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„Wir haben uns von Relotius einwickeln lassen“: Was sich beim Spiegel nach dem Fälschungs-Skandal ändert

Ex-Spiegel-Reporter Claas Relotius
Ex-Spiegel-Reporter Claas Relotius

Der Spiegel zieht seine Konsequenzen aus der Fälschungsaffäre um den ehemaligen Redakteur Claas Relotius. Chefredakteur Steffen Klusmann will eine unabhängige Ombudsstelle schaffen, die Hinweisen auf Ungereimtheiten in Artikeln nachgehen soll. Auch das Gesellschaftsressort soll umgebaut werden. Wie, ist allerdings noch offen. Möglich ist, dass die Seiten den anderen Ressorts zugeschlagen werden.

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Es war ein Fall, der weltweit Schlagzeilen machte: Jahrelang fälschte der einstige Star-Reporter Claas Relotius große Teile seiner Reportagen – das Gros davon beim Spiegel. Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann machte den Fall im Dezember 2018 publik, nach dem Spiegel-Journalist Juan Moreno die Arbeitsweise des Kollegen massiv angezweifelt hatte. Klusmann setzte daraufhin eine interne Untersuchungskommission ein, um den Vorfall lückenlos aufzuklären.

Jetzt, etwas mehr als fünf Monate später, präsentiert der ehemalige FTD-Chefredakteur die Ergebnisse. Sein Fazit fällt eindeutig aus. „Wir haben uns von Relotius einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist“, betont der neue Spiegel-Chef bei einem Pressegespräch. So seien fast alle im Magazin erschienenen Reportagen von Relotius gefälscht gewesen. Klusmann zieht deshalb Konsequenzen. Er will eine Ombudsstelle schaffen, die Hinweisen auf Ungereimtheiten in Artikeln nachgehen soll.

Umbau des Gesellschaftsressorts

Doch das ist nicht alles. Auch das Gesellschaftsressort wird umgebaut. Wie ist aber noch völlig offen. Dies will der Spiegel-Chef in den nächsten Wochen unter anderem mit den Gesellschaftern besprechen. Die Untersuchungskommission hatte hierfür in ihrem Abschlussbericht bereits Überlegungen zusammengetragen. Darunter ist eine Option, das Ressort aufzulösen und die „Reporter wandern in die Ressorts und schreiben dort ihre Reportagen.” Im Zuge des Umbaus würden die Seiten des Gesellschaftsressorts den übrigen Heftseiten zugeschlagen. Ob dies so kommt, wird sich zeigen.

Generell will Klusmann an der journalistischen Stilform der Reportage festhalten. „Ich halte die journalistische Form der Reportage für essentiell. Sie ist wichtig für den Journalismus und auch für den Spiegel“, betont er. So sollen an ein bis zwei Stellen im Nachrichtenmagazin Reportagen erscheinen. Aber: „Wir wollen den Spiegel künftig auch in der Sache wieder härter, nachrichtenstärker und exklusiver machen“, betont er. Wirtschaftlich habe die Fälschungs-Affäre dem Magazin kaum geschadet. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, erklärt Verlagschef Thomas Hass. Als Grund hierfür nennt er, dass der Spiegel die Öffentlichkeit rechtzeitig und umfassend informiert habe.

Weiterer Fälscher aufgeflogen
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Doch Relotius war kein Einzelfall. Im Rahmen der Aufklärung ist dem Spiegel ein weiterer Vorfall aufgefallen, „in dem eine bewusste Fälschung zweifelsfrei nachgewiesen werde konnte“, heißt es im Abschlussbericht. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Autor des Magazins der Süddeutschen Zeitung, von denen zwei seiner mehr als 40 Texten im Spiegel und Spiegel Online „gravierende Fälschungen“ aufwiesen. Darüber hinaus wurden keine weiteren Fälschungen bekannt.

Auch andere Medien ziehen aus dem Fall Lehren und passen ihre Strukturen an. So schafft die Zeit und Zeit Online für ihre Autoren neue Standards und Regeln. Sie dürfen in Reportagen „dramaturgische Mittel benutzen, um die Wirklichkeit in Szene zu setzen, nicht aber, um die Darstellung der Wirklichkeit zu verfremden“, heißt es. Das ist jedoch nicht alles: Künftig will Chefredakteur Giovanni di Lorenzo regelmäßig stichprobenartig Artikel prüfen lassen, zum einen auf sachliche Richtigkeit, zum anderen auf die Quellen, in begründeten Fällen auch mit Anrufen bei Gesprächspartnern der Recherche.

Spiegel will nicht juristisch vorgehen

Trotz der umfangreichen Fälschungen will der Spiegel-Verlag nicht juristisch gegen Relotius vorgehen – offenbar aus „Fürsorgepflicht“ gegenüber dem ehemaligen Mitarbeiter. Offen ist aber weiterhin, ob dem Reporter eine Anklage droht. Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg auf MEEDIA-Anfrage betont, sind die Ermittlungen gegen den Reporter noch nicht abgeschlossen. Es geht dabei um den Verdacht des Betruges. Auslöser hierfür ist der Umgang des früheren Spiegel-Mannes mit Spendengeldern. So hatte Relotius Geld von Lesern für syrische Waisenkinder eingesammelt, die er in einer seiner Reportagen beschrieb. Doch die Geschichte entpuppte sich als Fake. Der Spiegel berichtete über die mögliche Veruntreuung und erstattete Strafanzeige.

Relotius räumte die darin erhobenen Vorwürfe über seine Anwälte im Wesentlichen ein. Er machte aber geltend, das eingesammelte Geld in Höhe von über 7.000 Euro nicht behalten, sondern sogar auf 9.000 Euro erhöht zu haben. Die Diakonie Katastrophenhilfe, der das Geld zugute kam, hatte den Eingang einer Spende bestätigt. Das Geld sei zeitnah verwendet worden und einem Gemeindezentrum im Nordirak zugute gekommen, das sich um vertriebene Kinder aus dem Irak und Syrien kümmert. Ein Betrugsverdacht könnte jedoch selbst bei Weiterleitung sämtlicher Spenden gegeben sein, sofern der Redakteur die Spender über den tatsächlichen Spendenzweck getäuscht hat, heißt es.

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Alle Kommentare

  1. Sicher ist, dass sich bei den Relotiusmedien überhaupt nichts ändern wird. Die sind weiterhin über die Integrity Initiative das Propagandasprachrohr der NATO und werden unverändert vieles schreiben und erfinden, solange es nicht negativ die Regierung trifft, allein in der Hoffnung, vlt. ist es ja schon Realität, die fettigen Hände in den GEZ Topf stecken zu dürfen

  2. >So seien fast alle im Magazin erschienenen Reportagen von Relotius gefälscht gewesen.

    Fast alle, die Flüchtlings-Geldbörsenfinder Geschichte soll ja nach intensiven Spiegel-Recheren wahr sein, grosses Indianerehrenwort.

  3. “Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.”

    ———–

    Na ja, wie man es nimmt:

    Auf dem linken Auge ist der Spiegel schon seit jeher blind, jetzt ist auch noch das rechte blau – also Weitsicht sieht irgendwie anders aus.

    Das eigentliche Problem ist hier aber garnicht das blaue Auge, sondern das andere:

    Relotius lieferte was erwartet, gewollt und bezahlt wurde.

    Dieser Erwartungshaltung aber lag (und liegt) das politische Weltbild der allermeisten Spiegel-Leute zugrunde und genau das war der Nährboden.

    Daran hat sich doch nichts geändert.

    Auch in Zukunft wird wohl eher nicht der beim Spiegel Karriere
    machen, der differenziert schreibt “was ist”, sondern der, der schreibt, was man sich dort wünscht.

    Das “was ist”, das ist aber in der Realität eben selten ganz schwarz oder weiß, sonder fast immer grau – in allen Schattierungen.

    Ich vermute, solange man beim Spiegel in Zukunft “nur” Sachen weglässt, um zum reinen schwarz oder weiss zu kommen, solange ist auch alles in Ordnung, nur das dazu erfinden, das ist nicht gewollt.

    Es geht aus meiner Sicht also am Ende einzig um die Art und Weise, wie das Ergebnis passend gemacht wird, nicht um das “ob”.

    So sehe ich das jedenfalls.

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