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„Besoffene G’schicht“: die offene Frage nach der Rolle der Medien beim Ibiza-Video

Szene aus dem Ibiza-Video Screenshot: Der Spiegel/SZ

Die Story rund um das Ibiza-Video, das eine ausgewachsene Staatskrise in Österreich ausgelöst hat, schillert in vielen Facetten. Was den Medienaspekt betrifft, sind sehr viele Fragen offen. Die drängendste: Wer hat das Video produziert?

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Räumen wir das Offensichtliche gleich zu Beginn aus dem Weg: Natürlich ist es ganz und gar unmöglich und unwürdig, wie sich der FPÖ-Spitzenpolitiker HC Strache und sein Kompagnon Johann Gudenus in dem Video aufführen. Sich Gedankenspielen hinzugeben, dass eine russische Oligarchin die Kronen-Zeitung kaufen könnte, die dann der FPÖ Wahlkampfhilfe leistet, wofür die Oligarchin dann Staatsaufträge für den Straßenbau erhält – das ist wahrlich eine „besoffene G’schicht“ (Strache), das geht gar nicht. Egal ob und wieviel Alkohol oder andere Substanzen im Spiel waren, Strache ist nach diesem Video politisch komplett erledigt, und zwar zurecht. Ebenso hatte der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) keine andere Wahl, als die Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ aufzukündigen und Neuwahlen anzustreben. Geknirscht hatte es ja schon vor diesem Knall lange und vernehmlich. Das alles steht außer Frage.

Medien, Satiriker, Aktivisten?

Was aber höchst fraglich ist, ist welche Rolle Medien, Aktivisten und Satiriker in der Geschichte gespielt haben.

Das Video stammt aus dem Jahr 2017 und wurde vor der jüngsten Nationalratswahl in Österreich gedreht. Strache war damals noch nicht Vizekanzler. Wie die FAZ schreibt, soll das Video ein Jahr lang in „informierten Kreisen“ herumgegeistert sein. Spiegel und Süddeutsche Zeitung, die das Material öffentlich gemacht haben, erklärten, von dem Video seit einigen Monaten zu wissen und es rund eine Woche vor der Veröffentlichung erhalten zu haben.

Bestätigt ist auch, dass der ZDF-Komiker Jan Böhmermann bereits im April das Video kannte, zumindest dessen Inhalt. Eine Person aus seinem Umfeld soll informiert gewesen sein. Es wird viel geraunt in dieser Geschichte. In einer Video-Grußbotschaft anlässlich der Verleihung des österreichischen Fernsehpreises Romy sagte Böhmermann, dass er den Preis gerade nicht persönlich entgegennehmen könne, da er „gerade ziemlich zugekokst und Red-Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchen-Villa auf Ibiza rumhänge.“

Damals wurde noch gelacht. Zumindest bei einigen. Böhmermanns Manager hat gegenüber der dpa bestätigt, dass der das Video kannte, es sei ihm aber nicht „angeboten“ worden, also habe er es auch nicht „ablehnen“ können. Das bezieht sich auf die Aussage der SZ-Redakteurin Leila Al-Serori, Böhmermann sei das Video angeboten worden, er habe die Sache aber nicht weiter verfolgt.

Böhmermann selbst lässt bislang nichts Konkretes verlauten. Am vergangenen Donnerstag erklärte er in einem Begleitvideo zu seiner Sendung „Neo Magazin Royale“, dass gut sein könne, dass Österreich brenne. Das deutet darauf hin, dass er auch über den Zeitpunkt der Veröffentlichung im Bilde war.

Böhmermanns Sender ZDF ist weniger nah dran und ließ mitteilen, dass man senderseitig nichts von dem Video wusste und das Video auch nicht in Zusammenhang mit einer Produktion des ZDF stehe. Soll wohl heißen, dass in der kommenden Ausgabe des „Neo Magazin Royale“ keine große Making-of-Show zu erwarten ist. Böhmermann heizte die Spekulationen weiter an, indem er kryptisch-vielsagend das olle Musikvideo „We’re going to Ibiza“ der Venga Boys twitterte.

Seine Fans applaudierten ihm für den gelungenen Coup, der vielleicht gar nicht seiner ist. Auf Twitter kündigte Böhmermann aktuell an, für diese Woche „ein Special“ vorbereitet zuhaben. Es bleibt spannend.

Zentrum für politische Schönheit

Dann ist da das Zentrum für politische Schönheit. Die Künstler-Aktivisten-Truppe, die schonmal vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal nachbaute, geriet auch in Verdacht, hinter dem Video zu stecken. Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil berichtete zuerst davon, dass es eine Verbindung des Ibiza-Videos zum Zentrum geben könne. Angeblich wolle sich die Gruppe erst dann zu dem Video äußern, wenn es zu einem Rücktritt von FPÖ-Innenminister Herbert Kickl kommen sollte. Ein Sprecher des Zentrums hat aber dementiert, dass die Künstlergruppe etwas mit dem Video zu tun hat.

Informiert war das Zentrum aber offenbar, genau wie Böhmermann. Kurz vor der Veröffentlichung des Videos wurde der Twitter-Account @Kurzschluss14 eröffnet, der Teile des Materials veröffentlichte. Das Zentrum für politische Schönheit soll der erste Follower des Kurzschluss14-Account gewesen sein und hat den Account auch promoted, noch bevor die Medien die Story veröffentlichten. Mittlerweile hat der Account knapp 12.000 Follower. Es bleibt verwirrend.

Rolle der Medien

Welche Rolle spielen nun die beiden tonangebenden Medien, Spiegel und Süddeutsche Zeitung? Die SZ soll das Material zuerst erhalten haben, wenig später der Spiegel. Beide Medien hätten sich dann entschlossen, zusammenzuarbeiten. SZ und Spiegel haben FAQs und Making-of-Videos auf ihre Seiten gestellt, die die drängendsten Fragen freilich nicht beantworten. Sehr vieles bleibt diffus und ungeklärt. Bastian Obermayer von der SZ schildert in einem „Werkstatt“-Video, eine Daten-Übergabe wie „aus einem schlechten Film“, wie er selbst sagt. Die Reporter seien an einen drei Stunden entfernten Ort gelotst worden. Von einer Tankstelle sei man zu einem verlassenen Hotel geführt worden, wo die Übergabe stattfand. Endgültig habe man das Material vor einer Woche in der Hand gehabt, so Obermayer. Somit hätten die Medien also möglicherweise später als Böhmermann das Video gesichtet. Dann habe man mit Hilfe von Daten-Forensikern die Echtheit des Videos geprüft und es schließlich veröffentlicht.

Die Echtheit der Aufnahmen steht außer Frage, auch Strache und Gudenus bestreiten dies nicht. Die Frage ist: Wer fertigte die Aufnahmen 2017 an und warum?

Das Warum ist leicht zu beantworten: Man wollte den beiden FPÖ-Politikern eine Falle stellen und beide sind kopfüber reingesprungen und haben sich noch darin gesuhlt. Den Machern muss die Sprengkraft ihrer Aufnahmen klar gewesen sein. Hätten sie das Video schon damals veröffentlicht, hätte das massive Auswirkungen auf die Nationalratswahl in Österreich gehabt. Strache wäre vermutlich nicht Vizekanzler geworden.

Kompromat

Man entschied sich aber dafür, das Material zurückzuhalten und es nun knapp vor der Europawahl den Medien zuzuspielen. Offensichtlich wollen die Macher mit der gezielten Streuung des Kompromats die EU-Wahl zu Ungunsten der Rechtspopulisten im Allgemeinen und der FPÖ im Speziellen beeinflussen. Dass bei Spiegel und SZ ein erstaunlich geringes Problembewusstsein dafür zu herrschen scheint, dass man hier auch instrumentalisiert wird, ist nicht ganz neu. Man darf nicht vergessen, dass es einen Unterschied macht, ob eine Redaktion selbst mit versteckter Kamera jemanden überführt (wie beispielsweise der britische Channel 4 den früheren Cambridge Analytica-Chef Alexander Nix) oder ob eine Redaktion Material von unbekannter Herkunft zugespielt bekommt., wie hier.

Der Spiegel-Redakteur Wolf Wiedmann-Schmidt sagte der dpa, die Aufnahmen seien nicht gezielt kurz vor der Europawahl veröffentlicht worden: „Wir haben das Video im Laufe des Monats bekommen und ausgewertet. Und als wir uns dann sicher waren, dass es authentisch und echt ist, haben wir gesagt: Dann publizieren wir das Video.“ Klar, Spiegel und SZ haben das nicht absichtlich vor der Wahl platziert, ihre Quelle aber ja offensichtlich schon. Alles andere ergibt ja schlicht keinen Sinn.

Ist es überhaupt legal und medienethisch in Ordnung, Leute bei einem privaten Saufgelage und Quatschreden zu filmen und das dann zu veröffentlichen? Das ist eine Frage, die sich bei solchem Material immer stellt. Das öffentliche Interesse steht hier außer Frage. Ob es OK war, die Aufnahmen überhaupt anzufertigen, steht unter Umständen auf einem anderen Blatt. Die Art und Weise, wie dieses Material angefertigt wurde, ist trotzdem beunruhigend. Es handelt sich um klassisches Kompromat: belastendes Material, geplant hergestellt mit verdeckten Mitteln und zurückgehalten mit dem Ziel, es zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem größtmöglichem Effekt einzusetzen. Russischen Geheimdiensten soll dieses Vorgehen nicht ganz fremd sein. Wenn Kompromat „die Falschen“ trifft, etwa Hillary Clinton im US-Wahlkampf, als Wikileaks die vertraulichen Mails ihrer Partei offengelegt hat, ist das Geschrei groß. In diesem Fall, wenn „die Richtigen“ nach allen Regeln der Kunst reingelegt werden, gibt es Applaus. Investigativ-Legende Günter Wallraff bezeichnete das Video als „gelungenen Coup“. Das ist es ohne Zweifel. Die Frage ist: für wen?

Update: SZ-Chefredakteur Kurt Kister hat in dem Artikel „Und was geht das jetzt ‚die deutsche Presse‘ an?“ die Frage nach der Rolle der Medien zumindest in Teilen diskutiert.

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