Anzeige

Der Anti-AfD-Tweet von Sawsan Chebli und das Schweigen von Twitter – US-Plattformen müssen endlich mit uns reden!

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli

Wieder mal viel Aufregung um wenig? Nicht ganz! Dass das Twitter-Konto der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) kurzzeitig gesperrt war, könnte man als Petitesse abheften, wenn die Geschichte nicht ein Schlaglicht auf die fortgesetzte Unfähigkeit der US-Plattformen zur Kommunikation werfen würde. Es wird höchste Zeit, dass vor allem Twitter in Deutschland sprechfähig wird. Ein Kommentar.

Anzeige

Ausgangspunkt für den Tweet des Anstoßes war die Meldung von vergangener Woche, dass „Mohammed“ 2018 der beliebteste Erstname für Neugeborene war. Die AfD instrumentalisierte und verdrehte die Meldung u.a. dadurch dass sie aus „Erstname“ „Vorname“ machte und Angst vor einer Islamisierung schürte (zur Einordnung der Debatte um den Erstnamen Mohammed siehe diesen Beitrag). Sawsan Chebli reagierte in der ihr eigenen Art durchaus provozierend, indem sie eine Social-Media-Kachel der AfD teilte und aufzählte, wer in ihrer Familie alles Mohammed heißt:

Dieser Tweet, der mittlerweile wieder von Twitter freigeschaltet wurde, war offenbar der Anlass, dass Cheblis Twitter-Account kurzzeitig gesperrt wurde. Angeblich wegen einer Beschwerde, die sich auf eine recht neue „Richtlinie zur Integrität von Wahlen“ bezog, die Twitter im April 2019 in Kraft setzte. Aber: Warum Cheblis Tweet (über dessen Sinnhaftigkeit man durchaus streiten kann) gegen diese Richtlinie verstoßen soll – diese Erklärung bleibt Twitter schuldig. Die Richtlinie besagt u.a., dass über Twitter keine Falschinformationen zu Wahlverfahren, zum Ort einer Wahl oder zu Art und Weise von Abstimmungsverfahren gemacht werden dürfen. Auch dürfen Wähler über Twitter nicht eingeschüchtert werden. Das ist sinnvoll und richtig, trifft aber offensichtlich in keiner Weise auf den Chebli-Tweet zu. Auch ansonsten findet sich in der Richtlinie nichts, was die Löschung von Cheblis Tweet auch nur ansatzweise rechtfertigen könnte. Gegenüber der dpa sagte die SPD-Politikerin zu recht: „Immer wieder lege ich, so wie viele andere bei Twitter, Beschwerde gegen Tweets ein, die rassistisch, hetzerisch und persönlich bedrohlich sind für mich und für andere. Es passiert nichts. Mein Tweet verstößt gegen nichts.“

Statt sich zu erklären oder schlicht einen Fehler einzuräumen, lässt das US-Unternehmen nun tagelang Spekulationen ins Kraut schießen. Hat die Sperrung des Chebli-Account etwas mit dem Netzwerdurchetzungsgesetz zu tun? Nein. Warum wurde der Account nun konkret gesperrt? Keine Ahnung! Wie prüft Twitter mögliche Verstöße gegen die neue Richtlinie? Man weiß es nicht. Anfragen von Medien an Twitter oder die betreuende PR-Agentur bleiben lange unbeantwortet. Die Erfahrung lehrt zudem, dass wenn dann doch irgendwann eine Antwort kommt, die eine PR-Agentur hierzulande übersetzt weiterreichen darf, normalerweise nichts drinsteht außer wolkigem Blabla. Etwas im Sinne von: Twitter ist stets bemüht, die Plattform sauber zu halten, blabla, tun alles mögliche, damit blabla, schöne Grüße. Danke für nichts.

Man kennt solche Nicht-Antworten auch von Facebook und Google. Diese beiden Unternehmen sind professioneller unterwegs als Twitter. Sie haben immerhin bekannte Ansprechpartner, die in der Regel auch zeitnah reagieren. Dass jemals von einer dieser Firmen aber eine substanzielle Antwort zu einem Thema gekommen wäre, die über allgemeine Phrasen-Drescherei hinausgeht, ist zumindest mir nicht bekannt.

Das sollte sich ändern!

Facebook, Google und Twitter bräuchten ganz altmodische Pressesprecher, die auch ein Mandat haben, tatsächlich etwas zu sagen, ohne vorher in den USA Rücksprache zu halten. Ein guter Sprecher spricht für ein Unternehmen, kann Entscheidungen des Unternehmens interpretieren und erklären. Was derzeit von den IT-Plattformen kommt, sind PR-Stanzen, wie von  Sprech-Robotern.

Mag sein, dass die kurze Sperrung des Chebli-Accounts eine Fehlentscheidung war. Aber Twitter sollte erkennen, dass es für berechtigte Irritationen sorgt, wenn das Konto einer prominenten Politikerin in Deutschland ohne Angabe von Gründen einfach mal so dichtgemacht wird. So etwas ist erklärungsbedürftig! So lange ein Unternehmen, dessen einziger Sinn und Zweck es ist Kommunikation zu ermöglichen und zu organisieren, selbst nicht kommuniziert, bleiben Aussagen, dass man sich „verantwortlich“ fühlt, „die Integrität dieser Unterhaltungen vor Beeinträchtigungen und Manipulationen zu schützen“,  nichts weiter als Lippenbekenntnisse.

Anzeige