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Ideen und Input vom “Wirtschaftsrat” der Leser: So nutzen Die Zeit und andere Medien die Expertise ihrer Zielgruppen

Das Produkt im Austausch mit den Nutzern verbessern und bereichern: Immer mehr Redaktionen setzen auf die Schwarmintelligenz der Leser
Das Produkt im Austausch mit den Nutzern verbessern und bereichern: Immer mehr Redaktionen setzen auf die Schwarmintelligenz der Leser ©unsplash/Headway/ Montage: MEEDIA

Wer sein journalistisches Produkt verbessern möchte, sollte wissen, was die Zielgruppe will. Getreu diesem Motto hat das Wirtschaftsressort der Zeit vor sechs Monaten einen zwölfköpfigen Wirtschaftsrat gestartet, der die Redaktion unterstützen soll. Auch digitale Medien versuchen verstärkt, mit ihren Nutzern zu kooperieren und eine Art offenen Journalismus zu liefern.

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Der ein oder andere regelmäßige Zeit-Leser wird es vielleicht schon bemerkt haben. Seit Oktober 2018 sind im Wirtschaftsressort des in Hamburg ansässigen Mediums ab und an Artikel zu finden, die nicht von ausgebildeten Journalisten verfasst worden sind.

Denn seit einem halben Jahr arbeitet die Redaktion mit einem Dutzend Lesern, dem Wirtschaftsrat, zusammen. “Wann immer einzelne Mitglieder Einfluss nehmen, sei es, weil sie einen Impuls gaben oder Redakteure sie fragten, wird das Logo des Rates darauf aufmerksam machen”, heißt es in der Ankündigung. Hinzu kommen Zitate, kurze Interviews, Protokolle. Erst Anfang April durften vier Mitglieder sich dazu äußern, wie Frauen im Beruf diskriminiert werden. Die Redaktion räumt seinen externen Autoren dann bis zu einer Seite im Blatt frei.

“Der Rat geht zurück auf zwei Motivationen“, sagt Uwe Jean Heuser, Wirtschaftsressortleiter der Zeit, im Gespräch. “Die eine ist, dass wir das Gefühl hatten, im Wirtschaftsteil nur einen Ausschnitt aller Perspektiven und Erfahrungen in der deutschen Wirtschaft präsent zu haben.” Hier wollte das Team den Blick weiten und neben unterschiedlichen politischen Richtungen, auch Dimensionen wie städtisch und ländlich, arm und reich, unternehmerisch und abhängig beschäftigt ausleuchten.

“Wie ein spannendes Soziologiebuch”

Den anderen Grund versieht Heuser mit dem Label “Moderne Formen des digitalen Journalismus”. Er erklärt: “Dazu gehört, dass wir in einen strukturierten Austausch mit Lesern treten und das dann auch publizistisch kenntlich machen.” Im Frühling 2018 hat das Blatt zusammen mit der Initiative “Freunde der Zeit” – einem Programm für Abonnenten – einen Aufruf in der Zeitung und den Online-Kanälen gestartet. Etwas mehr als 2500 Nutzer sind diesem bis Bewerbungsschluss gefolgt.

“Plötzlich hatten wir einen wahren Schatz an Erzählungen und Erfahrungen, weil es neben Ankreuzfragen auch offen gestellte Fragen gab, die viele ausgiebig beantwortet haben.” Zusammen lasen sie sich “wie ein spannendes Soziologiebuch”, beschreibt der Journalist. Im Oktober stellte die Zeit ihren zwölf Räte vor, darunter eine Hausfrau aus Baden-Württemberg Anfang 40, ein junger Student für Maschinenwesen, eine selbständige Psychologin aus Potsdam und eine Finanzanalystin mit Wohnsitz in London, Likki-Lee Pitzen.

Sie arbeitet bei einer Investmentbank, die sich für nachhaltige Projekte in Entwicklungsländern einsetzt. In ihrem Job erfährt sie viele wirtschaftliche Hintergründe und besucht häufig Konferenzen. “Ich hatte enorm viele Informationen, die ich aber nicht direkt verwenden konnte”, erzählt Pitzen im Interview über ihre Motivation. Denn das, was sie den Klienten liefere, sei etwas anderes. Als sie dann den Aufruf von der Zeit sah, sagte sie sich: “Es könnte für das Wirtschaftsressort gut passen, wenn die Informationen woanders genutzt werden können.”

Wöchentliche Blattkritik und Themenvorschläge

Konkret zu bemängeln hatte sie bis dato an dem Wochenblatt zwar nichts. “Man sucht sich die Zeitung ja aus, weil die positiven Gründe überwiegen”, wirft sie ein. Es sei aber so gewesen, dass sie Themen im Wirtschaftsressort besonders interessant fand, allerdings hätte sie dazu gerne noch mehr lesen wollen. “2017 war die CumEx-Geschichte eine wirklich große Sache und da haben sich einige gefragt, was kommt nun? Gibt es politische Veränderungen? Als Journalist hat man wahrscheinlich immer so viele Infos, die auf einen einprasseln. Aber wenn der Leser sagt, dass er sich noch immer dafür interessiert, ist das vielleicht eine gute Motivation, wieder darüber zu berichten”, sagt Pitzen.

Neben den Themenvorschlägen und den Beiträgen liefern die Mitglieder zudem eine wöchentliche Blattkritik ab. Um die Koordination kümmert sich die freie Journalistin Katharina Heckendorf. Sie fungiert als Schnittstelle zwischen Wirtschaftsressort und Rat. Vor allem die Ausführlichkeit der Blattkritik habe sie überrascht, erzählt sie. “Unsere Räte sehen sie als sie intellektuelle Herausforderung und möchten auf diese Weise etwas bewegen.”

Aus ihrer Sicht und auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen sei das direkte Leser-Feedback wichtig. “Kritisiert wird im ersten Moment keiner gerne”, sagt Heckendorf. “Die Redakteure merken, dass es die eigene Arbeit weiterbringt.“

“Mehr Glaubwürdigkeit für den Journalismus”
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Aktive Lesereinbindung wird in der Branche immer wichtiger. Schon seit Langem sind die klassischen Stammtische bei Blättern wie der Bild oder der Märkischen Allgemeinen Zeitung ein gängiges Mittel. Mehr und mehr geht die Entwicklung dahin, dass die Zielgruppe als ein aktiver Teil der Redaktion gesehen wird, der mitbestimmen kann, wie und worüber berichtet wird. Das Nachrichtenportal T-Online.de stellt derzeit einen Leserbeirat zusammen, mit dem es sich künftig über die redaktionelle Arbeit austauschen will.

Die erst Anfang April gestartete Plattform Tortoise (deutsch: Landschildkröte) lädt ihre Nutzer direkt in die Redaktion ein. Auf kurze Nachrichten und Eilmeldungen möchte das britische Startup verzichten, stattdessen Hintergrundstücke zu zeitlosen Themen bereitstellen. Slow Journalismus nennt sich das. Auf lange Sicht soll die Finanzierung über Mitglieder gewährleistet werden, die knapp 300 Euro jährlich für das Angebot zahlen.

ThinkIns mit Journalisten, Mitgliedern und Experten

Dadurch erhalten die Nutzer die Gelegenheit an den sogenannten ThinkIns teilzunehmen. “Ein ThinkIn ist eine Redaktionskonferenz, die normalerweise in einem Newsroom ausschließlich mit Journalisten stattfinden würde. Wir öffnen diese und laden unsere Mitglieder und andere Experten ein, sich an der Diskussion zu beteiligen”, sagt Tortoise-Gründerin Katie Vanneck-Smith gegenüber dem Deutschlandfunk.

Diese offenen Konferenzen stünden im Mittelpunkt der journalistischen Idee. “Wir glauben, dass wir vor der Veröffentlichung eines Artikels möglichst viele Standpunkte und Expertenmeinungen sowie möglichst viele Erfahrungen hören sollten, damit wir besser Bescheid wissen.“ Etwa 40 Menschen kommen fast jeden Abend in die Redaktionsräume in London, auch über digitale Kanäle wird mitdiskutiert. Die einzige Regel: keine Fragen. Die Teilnehmer sollen ausdrücklich nur ihre Erfahrungen und Ideen mitteilen.

Redaktionskonferenzen mit den Mitgliedern des Wirtschaftsrats wird es wohl nicht geben. Dafür sind die Räte zu weit verteilt, von London über ganz Deutschland bis in die Schweiz. Die Idee offener Redaktionskonferenzen findet Ressortleiter Uwe Jean Heuser prinzipiell gut, “wenn das neue Ideen für den Qualitätsjournalismus generiert”.

Kontakte nützlich für Umfragen und Reportagen

Heuser sieht in Leser-Redaktions-Projekten ebenfalls eine Möglichkeit, Vorurteile gegenüber der Presse abzubauen. “Unser Journalismus soll auf diese Weise noch mehr Glaubwürdigkeit erlangen”, sagt er. “Natürlich schwingt die Hoffnung mit, dass sich andere Leser mit dem Rat identifizieren können und dass sie zudem neue Ansatzpunkte von Authentizität finden.”

Ein weiterer Vorteil: Nach der Zusammenstellung wurden die Bewerber gefragt, ob die Zeit die E-Mail-Adressen behalten darf. Ungefähr 1500 haben zugestimmt. “Wir haben nicht die Datentiefe der Bewerbung gesichert”, erläutert Heuser, “das wäre auch unfair, aber wir nutzen diesen erweiterten Kreis für Umfragen.” Bei der Protagonistensuche für Reportagen habe der Verteiler ebenfalls schon geholfen.

In den Sommermonaten möchte die Redaktion gemeinsam mit dem Zwölferrat eine erste Evaluation durchführen. Im Mittelpunkt soll vor allem stehen, was sich durch den wöchentlichen Austausch verändert hat und auch, ob das eigentliche Ziel, nämlich neue Perspektiven ins Blatt zu bekommen, erreicht wurde.

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Alle Kommentare

  1. Das Lesermodell von DIE ZEIT ist Klasse. Ich habe es bereits x-Mal kommentiert. Warum es keine andere Zeitung kopiert ist mir ein Rätsel.

    Das einzige Problem was ich erkenne ist das Versagen muslimische Leser zu gewinnen. Das ist er ZEIT bislang nicht gelungen und das obwohl die Zeitung regelmäßig sehr wohlwollende, ja liebevolle Artikel zum Islam veröffentlicht und sich sehr um Muslime als Leserschaft bemüht.

    Ich wünschte der Hamburger Morgenpost, der taz, Neues Deutschland und überhaupt jeder deutschen Zeitung ein solches – für bestimmte Lesergruppen zugeschnittenes – Konzept und vor allem Fan-Leser die sich damit ohne wenn und aber identifizieren. Damit wären die wirtschaftlichen Probleme vieler Zeitung vom Tisch.

  2. Ich gehe davon aus das die Texte von “nicht ausgebildeten Journalisten” auch wirtschaftlich keine verkehrte Wahl sind.
    Eine gute Entwicklung für das Qualitätsblatt, die weiter fortgesetzt werden sollte. Wichtig ist, dass die Volontäre stets selbständig die Haltung bewahren und diese auch offensiv kommunizieren, damit dem Leser stets bewusst ist, was seine Aufgabe ist.

  3. Im Grunde ist dieses vermeintliche Konstrukt nur das populisistische Feigenblättchen für den üblichen dümmlichen bullshit und das Gekreische aus diesem Blättchen über den “alltäglichen” “Rassismus”,”Diskriminierung”, “Sexismus”, “Faschismus” und die anderen Reizthemen, die man dem Leser mit Interesse an Nachrichten und Fakten zumutet.

    1. Sie kommentieren etwas über “den üblichen dümmlichen Bullshit und das Gekreische”?

      Das ist doch arg übertriebener Selbstreferenzialismus, finden Sie nicht auch?

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