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Wochenrückblick: Der “Spiegel” und der Fluch des Relotius

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Während Axel Springer quasi im Alleingang die Nachrichtenspalten der Medien-Medien füllt, muss man sich beim "Spiegel" mit Beschwerden und Klagen herumärgern. Dabei fällt ein ums andere mal das böse R-Wort. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Gibt es eigentlich noch einen anderen Verlag außer Axel Springer, der irgendwas in Medien-Deutschland macht und tut? Diese Woche konnte man den Eindruck gewinnen, ohne Springer hätten die Medien-Medien gar nix mehr zu berichten. Da ist der Einstieg von KKR, dann gibt es massig Personalien bei der “Bild”, es wird verkündet, dass Business Insider Inc. und eMarketer Inc. in den USA zusammengelegt werden, das Haus beteiligt sich an einem Finanz-Tool für Familien und die Bild-Gruppe startet ein Investmentprogramm. Bei anderen Medienhäusern reicht das Pensum fast für ein Jahr. Naja, mindestens für ein halbes.

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Der Relotius-Fluch lässt den “Spiegel” nicht so schnell los. Wann immer bei dem Magazin nun Fehler oder Schludrigkeiten passieren, ist das R-Wort schnell bei der Hand. So geschehen bei einem Rechtsstreit des “Spiegel” mit der Flensburg Akademie GmbH, der sogenannten “Handball-Akademie”. Der “Spiegel” berichtete im Heft und digital als “Spiegel+”-Artikel über grausame Folter-Rituale mit der Rohrzange, wie sie vor Jahren an der Handball-Akademie stattgefunden haben. In einem Absatz gibt der vom “Spiegel” angeführte Zeuge Ole B. das Hörensagen weiter, dass das Ritual wieder eingeführt worden sei. Dagegen ging die Akademie juristisch vor und erwirkte vor dem Landgericht Hamburg eine Einstweilige Verfügung gegen den “Spiegel”. In der Begründung verweisen die Richter darauf, dass es sich hierbei um ein Gerücht handle an dessen Verbreitung kein “überwiegendes Informationsinteresse” bestehe. Lewe Volquardsen, der Geschäftsführer der Handball Akademie in Flensburg sagt dazu in einer Pressemitteilung: „Es ist nicht zu fassen, dass der “Spiegel”-Autor Erik Eggers bei der Dokumentation des Magazins tatsächlich mit einem glatten Gerücht durchkam. Vor allem vor dem Hintergrund des noch frischen Relotius-Skandals ist das schwer zu begreifen.“ Da haben wir das R-Wort!

Der “Spiegel” hat die Passage aus der Digital-Ausgabe entfernt und den Artikel mit dem Hinweis versehen, dass er “aus rechtlichen Gründen” bearbeitet wurde. Ansonsten ist man beim “Spiegel” der Ansicht, dass die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung eingehalten worden seien. Man prüfe, ob Rechtsmittel eingelegt werden.

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Etwas transparenter hätte die Berichterstattung in Sachen Handball-Akademie beim NDR erfolgen können. Der Sender griff die im Nachrichtenmagazin beschriebenen Vorfälle am 11. Mai in seinem “Schleswig-Holstein Magazin” auf. In dem Beitrag trat eine „Michaela B.“ als Mutter des aus dem “Spiegel” bekannten Handballspielers Ole B. auf. “Michaela B.” wurde von hinten gefilmt, ihr Gesicht unkenntlich gemacht. Alles sehr investigativ. Was die Zuschauer nicht in dieser Sendung erfuhren: “Michaela B.” arbeitet unter ihrem Mädchennamen beim NDR Fernsehen als TV-Autorin und Journalistin. In einer nächtlichen NDR-Sportsendung am darauffolgenden Abend wurde erwähnt, dass der Autor des Beitrags von der Thematik durch die Mutter von Ole B. erfahren habe, die eine “Kollegin” sei. Der NDR verweist darauf, er habe “im Rahmen seiner umfangreichen Berichterstattung über das Thema mehrfach darauf hingewiesen, dass eine unserer Quellen, die Mutter eines der betroffenen Jugendlichen, Mitarbeiterin des NDR ist.” Nur halt nicht in der einen Sendung, in der die Frau auftrat.

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Noch eine Beschwerde gegen den “Spiegel” aus dieser Woche. Da meckerte der frühere österreichische Bundespräsident Heinz Fischer in einem Gast-Kommentar in der “Wiener-Zeitung”. In einem “Spiegel+”-Text über die Regierungskrise in Österreich taucht Fischer am Rande als Interessent für die Position des “Interimskanzlers” auf:

Es bringen sich bereits Kandidaten für diese undankbare Rolle in Stellung, unter anderem soll der 80 Jahre alte Ex-Präsident Heinz Fischer angefragt haben, ob ihm in diesem Amt ein Dienstwagen zustünde.

Fischer selbst schreibt nun in der “Wiener Zeitung”:

Aber mit mir wurde kein wie immer gearteter Kontakt über diese Story aufgenommen, auch kein wie immer gearteter Beweis oder ein Datum genannt und auch nicht erörtert, wie glaubwürdig es ist, dass jemand, der genau 41 Jahre lang in Spitzenfunktionen der österreichischen Politik – zuletzt 12 Jahre als Bundespräsident – gearbeitet hat, sich im 81. Lebensjahr wieder in die politische Arena begeben will. Und dass er sich aus diesem Grund im Bundeskanzleramt über einen Sachverhalt erkundigt, der ohnehin im Bezügegesetz klar und eindeutig geregelt ist. Armer “Spiegel”!

Ein Dementi Fischers hat der “Spiegel” nachträglich in die Digital-Ausgabe eingefügt. Auf die Frage, warum man Fischer nicht vor der Veröffentlichung gefragt hat, verweist der “Spiegel” zunächst wortreich darauf, dass man “weiter von der Richtigkeit unserer Berichterstattung überzeugt” ist. Was, wie einem auffallen kann, keine Antwort auf die Frage ist, warum man Fischer nicht vor der Veröffentlichung gefragt hat. Auf neuerliche Nachfrage, räumt man dann ein, dass eine Anfrage zu einem früheren Zeitpunkt “aus heutiger Sicht” besser gewesen wäre. Wohlgemerkt: aus heutiger Sicht.

Schönes Wochenende!

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