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Marietta Slomka bei der Relevanz-Debatte der re:publica: „Wir Medien profitieren von der Polarisierung”

Diskutierten auf der re:publica: die Digitaljournalistin Vanessa Vu, ZDF-Journalistin Marietta Slomka, Falter-Chefredakteur Florian Klenk und Monitor-Redaktionsleiter Georg Restle (v.l.)
Diskutierten auf der re:publica: die Digitaljournalistin Vanessa Vu, ZDF-Journalistin Marietta Slomka, Falter-Chefredakteur Florian Klenk und Monitor-Redaktionsleiter Georg Restle (v.l.)

Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung, Fake News und verfälschte Debatten: Im Zeitalter von sozialen Netzwerken wird es für Journalisten immer schwieriger, relevante Themen zu erkennen, ohne auf Populisten oder Social-Bots hereinzufallen. Wie sollen sie damit umgehen? Darüber diskutierten auf der re:publica "Monitor"-Redaktionsleiter Georg Restle, ZDF-Journalistin Marietta Slomka, Falter-Chefredakteur Florian Klenk und die Digitaljournalistin Vanessa Vu.

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Online-Debatten lassen sich allzu oft auf eine einfache Formel bringen: Relevant ist nicht länger, was viele betrifft, sondern worüber viel gepostet wird. Populisten wie Donald Trump oder führende Köpfe der AfD nutzen diese Wirkungsmacht der sozialen Netzwerke. Sie lenken den Fokus auf Geschichten, die ihnen dienen – zum Teil mit Hilfe von automatisierten Bots, die Klickzahlen künstlich in die Höhe treiben. Journalisten werden in diesem System zu Getriebenen. Themen, die in sozialen Netzwerken nicht sichtbar sind, geraten in Gefahr, an Bedeutung zu verlieren. Oder doch nicht?

Darüber diskutieren der Redaktionsleiter von „Monitor“, Georg Restle, die „Heute Journal“-Moderatorin Marietta Slomka, der Falter-Chefredakteur Florian Klenk und Digitaljournalistin Vanessa Vu auf der re:publica in Berlin. Ihre Leitfrage: Wie schaffen es Journalisten, sich dem digitalen Mainstream zu entziehen und nicht auf die Meinungsmache von Populisten hereinzufallen?

“Viele Kollegen überlegen sich dreimal, welche Themen sie recherchieren”

Zu Beginn der Diskussion schauten die Teilnehmer in ein Land, in dem die Themensetzung mittlerweile maßgeblich von Populisten übernommen wird: nach Österreich. Die in der Regierung sitzende FPÖ fällt immer wieder mit Angriffen auf die Medien auf. Gerade erst sah sich etwa der ORF-Moderator Armin Wolf mit Attacken der FPÖ konfrontiert – weil er in einem Interview ein Flugblatt der Jugendorganisation der Partei mit einem Bild aus der Nazi-Zeit verglich.

Florian Klenk, der Chefredakteur des Wiener Stadtmagazins Falter, beobachtet diese Entwicklung schon länger. Er ist besorgt: „Viele Kollegen überlegen sich mittlerweile dreimal, welche Themen sie recherchieren“, erzählt er auf der Bühne. Die Attacken und die „hochprofessionelle“ Medienarbeit der Regierung hätten über die Jahre hinweg die Arbeit der Journalisten in Österreich beeinflusst.

Immer wieder komme es vor, dass Politiker mit ihren Reichweiten in sozialen Netzwerken aktiv Themen setzen können. Der Kanzler Sebastian Kurz und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hätten mit 800.000 Followern einen enormen Einfluss. Hinzu kommt, was Klenk das “Medienimperium der Rechten” nennt: Mit eigenen Publikationen und Fernsehsendern, wie FPÖ TV, täusche die Politik seriöse Nachrichten vor. Dadurch werde Relevanz imitiert.

Medien in Österreich steigen auf diese Masche viel zu oft ein, so Klenk mit Sorge. Wer dagegen kritisch berichtet, werde öffentlich diskreditiert. Qualitätsmedien würden Anzeigen der Regierung gestrichen, beim öffentlichen Rundfunk die Abschaffung der Gebühren diskutiert. „Auf diese Weise wird ein öffentlicher Diskurs über Relevanz erstickt“, so Klenk weiter.

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Slomka: „Wir als Medien profitieren von dieser Polarisierung”

In Deutschland ist ein solches Agenda Setting weniger verbreitet. Dennoch gibt es auch hier Tendenzen, die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen. „Wir erliegen zunehmend den Kampagnen im Netz“, behauptet Restle, der die Veranstaltung auf der re:publica organisiert hat. Dadurch verstärken sich Debatten künstlich, die nach alten Kriterien womöglich weniger stark diskutiert geworden wären. Besonders heikel: das Thema Flüchtlinge. Restle: „Wir haben in den vergangenen Jahren relativ viel über Islamisierung und Ausländerkriminalität gesprochen, obwohl uns die Themen direkt weniger betreffen als etwa Steuerthemen“. Er fügt an: „Und obwohl heute noch immer Menschen im Mittelmeer sterben, berichten wir heute darüber weniger als früher“.

Die ZDF-Journalistin Slomka sieht sich weniger als Getriebene der Kampagnen. “Wir schauen in unseren Konferenzen nicht, welche Themen online besonders stark diskutiert werden”, betont sie auf der Bühne. Wobei sie sich eingesteht: „Relevant kann auch das sein, worüber viele reden“. Es sei jedoch Aufgabe von Journalisten, Emotionalisierungen von Populisten zu erkennen und einzuordnen. Gerade das sieht die Fernsehjournalistin als große Chance: „Wir als Medien profitieren von dieser Polarisierung“. Das sehe man an der New York Times, die in den USA trotz Trumps Anfeindungen enorm an Auflage gewinnen konnte. Auch beim “Heute Journal” wachse die Reichweite stetig. Der Wunsch nach Orientierung sei größer denn je, so Slomka. Das Publikum sehne sich nach Einordnungen von Themen, die es im Netz liest.

Werteorientiertes Relevanzkriterium

Dennoch bestreitet niemand in der Runde, dass es in Zeiten von Populismus und sozialen Medien schwieriger geworden ist, Relevanz zu erkennen und zu erzeugen. Es gebe keine allgemeinen Kriterien, nach denen Journalisten Themen gewichten sollten. Slomka macht das am Beispiel der Pariser Kathedrale Notre Dame fest, die im vergangenen Monat in Flammen stand. Zwar seien dabei keine Menschen umgekommen, dennoch sei es eben nicht irgendein Gebäude, das da brannte. Gerade öffentlich-rechtliche Medien wurden in diesem Kontext kritisiert, weil sie nicht live aus Paris berichteten.

Nach welchen Kriterien sich Journalisten richten sollten, sei daher nicht einheitlich zu beantworten. Auch die Diskussionsrunde fand keinen abschließenden Vorschlag. Die anwesende Zeit-Online-Journalistin Vanessa Vu findet ein werteorientiertes Relevanzkriterium nicht schlecht: Journalisten sollten sich an der Vorstellung orientieren, in welcher Welt sie leben möchten. Antirassismus, Freiheitlichkeit oder europäische Integration seien solche Werte. Über Masse alleine könne man nicht definieren, was wichtig ist, war sich die Runde sicher.

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