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Wochenrückblick: Wie Springers Welt ihr Kanarienvögelchen verlor

Das ging schief: Roger Schawinski im Gespräch mit Salomé Balthus Screenshot:SRF
Das ging schief: Roger Schawinski im Gespräch mit Salomé Balthus Screenshot:SRF

Die Welt feuert ihre Kolumnistin Salomé Balthus zuerst wegen eines falschen Zitats, dann will sie sie zurückhaben. Klappt aber nicht. Max Goldt erfindet eine Mehlspeise, YouGov macht komische Umfragen und die FR greift mit einer Überschrift krass daneben. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Roger Schawinski hat aber auch gerade einen Lauf. Anfang April zoffte der frühere Sat.1-Chef sich in seinem Radio-Format “Roger gegen Markus” wegen Trump und dem Mueller-Report so sehr mit seinem Co-Host Markus Somm, dass Schawinski die laufende Sendung abbrach (“Da hat es mir den Hut gelupft.”). Jetzt hat Schawinski für Aufsehen gesorgt wegen eines Interviews mit der Edel-Prostituierten und mittlerweile Ex-Welt-Kolumnistin Salomé Balthus (ein Künstlername, wer hätte es gedacht?).

Das ist mal wieder eine jener Geschichten, bei der eigentlich niemand gut rauskommt. Der Reihe nach:

Schawinski interviewte Frau Balthus für seine SRF-Talkshow “Schawinski”. An einer Stelle des Interviews ließ Schawinski einen Clip von Alice Schwarzer einspielen, die in dem  Ausschnitt sagt, dass Frauen, die sich “freiwillig” prostituieren, noch häufiger als im statistischen Durchschnitt in der Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren hätten. (Anmerkung:Ursprünglich wurde die Aussage von Alice Schwarzer an dieser Stelle nicht korrekt aus anderen Veröffentlichungwen wiedergegeben. Beachten Sie hierzu bitte einen Korrekturhinweis am Ende des Textes.) Direkt nach dem Ausschnitt fragte Schawinski: “Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen?” Und setzte nach: “Oder würden Sie mir gestehen, wenn es so gewesen wäre?”

Frau Balthus war offensichtlich irritiert und überfahren von der Frage nach dem Missbrauch durch die Eltern. Zuvor hatte Schawinski über Baltus’ Vater, den in der DDR populären Musiker Reinhard Lakomy gesprochen. Balthus jedenfalls war nicht begeistert, um das Mindeste zu sagen, und verarbeitete das Erlebnis mit Schawinski in ihrer Welt.de Kolumne “Das Kanarienvögelchen”, in der sie normalerweise über Prostitution und Feminismus im weiteren Sinne schrieb.

In der Kolumne schilderte sie die Szene laut einem Protokoll bei Übermedien.de folgendermaßen:

Ich wurde mitten im Satz unterbrochen. Und zwar von einem Alice Schwarzer-Clip, der jetzt auf dem Monitor eingespielt wurde. Alice Schwarzer sitzt im deutschen Fernsehen und erklärt, nahezu alle Prostituierten seien schon als Kinder sexuell missbraucht worden. Und kaum, dass man diese Aussage richtig verarbeiten könnte, auch ihre Absurdität erkennen, stoppt der Clip, und Schawinski stellt mir seine nächste Frage:
‚Hat ihr Vater Sie als Kind sexuell missbraucht?‘

Die Sache habe sie so mitgenommen, dass sie sich am Flughafen betrunken habe. Das Schawinski-Zitat aus der Kolumne freilich stimmt so nicht, wörtlich hatte er – siehe oben – etwas anderes gesagt. Die Kolumne ging bei der Welt online und Schawinski war nun seinerseits empört. Er beschwerte sich laut mehreren übereinstimmenden Aussagen bei Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt. Durch das falsche Zitat werde er als Person verunglimpft und seine “Integrität als Journalist” stehe auf dem Spiel. Was machte die Welt? Löschte eilig die Kolumne und feuerte Frau Balthus. Dem Vernehmen nach, ohne mit ihr Rücksprache zu halten.

Welt.de-Chefredakteur Oliver Michalsky sagte gegenüber dem Schweizer Blick bezüglich des falschen Zitats: “Frau Balthus baute aber darauf die gesamte Kolumne auf. Dies können wir nicht tolerieren, denn so ein Vorgehen entspricht nicht unseren journalistischen Leitlinien. Deswegen haben wir den Artikel gelöscht und auch die Zusammenarbeit mit Frau Balthus beendet. Bei Herrn Schawinski haben wir uns per Mail entschuldigt.” Journalistische Leitlinien hin, journalistische Leitlinien her! Tags darauf twitterte der streitbare Welt-Blogger Don Alphonso das Folgende:

Und Oliver Michalsky, der Welt-Digital-Chef mit den Leitlinien, retweetete das mit dem Kommentar “Dreamteam”. Bitte? Heute gefeuert, morgen schon wieder “Dreamteam”? Wie aus der Welt zu hören ist, hätten der Don und die Welt gemeinsam beschlossen, der sauren Salomé dieses Angebot zur Güte zu unterbreiten, Co-Autorin beim “Fonsi” werden. Angeblich habe die Dame auch schon ihre Zustimmung signalisiert, was aber leider, leider wohl ein Missverständnis war. Am Ende gab es von Frau Salomé einen Korb für den Don und die Welt. Der Abgewiesene twitterte: “Das Angebot wurde leider dann doch abgelehnt. Sehr schade.”

Dumm gelaufen für alle Beteiligten. Die Welt ist ihr Kanarienvögelchen los, Frau Balthus ihre Kolumne und sie musste sich von Roger Schawinski blöd befragen lassen und Schawinski selbst kommt dabei auch nicht direkt als Ober-Sympathieträger rüber. Die alten Kolumnen (u.a. über ein gemeinsames Schaumbad mit Ronja von Rönne) ließ die Welt großzügig online.

Hätte man das besser handhaben können? Das Zitat war falsch, OK. In der Nach-Relotius-Zeit schrillen da natürlich die Alarmglocken. Aber mei: Es war offensichtlich aus dem Gedächtnis zitiert und sinngemäß so daneben auch wieder nicht, wie die Welt nun tut. Schawinski hat hier doch sehr unfein einen möglichen Missbrauch durch den Vater auf den Talk-Tisch gepackt. Man hätte ja auch mal zuerst mit der Autorin reden können, dann das Zitat anpassen und den Text mit einem Hineis versehen. Wäre ja eine Möglichkeit gewesen. Aber hätte das auch den “journalistischen Leitlinien” entsprochen?

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Von der Schweiz nach Österreich. Dort hat Max Goldt im Standard eines seiner seltenen Interviews gegeben. Von dem brillanten Stilisten Goldt liest man viel zu selten. Hier beschenkt er uns mit wohl dosierter Sprachkritik (“Noch schlimmer als ‘spannend’ ist ‘faszinierend’.”) und der wunderbaren Ösi-Quarkspeise “marillenpotschahierte Powidlpawadakschen”. Das aber ist Fake, bzw. Quark. Will heißen: Dieses Gericht gibt es gar. Es klingt aber sehr lecker und durchaus realistisch.

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Das Umfrage-Institut (ist das der korrekte Begriff?) YouGov verschickt andauernd alle möglichen Umfragen. Diese Woche stolperte ich über eine YouGov-Umfrage zu einem besonders brandheißen Thema:

Scheiß auf den Brexit und die Klimakatastrophe – aber hat “Schwan-Stabilo” wirklich nur Textmarker und Fineliner im Sortiment!? Ist das jetzt mittelmäßig getarnte Werbung? Ich griff zum Äußersten, also dem Telefonhörer, und rief bei YouGov an. Nein, nein, keine Werbung. Die YouGov-Redaktion nutze selbst die Produkte dieser Firma und da sei ganz spontan die Frage aufgetaucht, ob die auch noch mehr machen. Zwischen Irrelevanz, Gaga und Werbung ist es manchmal nur eine fine Line.

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Nun zu etwas komplett Anderem: Die Qualitätszeitung Frankfurter Rundschau hat einen Leitartikel zum Wahlsieg von Benjamin Netanjahu in Israel überschrieben mit “Der ewige Netanjahu”. Au, Aua, Autsch! Natürlich bekam die FR so ziemlich sofort von allen möglichen Seiten um die Ohren gehauen, dass das gar nicht geht.

Immerhin lautet der Titel eines der allerschlimmsten Nazi-Propagandafilme “Der ewige Jude“. Das sollte man in der Politik-Redaktion eines Qualitätmediums schon mal gehört haben. Der Redaktion jetzt bewussten Antisemitismus vorzuwerfen, halte ich für falsch. Das wäre so dermaßen straight in the face und plump … nicht vorstellbar, dass hier eine Absicht dahintersteckt. Aber es ist schon ein gerütteltes Maß an Inkompetenz und Geschichtsvergessenheit. Die Zeile wurde geändert zu “Der unverzichtbare Netanjahu” und die Chefredaktion hat sich sich – ohne mit Namen zu zeichnen freilich, ist ja auch wirklich peinlich – später am Tag entschuldigt:

Wir wollten auf die Dauer der Amtszeit des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu hinweisen – und haben dabei nicht bedacht, dass die Nationalsozialisten 1940 mit dem antisemitischen Propaganda-Film „Der ewige Jude“ gegen Juden gehetzt haben. Diese Geschichtsvergessenheit bitten wir zu entschuldigen.

Was soll man halt schon sagen, wenn man so einen Bock geschossen hat?

Nun aber erst einmal ein schönes Wochenende! Nächste Woche pausiert der Wochenrückblick feiertagsbedingt. Also auch: frohe Ostern!

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, dass Alice Schwarzer in dem bei “Schawinski” eingespielten Videoausschnitt gesagt habe, dass fast alle Prostituierten von ihren Eltern missbraucht worden seien. Dies war eine Wiedergabe von anderen Veröffentlichungen zu dem Sachverhalt, die aber nicht korrekt waren. Tatsächlich lautete das wörtliche Zitat von Alice Schwarzer: „Wir wissen aus den Lebensläufen, dass eine überwältigende Mehrheit der Frauen, die ‚freiwillig‘ in der Prostitution sind, das heißt, die nicht von Schleppern aus Bulgarien gebracht werden oder von ihren Familien hierhin geschickt werden und immer anschaffen müssen… dass die noch häufiger als im statistischen Durchschnitt in der Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben.“ Die Stelle im Text wurde entsprechend korrigiert.

PS: Auch der Podcast “Die Medien-Woche” macht kommende Woche eine kurze Osterpause. In dieser aktuellen Ausgabe diskutiere ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt über die Einkaufstour des Finanzinvestors KKR auf dem deutschen Medienmarkt und die 2018er Bilanz des Presserats. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören, abonnieren oder ein paar Sternchen auf iTunes schenken!

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