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Freischreiber-Gehaltsreport: Freie Journalisten verdienen im Mittel 22,50 Euro brutto pro Stunde

Wie viel gut oder schlecht verdienen Journalisten in der Branche? Diese Fragestellung will der Freischreiber-Verband mit einem Online-Projekt beantworten und hat dafür seit Oktober 2018 Daten von Freien, Pauschalisten und Redakteuren gesammelt. Nun liegt ein erster Zwischenbericht vor, dessen Ergebnisse in Teilen ziemlich ernüchternd sind.

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Wer ist für den Bericht verantwortlich?

Seit Oktober 2018 sammelte Freischreiber, ein Berufsverband für freie Journalistinnen und Journalisten, über die Seite www.wasjournalistenverdienen.de anonym Honorare und Gehälter. Immerhin 1.443 Angaben zu rund 580 Medien sind bis Ende Dezember 2018 eingegangen. Dazu zählen 1.005 Freie (69 Prozent), 321 Festangestellte (22 Prozent) und 117 Pauschalisten  (8 Prozent). Die Daten wurden dabei auf zwei Arten gesammelt: 1. nach Umfang eines Beitrags, also Zeichen oder Audio- bzw. Video-Minuten und 2. nach dem geschätzten Stundenaufwand.

In Kooperation mit dem Wissenschafts- und Datenjournalisten Haluka Maier-Borst von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und Correctiv-Redaktionsmitglied Michel Penke sowie der freien Journalistin Katharina Jakob hat der Verband nun einen ersten Zwischenbericht veröffentlicht.

Wie viel verdienen freie Journalisten?

Das Ergebnis ist wenig überraschend, aber dadurch nicht minder relevant: Freier Journalist zu sein muss man sich in Deutschland leisten können, so das Fazit des Reports. Lediglich 22,50 Euro verdient jene Gruppe im Mittel pro Stunde – brutto, also ohne Abzug von Steuern, Arbeitsmitteln und Urlaubs- oder Krankheitstagen. Laut Bericht fließt davon ein Drittel in die Steuer, ein weiteres Drittel in Arbeitsmittel wie Büromiete und Recherchen, das letzte Drittel bleibt als Gewinn. In dieser Rechnung wären das dann 7,50 Euro pro Stunde. Zum Vergleich: Bei Pauschalisten liegt der Brutto-Betrag bei 25 Euro und Festangestellte verdienen in einer Stunde 21,88 Euro.

„Ganz generell ist freier Journalismus in einer Weise unterbezahlt, dass wir uns fragen, wovon die Kolleginnen und Kollegen da draußen eigentlich leben. Und vor allem: wie“, konstatiert das Freischreiber-Team. Carola Dorner, Vorsitzende des Verbandes, sagt zur Situation: Viele Freie verlassen den Journalismus, weil sie es sich nicht leisten können oder wollen, permanent für etwas zu kämpfen, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: faire Verträge und faire Honorare.“

Weitere Erkenntnisse: Die Einkommen von Pauschalisten sind ungleicher verteilt sind als die der Festangestellten, dagegen streuen die Honorare der Freien noch stärker. Und: Ausdauer lohnt sich. Denn wer länger im Journalismus arbeitet, erzielt bessere Honorare bzw. Gehälter. Dies gelte vor allem für freie Journalisten.

Welche Medien zahlen am meisten?

Medien wie „PM History“, „Geo Wissen“ und „BrandEins“ kommen auf Werte deutlich über 100 Euro pro 1.000 Zeichen. Andere Auftraggeber wie „Welt“, „Epd“, „dpa“ oder „WAZ“ liegen bei niedrigen Beträgen zwischen 12 und 31 Euro.

Im Audio- und Video-Bereich zahlen wenig überraschend die öffentlich-rechtlichen Anstalten pro Minute am besten, wie eine Tabelle im Bericht verdeutlicht. Allerdings ist dort die Datengrundlage bislang kaum aussagekräftig.

Ist die Umfrage repräsentativ?

Nein! Einen repräsentativen Anspruch erhebt die Auswertung aber auch nicht, wie die Macher betonen. Dafür seien die Stichproben, verteilt auf die Verlage, Redaktionen und Sender, „schlicht noch zu gering.“ Daher könne man nicht sagen: „Hier wird immer anständig gezahlt und da nie.“ Allerdings gibt der Zwischenbericht erste Hinweise, wie es um das Gehalt freier Journalisten, Pauschalisten und Redakteure in Deutschland bestellt ist.

Hinzu kommen mögliche Verzerrungen durch „Digital only“, so dass es eine Verzerrung hin zu jüngeren, digitalaffinen Journalisten geben könnte. Ebenso wenig sei die Korrektheit der Daten zweifelsfrei zu garantieren. „Wir haben zwar Plausibilitätschecks [gemacht], können aber nicht mit Sicherheit sagen, dass alle von Nutzerinnen und Nutzern gespendeten – und von uns verarbeitenden – Daten auch korrekt sind“, heißt es in dem Bericht. Hinzu komme zudem, dass sich die Teilnehmer womöglich falsch erinnern und dadurch ungenaue Daten abgegeben haben.

Auch zur Methodik geben die Journalisten Einblicke: NZZ-Redakteur Maier-Borst erklärt in einem Beitrag beispielsweise, warum sich das Team für den sogenannten gleitenden Median entschieden hat, der auf Basis der „mittigsten Werte“ arbeitet. Seine Erklärung: „Weil wir auf die Werte in der Mitte schauen und nicht einen Durchschnitt aller Werte errechnen, können einzelne Ausreißer nach oben und unten unsere Analyse nicht zu sehr verzerren.“

Was fordert der Freischreiber-Verband?

Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Zwischenberichts fordert der Verband die Auftraggeber auf, anständige Honorare zu zahlen, wenn sie „Qualität, die eierlegende Wollmilchsau als Reporter, handfeste Dokumentationen unserer Arbeitsweise, alle Rechte an unseren Werken wollen.“

Auch an die Politik wird ein Appell gerichtet: „Schafft endlich Rahmenbedingungen, die uns freie Journalistinnen und Journalisten davor schützen, ausgenommen zu werden: setzt ein Verbot von Total-Buy-out-Verträgen um, verhindert, dass wir die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft Wort wieder mit den Verlegern teilen müssen, sorgt dafür, dass wir gemeinsam gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen können.“

Und den vielen freien Journalisten, die für niedrige Honorare arbeiten, empfehlen sie: „Verlasst diese Buden, arbeitet nicht für sie! Unterstützt nicht länger Verlage, die euch ausnehmen wie Weihnachtsgänse.“

tb

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