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Claas Relotius: Volker Lilienthal und Studierende entdecken Ungereimtheiten in FTD-Texten des Ex-Spiegel-Reporters

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Ende Mai möchte der Spiegel die Ergebnisse einer internen Untersuchungskommission im Fall Claas Relotius präsentieren. Nun hat ein Team um Journalismusprofessor Volker Lilienthal weitere Ungereimtheiten in Texten des 33-Jährigen gefunden, die er in der Financial Times Deutschland (FTD) publiziert hat. Die ausführliche Dokumentation zeichnet das Bild eines Mannes, der schon als Student mit dem "Tricksen" begonnen hat.

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Die Enthüllungen um den Ex-Spiegel-Redakteur Claas Relotius hat die Branche Ende 2018 tief erschüttert. Neben dem Hamburger Nachrichtenmagazin hatten zahlreiche weitere namhafte Medien (Zeit Online, NZZ am Sonntag, SZ-Magazin etc.) Artikel des heute 33-Jährigen veröffentlicht. Überprüfungen seiner Reportagen und Interviews ergaben diverse Ungereimtheiten und Fälschungen. In der Folge hatten die betroffenen Redaktionen erste Konsequenzen für die Arbeitsabläufe angekündigt.

Zehn FTD-Beiträge von Studierenden geprüft

Bislang ungeprüft blieben die zehn Stücke, die Relotius zwischen August 2010 und April 2012 für die FTD geschrieben hat. Chefredakteur von 2004 bis zum Ende im Dezember 2012 war Steffen Klusmann, der seit kurzem die gleiche Position beim Spiegel inne hat. Eine Redaktion des ehemals zu Gruner + Jahr gehörenden Mediums, die das hätte aufarbeiten können, gibt es nicht mehr – die FTD gibt es bekanntlich nicht mehr. Der Verlag kümmerte sich nicht darum.

Dieser Aufgabe haben sich nun Journalistik-Studierende der Universität Hamburg angenommen. Im Rahmen des Masterkurses “Recherche II” haben die Studentinnen und Studenten unter der Leitung von Journalismusprofessor Volker Lilienthal das Fact-Checking der in der Datenbank Genios zugänglichen Texte übernommen. Laut Lilienthal widerlegten die Ergebnisse “eine wiederholt aufgestellte These”, nämlich die, dass der seit 2017 beim Spiegel arbeitende Relotius dem dortigen Leistungsdruck genügen wollte und zahlreiche Journalistenpreise falsche Anreize gesetzt hätten.

“Schädliche Neigungen” schon früh entwickelt

Stattdessen zeichnet die Dokumentation das Bild eines Jungreporters – und bis Ende 2011 auch Masterstudenten der Hamburg Media School – der schon zu Beginn seiner Karriere “schädliche Neigungen” entwickelte. “Er recherchierte seine Fakten nicht immer sorgfältig, er kupferte manchmal bei anderen ab, und er hübschte seine Storys gelegentlich auf, indem er Vor-Ort-Sein suggerierte und mutmaßlich auch Zudichtungen vornahm”, heißt es in dem Bericht.

Erschienen sind die Artikel im damaligen Agenda-Teil der FTD, wo neben Themen rund um Sport oder Kultur auch Reportagen, Kommentare und Analysen abgedruckt wurden. Meist in 2er- oder 3er-Teams haben sich die Studierenden den einzelnen Texten von Relotius in ausführlichen Fakten-Checks angenommen, dabei Zitate, Besucher- und Ortsangaben, Prozentzahlen und weitere Details unter die Lupe genommen.

Ein durchgängiges Muster stellt das Team in den zehn untersuchten Artikeln fest: “Sie zeigen ein Verfahren, das schon der frühe Relotius karriereförderlich praktizierte: Attraktive Plot-Elemente seiner Stories (…) fand er bei anderen. Er komplettierte diese Vorlagen zum einen mit Fakten, die er nicht immer akurat recherchierte und verarbeitete, und zum anderen mit Zudichtungen, die die Geschichten offenbar nochmals aufhübschen sollten.”

Ehemalige FTD-Redakteure zeigten sich auf Anfrage von Lilienthal überrascht. Viele konnten sich gar nicht an den Namen Claas Relotius erinnern. Auch ob die Informationen des jungen Reporters je hinterfragt wurden, konnte niemand der sechs Befragten beantworten. Verwundert zeigten sie sich auch, dass sich bislang niemand dieses Falles angenommen hatte.

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Fehlende Sorgfalt bei einem NDR-Film?

Bislang unbekannt war zudem, dass Relotius im Rahmen seiner Abschlussarbeit im Studiengang “Master of Arts in Journalism” einen Film mit einer Co-Autorin produzierte, der dann im NDR-Auslandsmagazin “Weltbilder” lief. Darin geht es um in Spanien gestrandete Schwarzafrikaner. Inhaltlich gibt es daran nichts auszusetzen. Kritisch sieht Lilienthal allerdings, dass das Stück im Sommer 2011 entstanden ist, dann aber erst am 24. Juli 2012 gesendet wurde.

“Gilt die Qualitätsnorm ‘Aktualität’ nicht gerade im Fernsehen?”, fragt er.

Der NDR, so heißt es in dem Bericht, sehe darin kein größeres Problem. “Die Problematik der afrikanischen Arbeitsmigranten in Spanien war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den ‘Weltbildern’ thematisiert worden, das wird vermutlich die Grundlage für die Entscheidung zum Ankauf gewesen sein.“ Details gebe es nicht, da der E-Mail-Verkehr nicht mehr vorliege. Gleichwohl räumt der Sender ein, dass ein transparenter Vorgang gewesen wäre, wenn in der Moderation ein Hinweis auf die Masterarbeit und den Zeitpunkt des Drehs erfolgt wäre.

Die gesamte Dokumentation finden Sie hier.

Eine Analyse der bisherigen Ermittlungen im Fall Relotius (Stand: März 2019) findet sich beim Branchenmagazin journalist.

tb

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Alle Kommentare

  1. LOL. Relotius ist ein Journalist, wie jeder im ÖR und in den gelenkten Medien. Wer sich noch offen zugibt Journalist zu sein, gesteht sich ein opportunistischer Lügner für Geld zu sein. Freie Autoren und Blogger. Die publizieren die Medien und Recherchen die mündige Bürger sehen. Der Rest schaut eben betreut.
    Wenn CNN von Leuten wie Tim Pool abgehängt wird, und der jetzt sein eigenes Mediennetzwerk aufbaut, ist es nur eine Frage der zeit, bis die Altmedien insolvenz anmelden können. Privates Geld stecken nur noch die dummen da rein.

  2. … und mit Preisen überhauft worden.

    Was diese Journalistenpreise wert sind, zeigt sich an Herrn Relotius anschaulich.

    NICHTS!

  3. Mit diesen Methoden hätte er es beim NDR eigentlich ganz nach oben bringen müssen.

  4. “Laut Lilienthal widerlegten die Ergebnisse “eine wiederholt aufgestellte These”, nämlich die, dass der seit 2017 beim Spiegel arbeitende Relotius dem dortigen Leistungsdruck genügen wollte und zahlreiche Journalistenpreise falsche Anreize gesetzt hätten.”

    ————

    Also früher nannte man sowas Persilschein. Das ist also des Pudels Kern, deshalb hat er es gemacht.

    Ein bedauernswerter Einzelfall, passiert eben mal. Der Mann war halt von Anfang an und von Grund auf schlecht, schon in seiner frühen Zeit, die Inkarnation des Bösen an sich sozusagen.

    Damit ist der Spiegel dann aus dem Schneider.

    Druck und vorauseilenden Gehorsam, hinsichtlich dessen, was politisch gewollt war und gedruckt (= bezahlt) wurde, hat es nicht gegeben.

    Die Welt in der Wagenburg ist also wieder in Ordnung.

    Jetzt aber wirklich mal im ernst:

    Das Herr Lilienthal sich die Arbeit gemacht hat im Gerümpel, der längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen FTD zu wühlen, das ist nicht verkehrt.

    Das er dann bewiesen hat, dass wer sucht, meistens auch irgendwann findet, ebenfalls nicht.

    Aber die Schlußfolgerung, die er dann daraus zieht und die im oben zitierten Satz gipfelt, die ist hahnebüchen und vor allem taugen seine Ergebnisse auch nicht dazu, diese zu untermauern.

    Alles was Lilienthal wirklich bewiesen hat ist, dass Relotius nicht erst beim Spiegel durch Druck und falsche Anreize einer Erwartungshaltung entsprechen wollte (und dann ja auch entsprochen hat) die sich dann für ihn sowohl karrieremäßig, als auch in klingender Münze ausgezahlt hat.

    Das ist alles, mehr geben die Ergebnisse nicht her.

    Vor allen Dingen eben keinen Persilschein für den Spiegel und Co., einschließlich der entschlafenen FTD.

  5. Alle gleich hier zu lande – Print, TV…Lügen und betrügen ! Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Danke. Das reicht.

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