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Mathias Döpfner: „Urheberrechtsreform wird Innovationsschub bei Bloggern und kleinen Verlagen auslösen“

Axel Springer-CEO Mathias Döpfner sieht die EU-Urheberrechtsreform positiv
Axel Springer-CEO Mathias Döpfner sieht die EU-Urheberrechtsreform positiv

Wie viele deutsche Verlage hat auch Axel Springer sich in den vergangenen Monaten für die EU-Urheberrechtsreform eingesetzt. Nach der erfolgten Zustimmung des EU-Parlaments am Dienstag darf man sagen: mit Erfolg. Weil die Initiative offenbar im eigenen Haus mitunter kontrovers diskutiert wurde, bezog CEO Mathias Döpfner nun im Springer-Intranet Stellung. MEEDIA veröffentlicht das Interview.

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Stimmt es, Herr Döpfner, dass Sie dabei geholfen haben, das Internet kaputtzumachen?

Die Behauptung ist ungefähr so richtig wie die These, dass die Einführung der Straßenverkehrsordnung die freie Mobilität der Bürger zerstört hat. Die Urheberrechtsreform macht das Internet nicht kaputt, sondern im Gegenteil besser! Die Reform schafft die rechtlichen Rahmenbedingungen für journalistische Geschäftsmodelle im Netz. Damit entsteht mehr Anreiz, digitale Content-Startups zu gründen, Blogs zu schreiben und journalistische Projekte zu etablieren. Das erzeugt mehr Vielfalt, Innovation und Kreativität im Netz.

Wieso wird das Gesetz Anreize für Innovation schaffen?

Aus zwei Gründen. Das Gesetz etabliert das Prinzip, dass einer, der Inhalte Dritter für kommerzielle Zwecke nutzen will, sich mit dem Publisher auf eine Lizenzgebühr einigen muss. Egal, ob das eine Suchmaschine wie Google, eine Social-Media-Plattform wie Facebook, ein Aggregator wie die „Huffington Post“ oder ein anderer Publisher als Wettbewerber ist. Dadurch fließen Werbeerlöse an den Urheber zurück. Das ist ein materieller Anreiz für Gründer und Kreative, etwas auf journalistischem Gebiet zu versuchen. Denn die digitalen Erlöse haben in den letzten zwei Jahrzehnten nicht ausgereicht, um „digital native“-Angebote von „Buzzfeed“ bis „Vox“ oder die meisten Webseiten der Verlage wirklich profitabel zu machen. Zweitens aber, und das ist noch wichtiger, wird durch dieses Gesetz das Prinzip des digitalen Abos gestärkt. Umgehungen wie bisher üblich – auf BILDplus muss ich zahlen, aber bei einem Wettbewerber oder bei Google News bekomme ich den gleichen Text kostenlos – werden schwieriger. Auch das macht es reizvoller, über journalistische Initiativen nachzudenken, zu gründen und zu investieren. Und es führt dazu, dass die besten Journalisten ihre Arbeit auch digital anbieten wollen.

Die Diskussion wurde in den letzten Wochen von Befürwortern und Gegnern ja sehr hitzig geführt. Was war das Krasseste, was Sie erlebt haben?

Von persönlichen Angriffen, die man sportlich nehmen muss, wurden uns einfach schlechte Motive unterstellt. Und es wurde mit praktisch jeder Falschinformationen und jeder Unterstellung gearbeitet, die möglich ist.

Können Sie sich denn überhaupt nicht in die Gegner reinversetzen?

Ich versuche das. Das Problem ist nur, dass die Gründe, aus denen gegen die Urheberechtsrichtlinie argumentiert wurde, auf falschen Informationen beruhen. Das Presseleistungsschutzrecht wird Vielfalt und Innovation im Netz schaffen, denn es gibt den Presseverlegern ebenso wie den Journalistinnen und Journalisten erstmals die Möglichkeit, in Europa auf Augenhöhe mit den großen Plattformen wie Google über die Nutzung unserer Inhalte auf Augenhöhe zu verhandeln. Und das ist Grundlage eines erfolgreichen Geschäftsmodells für unabhängigen Journalismus in der digitalen Ära.

Das Leistungsschutzrecht in Deutschland gilt bei vielen Kritikern als gescheitert. Was macht Sie optimistisch, dass es auf europäischer Ebene nun funktioniert?

Das Leistungsschutzrecht ist in Deutschland nicht gescheitert, es ist leider durch die Marktmacht von Google ausgehebelt worden. Verlagen, die das Recht nutzen wollten, wurde angedroht, dass ihre Texte, Fotos und Videos ausgelistet werden. Daraufhin haben die Verlage „freiwillig“ verzichtet. Weil sie von Google abhängig sind. Das Leistungsschutzrecht auf europäischer Ebene hat nun den Vorteil, dass die großen Technologieplattformen den großen europäischen Markt nicht ignorieren oder die Mitgliedsstaaten gegeneinander ausspielen können. Außerdem ist das Gesetz in Teilen jetzt noch klarer formuliert und gibt Unternehmen wie uns die Möglichkeit, die Vermarktungshoheit über unseren Journalismus wiederzubekommen.

In Spanien, wo ein solches Recht eingeführt wurde und die Verlage verpflichtete, das Gesetz anzuwenden, wurde Google News eingestellt (siehe hierzu auch Update-Hinweis am Textende). Kann das auch in Europa passieren?

Bei 500 Millionen Bürgern ist das unwahrscheinlich. Aber selbst, wenn es passiert: Für die spanischen Verleger war das sehr positiv. Der Traffic brach für alle in absoluten Zahlen ein. Aber der direkte Traffic auf den Angeboten der Verlage nahm drastisch zu. Und der konnte wesentlich besser monetarisiert werden. Wirtschaftlich haben die Verlage in Spanien deutlich profitiert.

Was hat Axel Springer in den letzten Wochen und Monaten nun eigentlich genau getan? Bei Lobbyismus denken viele an Hinterzimmerrunden.

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Das läuft sehr transparent. Die Public-Affairs-Kollegen rund um Dietrich von Klaeden haben jedem Abgeordneten Informationen und Gespräche über die sehr komplexe Materie angeboten und in diesen Gesprächen erklärt, was unser Anliegen ist – nämlich, dass Journalismus auch in der digitalen Welt eine Zukunft haben muss.

Es gibt den weitverbreiteten Vorwurf, dass gerade Axel Springer besonders von der neuen Regelung profitieren wird. Was sagen Sie dazu?

Absurd, natürlich geht es uns darum, mit unserem Journalismus auch digital Geld verdienen zu können. Nur dann können wir doch auch in der Zukunft in unabhängigen Journalismus investieren. Was aber oft vergessen wird: Gerade Blogger, kleinere und mittlere Verlage profitieren ebenfalls von der Reform, weil sie sonst gar nicht in der Lage wären, aus eigener Kraft mit den Plattformen zu verhandeln und ihre Rechte durchzusetzen. Gerade bei ihnen wird die Urheberrechtsreform einen Innovationsschub auslösen. Deshalb haben so viele kleine Verlage dafür gekämpft.

Wie würden Sie einer 16-Jährigen sagen, der die Urheberechtsreform Sorge macht?

Dass sie ihren YouTube-Stars weiter folgen kann, wenn sie das will. Dass sie weiter Memes hochladen kann, wenn sie das möchte. Dass die Urheberrechtsreform ihr nichts „wegnehmen“ wird. Denn bei der Urheberrechtsreform geht es schlichtweg darum, dass Facebook und Google Inhalte, die sie von Anderen nutzen möchten, auch bezahlen. Sie würde ja auch nicht auf die Idee kommen, ein YouTube-Tutorial der besten Freundin ungefragt im eigenen Kanal zu übernehmen und damit Reichweite und Werbeerlöse zu erzielen. Für die Verlage ist aber genau das die Realität.

Was passiert jetzt eigentlich als Nächstes?

Anfang April muss noch der EU-Ministerrat zustimmen und danach beginnt die Umsetzung der Urheberrechtsreform in nationales Recht. Das wird noch einmal etwa zwei Jahre dauern und währenddessen können die EU-Mitgliedsstaaten ebenfalls noch einmal Änderungen vornehmen. In Deutschland wäre beispielsweise denkbar, dass die vieldiskutierten „Upload-Filter“ gar nicht zum Einsatz kommen, sondern durch Pauschallizenzen ersetzt werden.

Was ist denn die Meinung von Axel Springer zum Thema Upload-Filter?

Wir haben uns nie dafür eingesetzt, weil das gar nicht unser Thema ist – unser Kernthema ist das EU-Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Paragraf 11. Der andere Paragraf, Paragraf 13, war für die Musik- und Filmindustrie wichtig. Und deren Argumente können wir gut nachvollziehen.

 

Update, 28.03, 17.15 Uhr: Die Formulierung einer Frage wurde korrigiert, da diese eine falsche Tatsachenbehauptung enthielt. Mit Blick auf Spanien heißt es nun, dass dort Google News eingestellt wurde. Ursprünglich hatte es geheißen, Google habe die Verlage in Spanien “komplett ausgelistet”.

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Alle Kommentare

  1. Vor allem der heute verkündete Schritt Berlins, der “Cities Coalition for Digital Rights“ beizutreten, wird die 30-jährige Ära der wilden Digitalisierung zivilisieren!

    https://citiesfordigitalrights.org

    Zeitungen und Medien in Citizenship werden Neuanfänge erleichtern!

    Schon in wenigen Monaten werden die GAFA-TABs im Kern ihrer Geschäftsmodelle weltweit aus SmartCities & connected SmartRegions angegriffen!

    5G wird bidirektionale Dialog-Echtzeit ermöglichen – und die IP-Kabelstränge zu den Datacentern werden zu lang ….

    Intelligenz im Kopf, im Internetportal, im Antennenmast und im Endgerät werden interagieren und kollaborieren!

    Public Open Innovation ist machbar!

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