, weil man so viele Intimheiten von anderen Leuten vielleicht gar nicht hören möchte, andererseits entfaltet das Format eine eigentümliche Anziehungskraft. Es fällt tatsächlich schwer, abzuschalten. Auf jeden Fall ist “Paardiologie”, so der Titel, eine Bereicherung für die Podcast-Szene und ein gelungener PR-Stunt für Spotify. Roches Mann war übrigens Mitgründer der TV-Produktionsgesellschaft Brainpool und ist heute Mitbetreiber der bekannten Kölner Kaffeerösterei Van Dyck. Und: Man findet im Internet keine Fotos von ihm! Er lässt sich nie öffentlich mit Gesicht fotografieren. Gar nicht doof!

Schönes Wochenende!

PS: Unser kleiner Podcast “Die Medien-Woche” verabschiedet sich mit dieser Ausgabe in eine Sommerpause. Dafür gibt es mit einem Interview mit “jerks”-Macher Christian Ulmen noch ein besonderes Highlight. Er verrät u.a., welche Szene selbst ihm für “jerks” zu hart war. Und ich diskutiere mit meinem Kollegen Christian Meier von der “Welt”, was von der Kritik an der Medienberichterstattung zum Mordfall Lübcke zu halten ist. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören! In drei Wochen ist die “Medien-Woche” dann auch wieder zur Stelle.

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