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Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Essay-Autor Alexander von Streit, Betrugsaffäre um ehemaligen Spiegel-Reporter Relotius: das Ende vom Nimbus der Unfehlbarkeit ©Fotos: imago/Christian Ohde/ HMS/ Montage: MEEDIA

In der Betrugsaffäre um den Reporter Claas Relotius, deren Aufdeckung nicht nur das Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschüttert, sondern Schockwellen durch die gesamte Branche jagte, ist es ruhig geworden – vielleicht zu ruhig. Denn es geht um ein Problem, das den gesamten Journalismus betrifft und das nur im Kollektiv gelöst werden kann, meint Krautreporter-Gründer Alexander von Streit im fünften Teil der Essay-Reihe „Werteorientierte Digitalisierung“.

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Von Alexander von Streit

Es war ein bemerkenswertes Gespräch, das Der Spiegel kurz vor Weihnachten mit Giovanni di Lorenzo führte. Denn in dem Interview mit dem Chefredakteur der Zeit ging es nur am Rande um seine Wochenzeitung. Zuvor hatte der Spiegel in einem langen Text über erfundene Geschichten seines preisgekrönten Reporters Claas Relotius berichtet. In der Schockstarre dieser Enthüllungen suchte die Redaktion nun nach Antworten. Und die gab di Lorenzo gerne: „In dem Text wird ein Mensch gehängt, noch dazu ein relativ junger“, sagte er. „Die Systemfrage, wie das passieren konnte, wird angesprochen, aber nicht in einer besonders aufschlussreichen Form.“

Auch wenn di Lorenzo damit vor allem süffisant auf die offensichtlich versagenden Sicherungssysteme innerhalb der redaktionellen Prozesse beim Spiegel abzielt, verweist er so auch auf den wichtigsten Aspekt in der ganzen Angelegenheit. Einer Angelegenheit, die natürlich nicht nur den Spiegel betrifft, und auch nicht nur die anderen Zeitungen und Magazine, die Relotius in der Vergangenheit mit Reportagen beliefert hatte. Es geht um ein Problem, das den gesamten Journalismus betrifft. Und wir müssen es lösen.

Fauler Zahn gezogen, Patient wieder gesund – so die Formel

Es ist jedoch zu befürchten, dass genau dies nicht geschehen wird und es am Ende auf den einfacheren und schon oft erprobten Weg hinausläuft: Skandal recherchieren, in einem Bericht aufbereiten, Strukturen optimieren, weitermachen. Dafür braucht man einen Täter – und den gibt es ja nachweislich. Wenn wir also vom „Fall Claas Relotius“ sprechen wie nicht nur der Spiegel in seiner medialen Aufbereitung der Enthüllung und ihrer Hintergründe, macht das die Sache natürlich einfacher. Denn mit dieser Fixierung auf den Täter und sein vorsätzliches Unterlaufen der redaktionellen Kontrollmechanismen lässt sich der Skandal wunderbar einkapseln und aus dem System entfernen. Wie man im Fall des Spiegels sieht, durchaus mit personellen Konsequenzen bei Verantwortlichen in der Redaktion. Aber das sind schon fast Kollateralschäden auf dem Weg zurück in die Normalität des Tagesgeschäfts.

Am Ende wird Claas Relotius seinen Platz in der Ahnengalerie der journalistischen Fälscher bekommen, durch die der Rest der Branche irgendwann mit einem wohligen Schauern und dem guten Gefühl wandeln kann, dass man selbst damit ja eigentlich nichts zu tun hat. So wie bei Tom Kummer, der Anfang des Jahrtausends dem Magazin der Süddeutschen Zeitung diese unglaublich genialen Interviews aus Hollywood lieferte – die er allerdings erfunden hatte. Seitdem wird Kummer in der Branche als die Personifizierung des Betrugs im deutschsprachigen Journalismus gehandelt. Fauler Zahn gezogen, Patient wieder gesund – so die Formel.

Glaubwürdigkeit ist ein nichtverhandelbares Gut

Diesmal wird diese Rechnung nicht mehr aufgehen. In der digitalen Welt hat sich eine neue Öffentlichkeit entwickelt, in der sich Themen nicht nur schneller verbreiten, sondern auch nicht mehr so schnell verschwinden. Eine Öffentlichkeit, in der darüber hinaus die Glaubwürdigkeit von Journalismus immer wieder in Frage gestellt wird. Und in deren kollektivem Gedächtnis sich die Enthüllungen beim „Spiegel“ dauerhaft festsetzen werden.

Was also tun? Es ist natürlich Blödsinn, im Reflex die Stilform der Reportage in Frage zu stellen. Deren Überhöhung ist aber durchaus diskutabel. Und wenn wir schon dabei sind: Lasst uns doch die großen Journalistenpreise nach neuen Kriterien ausrichten. Zum Beispiel, was das wichtigste Thema und nicht die eindringlichste Beschreibung ist. Wo hat sich ein Journalist ethisch besonders vorbildlich in seiner Arbeit verhalten? Wie gut trägt ein journalistisches Projekt dem Bedürfnis nach Kommunikation und Information in der Gesellschaft Rechnung?

Vielleicht brauchen wir solche werteorientierten Kriterien, um am Ende ein journalistisches System zu fördern, das dem Anspruch einer neuen Öffentlichkeit gerecht wird. Und vielleicht brauchen wir neue Werte, um journalistische Glaubwürdigkeit zu einem nichtverhandelbaren Gut zu machen.

Können neue Regelwerke die Antwort sein?

Dabei geht es nicht um einen Pressekodex, den es ja bereits seit 45 Jahren gibt. Klar, er ist trotz mehrerer Überarbeitungen – sagen wir mal – etwas analog. Doch obwohl er in seiner Grundanlage in einer Gesellschaft entstanden ist, in der Computer noch mit Lochkarten bedient wurden, orientiert er sich an so grundlegenden journalistischen Ethikstandards, die auch in der digitalen Welt absolut ihre Berechtigung haben: Die Forderung nach Wahrhaftigkeit zum Beispiel, die Achtung der Menschenwürde und der Schutz von Persönlichkeitsrechten, Quellenschutz, Sorgfalt, Glaubwürdigkeit… Aber können Regelwerke überhaupt die Antwort sein auf eine Medienwelt im Umbruch, in der die Glaubwürdigkeit des Journalismus unter Druck gerät?

Eigentlich geht es doch um die Frage, wie ein ethisch orientierter Journalismus in dieser neuen Medienwelt überhaupt funktioniert – und wie weit wir dazu bereit sind, offen mit den ethischen Konflikten unseres Berufsalltags umzugehen. Wie reagieren wir auf die Konsequenzen der Spirale, in der sich die Redaktionen zwischen Werbefinanzierung, Klickorientierung und dem Kampf um die Aufmerksamkeit immer weiter von journalistischen Standards entfernen müssen, um im Medienmix überhaupt eine Rolle zu spielen – und wirtschaftlich zu überleben? Was passiert, wenn Stiftungen, Unternehmen oder sogar der Staat damit anfangen, journalistische Projekte zu finanzieren? Was bedeuten neue Technologien für die Gesellschaft und damit für den Journalismus, etwa wenn mit künstlicher Intelligenz erzeugte Deep Fakes nicht mehr eine Besonderheit, sondern Alltag werden? Und vor allem: Was ist mit dem neuen Publikum da draußen, das schon längst andere Ansprüche an die Medien hat, als einfach nur die Forderung nach Information und Unterhaltung.

Am Ende ist es eine Frage der Haltung. Eine Medienmarke kann nicht mehr ihre Daseinsberechtigung daraus ziehen, dass sie sich mit dem Nimbus der Unfehlbarkeit nach außen präsentiert und damit ihre Glaubwürdigkeit absichert. Denn genau diese Erwartungshaltung, die der Journalismus über Jahrzehnte erfolgreich mit seinem Deutungsanspruch aufgebaut und bedient hat, richtet sich gegen ihn. Das ist der Fall, wenn journalistische Standards unterlaufen werden, aber durchaus auch dann, wenn Recherchen andere Aspekte beleuchten als vom Publikum erwartet.

Wir brauchen eine neue Haltung

Deswegen müssen wir unser Bild von Journalismus überdenken. Haltung kann heute nicht mehr nur bedeuten, dass Journalistinnen und Journalisten sich als unbestechliche Berichterstatter definieren. Natürlich ist es unerlässlich, sich den Einflüssen aus Politik, Wirtschaft und anderen Interessensgruppen zu verwehren. Aber das reicht nicht. Das Problem ist doch nicht, dass es keine sauber erstellten Geschichten zu lesen, zu hören oder zu sehen gibt. Das Problem ist, dass die Entstehung dieser Geschichten in der Regel eine Blackbox ist. Dieser Mangel an Transparenz führt dazu, dass die Leser kaum damit umgehen können, wenn so etwas passiert wie beim Spiegel. Dann ist plötzlich alles in Frage gestellt, was Journalistinnen und Journalisten machen.

Wir müssen in Zukunft anders damit umgehen. Was wir brauchen, ist eine journalistische Haltung der Transparenz. Redaktionen müssen es heute als selbstverständlichen Teil ihrer Aufgabe sehen, dass sie nicht nur eine Wächterfunktion in der Gesellschaft haben, sondern dabei auch offenlegen, wie sie arbeiten und wie die Finanzierung ihres Angebots funktioniert. Eigentlich liegt das auf der Hand, doch oftmals wird die Forderung nach Transparenz sogar als Bedrohung angesehen. Dabei geht es hier natürlich nicht um Quellenschutz oder ähnliches, das sind journalistische Leitlinien, von denen wir nicht abrücken dürfen. Aber wir müssen zeigen, unter welchen Bedingungen Geschichten entstehen. Wir müssen uns selbst begleitend zu den Geschichten als Autorinnen und Autoren sichtbarer machen und erklären, wie unser individuelles Wertegerüst aussieht – also warum wir eventuell in einer Sache etwas befangen sind oder zumindest einen bestimmten Blick auf die Dinge haben.

Das ist Journalismus auf Augenhöhe, der die Geschichten mit einer Tonspur unterlegt, die sie vielleicht etwas entzaubert, aber als das präsentiert, was sie sind. Ohne Transparenz kann es keine Glaubwürdigkeit geben.

Journalismus als Gemeinschaftsprojekt

Doch diese Transparenz allein reicht nicht aus. Mit ihr verbunden ist noch etwas anderes. Ein Interesse am Dialog. Natürlich sollen sich Medienmarken als Bollwerk des Journalismus verstehen, aber für ihr Publikum müssen sie offen sein – wie ein Club. Mit sichtbaren Journalistinnen und Journalisten, ansprechbar und daran interessiert, durch Kommunikation auf Augenhöhe einen anderen Journalismus zu machen, der nicht nur konsumiert, sondern auch mitgestaltet werden kann. Und nein, es geht nicht darum, dass die Redaktion ihre Arbeit an das Publikum auslagern sollen. Aber eine Gesellschaft, die sich zunehmend durch Kommunikation definiert, braucht einen Journalismus, der sich nicht als Sendung versteht,  sondern als Gespräch.

Wenn wir Journalismus als Gemeinschaftsprojekt begreifen, dann ist das ein erster Schritt zu einem Wertesystem, mit dem wir eine neue Vertrauensbasis schaffen können. Dann kann ihn auch ein Fälschungsskandal nicht dauerhaft beschädigen.

Alexander von Streit ist Gründer und Herausgeber von Krautreporter, Gründungsherausgeber des Medien-Think-Tanks Vocer und einer der Initiatoren des Netzwende Awards, einem Journalistenpreis für nachhaltige Innovation. Davor verantwortete er unter anderem als Chefredakteur die deutsche Ausgabe des Magazins Wired, leitete das Digital-Ressort bei Focus Online und war Chefredakteur des Medienmagazins Cover. Er ist aktives Mitglied im Beirat des DJF sowie Dozent für digitalen Journalismus an der Hamburg Media School.

Über die Reihe: Dies ist der fünfte Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht. Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

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