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Der Rützel-Amani-Komplex: ein Trauerspiel über den Ist-Zustand von Social Media und digitale Mistgabelträger

Die Kölner Komikerin Enissa Amani beim “About You Award”
Die Kölner Komikerin Enissa Amani beim "About You Award" © Screenshot: YouTube / About You Award

Das beherrschende Social-Media-Thema am vergangenen Osterwochenende waren weder die Feiertage, noch das sonnige Wetter, noch die schrecklichen Terroranschläge in Sri Lanka. Bei Twitter und Facebook brach über der Spiegel-Online Autorin Anja Rützel ein veritabler Shitstorm los, weil sie Enissa Amani gegen ihren Willen als Komikerin bezeichnete.

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Wer den Hintergrund dieser deprimierenden Geschichte noch nicht kennt, dem sei dieser Twitter-Thread von Anja Rützel empfohlen:

Rützel schrieb eine TV-Kritik zur Übertragung der “About You Awards” bei ProSieben und machte sich im Text ein bisschen über die Komikerin Enissa Amani lustig, die nicht mehr Komikerin genannt werden will, sondern “Stand upperin”, und “drohte”, das Land zu verlassen, sollte die Presse sie noch einmal “Komikerin” nennen. Weil Anja Rützel sich dieser Handlungsanweisung explizit widersetzte, ging Amani via Instagram auf sie los und bezichtigte sie quasi des Rassismus. Es folgte ein Shitstorm der Amani-Fans, bei dem man einiges Unschöne über den Zustand der Social-Media-Unkultur lernen konnte.

Das Nicht-Lesen und Nicht-Verstehen(-Wollen)

Es ist eine Kern-Problematik bei viral verbreiteter Hatespeech, dass Leute durch Überschriften oder kurze Text-Ausschnitte emotional getriggert kommentieren und teilen, ohne die betreffenden Texte/Inhalte verstanden oder gelesen zu haben. Es spricht einiges dafür, dass dies hier ebenfalls zutrifft. Anders lässt sich praktisch nicht erklären, dass Nutzer und Enissa Amani selbst schreiben, Anja Rützel habe Frau Amani aufgefordert “das Land zu verlassen”. Wer die Rützel’sche TV-Kritik liest, wird keine solche Aufforderung finden. Die Autorin greift Frau Amanis eigene Aussage auf, das Land verlassen zu wollen (um Papayas in Nicaragua zu pflanzen), sollte sie erneut von der deutschen Presse als “Komikerin” bezeichnet werden. Rützel tituliert sie daraufhin explizit als “Komikerin”. Das wird von einigen Twitter-Nutzern auch in bemerkenswerter Geduld erklärt, es interessiert den Social-Mob aber nicht, bzw. der Mob nimmt solche erklärenden Einlassungen schlicht nicht wahr.

Die Macht des Mobs, die Ohnmacht der Medien

Womit wir bei dem Mob wären. An der Rützel/Amani-Sache erkennt man, wie sehr sich die Machtverhältnisse im Social-Media-Zeitalter umgekehrt haben. Das vermeintlich große Medium Spiegel Online und seine Autorin haben kaum eine Chance, gegen die digitalen Mistgabelträger durchzudringen. Anja Rützel sah sich genötigt, ihr Instagram-Profil auf “privat” zu stellen, um den Anwürfen der Amani-Fans zu entgehen. Die TV-Kritik zu den About-You-Awards selbst tritt in der öffentlichen Wahrnehmung komplett hinter der Story um den Shitstorm zurück. Dass es Objekten der Berichterstattung in Zeiten des Internets möglich ist, eine beachtete Gegenrede zu veröffentlichen, ist per se nichts Schlechtes. Allerdings wird diese Möglichkeit in vielen Fällen nicht genutzt, um Falsches zu korrigieren, sondern wie hier, um zu agitieren. Journalistin und Medium haben praktisch keine andere Möglichkeit, als sich zu ducken, die Sache auszuhalten und zu hoffen, dass es schon auch wieder vorbeigehen wird. Dabei wird jede Äußerung von Anja Rützel genutzt, um den Shitstorm am Laufen zu halten, nicht zuletzt von Frau Amani selbst, die fleißig mitzündelt. Dieser Effekt beschränkt sich keinesfalls nur auf die Twitter- und Facebook-Filterblasen. Traditionelle Medien wittern hier sofort eine Story und greifen den Shitstorm, den eine “Kölner Komikerin” (Bild) gegen eine Journalistin losgetreten hat, begierig auf. Medien und Mob befeuern sich gegenseitig.

Kontaktschuld

Das Thema Kontaktschuld spielt hier auch eine Rolle. Dass ein AfD-Mitglied, mit dem Frau Amani wohl schon seit längerem öffentlich streitet, den Rützel-Text geliked hat und sich dafür bei Instagram bedankt, hat zur Folge, dass der Mob Anja Rützel u.a. als “AfD-Nutte” beschimpft und Frau Amani der Autorin vorwirft, sie würde “urbane Sprache genauso instrumentalisieren und stigmatisieren wie es die AFDler gerne tun”. Anja Rützel kam wegen des Nazi-Vorwurfs kurz aus der Deckung und erklärte das eigentlich selbstverständliche, nämlich dass sie sich leider nicht aussuchen kann, wer ihre Artikel liest und zu instrumentalisieren versucht (siehe den oben verlinkten) Twitter-Thread. Das hat die Sache für sie natürlich nicht besser gemacht, denn mit dem Mob kann man nicht diskutieren.

Dass Likes und Lob im Social Web als Ausweis für eine bestimmte Gesinnung bei den Adressaten dieser Likes und Lob hergenommen werden, hat eine unselige Tradition. So hatte das Medienmagazin Übermedien vergangenes Jahr mal eine Social-Media-Analyse vorgestellt, in der solche Likes u.a. als ein Indikator für eine rechte Gesinnung verwendet wurden. Das führte zum Beispiel dazu, dass die Feministin Alice Schwarzer dem rechten Meinungsspektrum zugeordnet wurde, weil Personen und/oder Medien, die von den Autoren der Analyse als “rechts” klassifiziert worden waren, Tweets von Schwarzer geliked oder geteilt hatten. Schwarzer wehrte sich zurecht gegen diese Einordnung. Diese Logik – ich schaue wer dich liked und ich sage wer du bist – führt auf einen gefährlichen Pfad.

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Social-Media-Willkür

Dieses Einteilen von Personen in bestimmte Gesinnungs-Gruppen und die willkürliche Sanktionierung durch soziale, öffentliche Ächtung via Shitstorm tragen bereits totalitäre Züge. Ja, der Vergleich hinkt und es soll hier auch nicht behauptet werden, wir würden in einer Art Social-Media-Totalitarismus leben. Aber es gibt Warnsignale, die in eine gefährliche Richtung deuten. Diese Signale sollten wir ernst nehmen. Willkür ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal totalitärer Systeme. Hätte die Autorin Rützel wissen können, ja wissen müssen, welche Reaktionen sie mit ihrem Artikel über die “About You Awards” hervorruft? Nein!

Anja Rützel hat viele, viele solcher TV-Kritiken geschrieben und veröffentlicht. Ihr Stil ist geprägt von Wortspielereien und originellen Sprachkonstruktionen. Dabei geht es auch mal um Äußerlichkeiten oder Banales. Rützel wird im Ton aber nie zynisch oder menschenverachtend – im Gegenteil. Ihre Texte sind stets geprägt von großer Empathie gegenüber Schwächeren oder vermeintlichen “Losern” im Entertainment-Zirkusbetrieb. Im Social Web kann man nie wissen, was einen Shitstorm auslöst. Es kann – wie hier – die gekränkte Eitelkeit einer Komikerin sein. Oder ein missratener Tweet von vor zehn Jahren. Oder ein schlechter Witz. Diese Mechanismen werden nicht von irgendeiner Macht gesteuert, sie scheinen im System selbst verankert.

Das ist es, was Social Media so gefährlich macht und so anfällig für Manipulation zum Beispiel durch Populisten. Aber auch durch Leute wie den ZDF-Komiker (!) Jan Böhmermann, der zum Start des von ihm mit initiierten Projekts “Reconquista Internet” auch schon mal Prangerlisten von Twitter-Nutzern auf seinem Account veröffentlichte oder den Shitstorm gegen den SZ-Magazin-Journalisten Raphael Thelen wegen dessen Porträts des AfD-Politikers Markus Frohnmaier mit befeuerte. Der Thelen-Shitstorm hat einen finstereren Hintergrund als der aktuelle Rützel-Shitstorm, die Mechanismen lassen sich aber durchaus vergleichen. Interessant zu lesen ist hierzu das Interview mit Raphael Thelen bei Übermedien.

Free Speech? Hate Speech? What Speech?

So bleiben wir am Ende bei Frage hängen, was uns das alles sagt und was wir mit dem Schlamassel anfangen. Ist Social Media generell des Teufels und gehört verboten? Das wäre eine Über-Reaktion und sowieso unmöglich. Die Zahnpaste bekommt man nun mal nicht wieder in die Tube gequetscht. Außerdem gibt es auch positive Effekte von Social Media, auf die wir heute ungern verzichten würden. Eine Enissa Amani soll ja ihre mehr oder weniger lustigen “Standup Bits” aufführen dürfen und sie soll natürlich auch Kritik kontern können. Genauso soll eine Anja Rützel ihre TV-Kritiken schreiben dürfen und natürlich Frau Amani auch gegen deren Willen das Etikett “Komikerin” ankleben dürfen. Das Kernthema ist, wie bekommen wir den Mob in den Griff? Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist vielleicht ein Anfang aber ganz sicher keine zufriedenstellende Lösung. Die Plattformen selbst wirken hilflos bis ignorant. Bestehende Paragrafen wie jene gegen Beleidigung oder Volksverhetzung sind in vielen Fällen ungeeignet oder sehr schwierig bis unmöglich durchzusetzen.

So bleibt am Ende derzeit nur an die Verantwortung des Einzelnen zu appellieren. Der nicht mehr ganz neue Ratschlag, eine Minute zu warten und zu denken, bevor man tweetet oder teilt, ist nach wie vor aktuell. Leider ist das häufig nicht mehr als ein frommer Wunsch.

Es scheint, als hätten wir noch eine recht weite Wegstrecke vor uns, bevor die sozialen Medien diese Bezeichnung auch verdienen.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikel hieß es: “Jan Böhmermann, der mit seinem Projekt “Reconquista Internet” auch schon mal Prangerlisten von Twitter-Nutzern veröffentlichen ließ.” Dies war nicht hundertprozentig korrekt, tatsächlich hatte Böhmermann die Listen lediglich über seinen eigenen Twitter-Account veröffentlicht. Wie haben die Stelle entsprechend präzisiert und bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen. 

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