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Fünf Tipps und Tools von Faktencheckerin Karolin Schwarz, die zeigen, wie man Fake-News im Netz erkennt

Fakten-Checkerin Karolin Schwarz
Fakten-Checkerin Karolin Schwarz

Der Skandal um Ex-Spiegel-Reporter Claas Relotius machte erneut deutlich, wie wichtig gründliche Faktenchecks. Karolin Schwarz ist freie Journalistin und Faktencheckerin - beispielsweise für den Faktenfinder der ARD – und Gründerin von Hoaxmap, ein Portal, auf dem Falschmeldungen u.a. über Geflüchtete zusammengetragen werden. Mit MEEDIA spracht sie über die Praxis des Factchecking im Journalismus und gibt nützliche Tool-Tipps.

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Von Marina Friedt

Die Bandbreite der Aufgabenbereiche im Journalismus ist ja sehr breit gefächert. Was war Dein persönlicher Auslöser, Dich ausgerechnet mit der Aufgabe Verifikation zu beschäftigen? Gab es ein Erlebnis, nach dem du gesagt hast, das ist mein Weg, da muss ich jetzt ran?
Karolin Schwarz: Das war tatsächlich mein Weg in den Journalismus. Über Verifikation bin ich eingestiegen. Ich hatte Hoaxmap schon gegründet, als ich noch nicht Journalistin war. Damals arbeitete ich noch bei der Leipziger Volkszeitung als Community-Managerin und bin dann dadurch eingestiegen. Ich glaube, dass das Thema Verifikation immer wichtiger wird, weil relativ viele Falschmeldungen im Netz kursieren. Einige sind ziemlich unbedeutend, aber es wird immer wichtiger, Videos, Bilder und Sonstiges in sozialen Medien zu verifizieren, die wir ja auch tagtäglich für die Berichterstattung nutzen.

Was war dein einfachster Fall?
Das sind Fake-Bilder, die sich über eine einfache Bilder-Rückwärtssuche (s.Tool-Tipp 1 am Ende des Interviews) identifizieren lassen. Beispielsweise dieses Bild von Angela Merkel, die angeblich irgendwelchen Kinderbräuten zur Kinderehe gratuliert. Und per Google-Bilderrückwärtssuche stellt man fest, dass die jungen Frauen in einem türkischen Flüchtlingslager Angela Merkel, die dorthin geflogen war, begrüßt haben.

…und dein schwierigster Fall?
Die schwierigste Geschichte für die Verifikationsexperten in Deutschland war vor nicht allzu langer Zeit wohl dieses Chemnitz-Video, Stichwort „Hase bleib hier“. Da haben wir alle, Faktencheck- und Verifikationsleute in Deutschland, dran gesessen. Mein persönlich skurrilstes „Highlight” war aber ein Video aus dem Bundestagswahlkampf letztes Jahr, in dem 20 schwarze Menschen in langer, weißer Kleidung an einer Straßenbahnhaltestelle zu sehen sind. Sie wurden dann als Beweis für die Islamisierung herangeführt. Da mussten wir erst mal gucken, wie finden wir heraus, was das in dem Video eigentlich für Menschen sind. Wir haben dann über Umwege und viele Telefonate herausgefunden, dass es sich nicht mal um Muslime handelt, sondern um eritreische Christen auf dem Weg zurück von der Taufe. Das war ein bisschen anspruchsvoller, weil man eben gucken musste, wo fragt man eigentlich nach.

Hast Du auch schon mal eine Rechercheaufgabe nicht lösen können?
Im Prinzip ist es tatsächlich so, dass man immer mal irgendwelche Bilder und Videos sieht, die man nachprüfen will und dann einfach nicht so richtig kann. Das kann auch einfach Zeitmangel sein und man kann einfach nicht alles überprüfen, sondern muss priorisieren. Es gibt natürlich Videos, die man immer mal wieder findet, auf denen nicht so richtig zu sehen ist, was jetzt stattgefunden haben könnte, weil es keine markanten Gebäude oder sonstige Hinweise gibt. Es gibt so ein Video von einem jungen Mann, der behauptet, er sei afghanischer Flüchtling und einen anderen jungen Mann angreift. Das Video wurde in sozialen Medien genutzt, um Stimmung gegen Flüchtlinge in Deutschland zu machen. Man kann an diesem Video nichts verifizieren. Was aber dann letztlich funktioniert hat, war, dass die Polizei den Ermittlungsstand dazu wiedergegeben hat und gesagt hat, sie habe den Fall aufgenommen. Bei dem mutmaßlichen Täter handele es sich nicht um einen afghanischen Flüchtling, sondern um einen italienischen Staatsbürger. Da hört es dann auf, weil das Video im Dunkeln aufgenommen wurde und weil man sonst nichts weiter sieht, außer diesen jungen Mann, der etwas sagt und jemand anderen angreift. Da scheitert man dann irgendwann mit Verifikationstools.

Wie lange arbeitest Du an so einer Verifikation?
Das reicht von fünf Sekunden bis zu einer Woche, weil man immer mal wieder versucht, neue Dinge zu finden. Es ist völlig unterschiedlich. Bei Bildern geht es manchmal schneller als bei Videos, aber es kommt wirklich immer darauf an, ob eine Bilder-Rückwärtssuche schon irgendwie die ersten Ergebnisse liefert oder ob man sich dann nochmal reinfuchsen muss und dann auch noch Leute fragen muss, die sich vor Ort auskennen oder sich sonst irgend etwas einfallen lassen, um an die Informationen zu kommen.

Welche Tipps und Tricks habt Ihr im Seminar vermittelt und trainiert?
Wir haben gezeigt, welche Methoden diejenigen nutzen, die Fakes in die Welt setzen. Neben manipulierten Bildern gibt es da eine ganze Reihe von Methoden. Zum Beispiel Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen oder erfunden werden oder Dokumente, die gleich komplett gefälscht werden. Verschiedene Verifikationstechniken und Best Practices aus dem Factchecking standen natürlich ebenso auf dem Seminarplan. Die Teilnehmenden haben erfahren, wie der Schatten eines Gebäudes auf einem Foto dabei hilft, zu verifizieren, wann es aufgenommen wurde. Es ist außerdem wichtig, einschätzen zu können, wann man überhaupt tätig wird. Es gibt eine Vielzahl von Fakes, die täglich die Runde machen. Aber nicht alle davon erreichen ein großes Publikum. Daher haben wir auch über verschiedene Tools wie Crowdtangle und Tweetdeck gesprochen, die dabei helfen können, zu entscheiden, ob man einer Meldung nachgehen sollte oder nicht.

Welche Bewertungssysteme nutzt die Branche selbst, um eine qualifizierte Abstufung von Wahrheitsgehalten zu machen?
Faktenchecker bewerten nicht immer nur nach dem binären Schwarz-Weiß-Prinzip. Einige Seiten verzichten sogar vollständig auf eine Bewertung. Die meisten anderen arbeiten mit Abstufungen. So lässt sich abbilden, ob eine Meldung leicht manipuliert oder frei erfunden wurde. Wurde zum Beispiel eine Zahl oder ein Zitat aus dem Zusammenhang gerissen und in einen wahren Bericht eingebettet, wird das anders bewertet, als eine Lüge. Wir haben da zuletzt auch neue Entwicklungen gesehen: Das Faktencheck-Team von der Washington Post hat eine neue Bewertung entwickelt, den unerschöpflichen Pinocchio. Der kommt nur zum Einsatz, wenn eine Behauptung mit einer hohen Bewertung versehen und anschließend dennoch mehr als 20 Mal wiederholt wurde. Trump hat bereits 14 solcher Statements abgegeben.

Glaubst Du, dass beispielsweise Künstliche Intelligenz (KI) zukünftig stärker bei der Aufdeckung von Fake News unterstützen kann, die somit einfacher und schneller im Netz gekennzeichnet werden können?
Es gibt verschiedene Versuche, das zu machen, die sind bisher alle relativ schwierig – letztlich, weil beispielsweise ganz viele Artikel oder Postings in sozialen Medien einen leicht satirischen Unterton haben und mit einer sehr bestimmten Sprache arbeiten. Es gibt natürlich Codes, die bestimmte politische Richtungen nutzen, die man erst einmal identifizieren muss und die sich alle paar Monate oder Wochen ändern. Das sind alles Faktoren, die wichtig sind und soweit ist die Technologie noch nicht. Ich glaube, im Bereich Bilder und Fakes ist sie schon so weit und wir könnten sie eigentlich viel mehr nutzen, besonders Social-Media-Plattformen. Warum sie das nicht tun, kann ich nicht sagen. Aber zumindest wird KI uns viel besser unterstützen können, vermeintliche Fakes zu finden, die dann trotzdem erstmal noch von Menschen bearbeitet werden müssen. Das ist, glaube ich, der nächste Schritt, der getan wird.

Zum Fall Relotius: Welche Factchecking-Tools oder Regularieren gar Systeme hätten dieses Fehlverhalten frühzeitig stoppen oder ganz verhindern können?
Im Grunde trennt man zwischen dem hausinternen redaktionellen Factchecking und dem Debunking, also der Überprüfung von Meldungen aus dem Netz oder Politikerstatements. Der Spiegel hat für solche Zwecke eine interne Dokumentationsabteilung. Auch dort wird in nächster Zeit sicherlich weiter an Arbeitsprozessen gearbeitet. Schaut man sich die Aufarbeitung des Spiegels zu einzelnen Artikeln an, hätten einige Ungereimtheiten sicherlich früher auffallen können und müssen. Letztlich werden solche Fälle aber immer wieder auftauchen, wenn auch vielleicht nicht in der Schwere. Um das in Zukunft frühzeitig zu erkennen, sollten Hinweise auf Ungereimtheiten von Lesenden ernst genommen werden. Das fällt nicht immer leicht und unter vielen Pauschalangriffen oder unbegründeten Unmutsbekundungen gibt es immer wieder konstruktive Hinweise. Und schließlich darf sich die Kontrolle eines abgegebenen Beitrags nicht nur auf sprachliche Korrekturen beschränken, sondern es müssen auch die Fakten geprüft werden.

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Bist Du eher optimistisch, was die Zukunft angeht, oder zunehmend frustriert, wenn du dir Nachrichten in den sozialen Medien anschaust?
Teils, teils tatsächlich. Ich glaube schon, dass nicht alles schlimm ist und es irgendwie besser werden kann, als es jetzt gerade ist. Dass es aber auch ganz viele Menschen und Stellen gibt, die eine Verantwortung haben, dass es irgendwie gut werden kann und das ist nicht nur der Journalismus und Factchecking. Das ist digitale Zivilcourage, Menschen, die andere Menschen darauf hinweisen, dass sie da gerade eine Falschmeldung verbreiten. Es ist auch die Politik, es ist die Bildung, die Plattformbetreiber, ganz viele verschiedene Stellen, die sich deutlich stärker einbringen müssten, als sie es jetzt tun – aber es ist nicht alles verloren.

Die wichtigsten Tools für Faktchecking-Einsteiger, empfohlen von Karolin Schwarz:

Tool 1:
Bilderrückwärtssuche mit Google und Yandex. Einfach im Suchfenster von Images auf Kamera-Icon drücken und dann entweder die Bild-URL einfügen oder das Bild hochladen, auf Bildersuche klicken und los geht’s. Die vergleichenden Bilder zeigen, wie die Original-Fotos aussahen und offenbaren damit Fakes. Auch sehr hilfreich gegen Bilderklau, um zu überprüfen, wo eigene Fotos veröffentlicht wurden.

Tool 2:
Um Fake-News und Fake-Videos aufzudecken, hat die Hilfsorganisation Amnesty International einen kostenlosen “YouTube DataViewer” entwickelt. Einfach in der Web-App den Link zum gewünschten Video einfügen und schon erscheinen alle Metadaten, die öffentlich verfügbar sind. Darunter unter anderem die YouTube-ID, das Upload-Datum samt Uhrzeit und die Video-Thumbnails (Miniaturbilder) sind nützlich, um Videos auf Echtheit zu überprüfen.

Tool 3:
Account Analysis von Luca Hammer dient zur Überprüfung des Nutzungsverhaltens einzelner Twitter-User. Einfach mit dem eigenen Twitteraccount anfangen und schauen, an welchen Wochentagen, zu welcher Zeit oder zu welchen Themen man am meisten auf Twitter aktiv ist.

Tool 4:
Erweiterte Suche/Suchoperatoren bei Twitter, beispielsweise um weitere Tweets zu einem angeblichen Vorfall zu finden, um herauszufinden, wann die ersten Tweets zu dem Ereignis getwittert wurden. Die Suchmaske erlaubt, einzelne Wörter, ganze Sätze oder Hashtags zu suchen.

Tool 5:
Karten mit Satellitenansicht wie Googlemaps oder Bing Maps View und für osteuropäische Länder Yandex Panorama  helfen bei der Verifikation des Ortes. Zudem mit Streetview beispielsweise zur Überprüfung von markanten Objekten (Straßenschilder, Straßenmarkierungen, Geschäfte), die auf Videos und Fotos zu sehen sind, zu nutzen. Zusätzlich dient Sonnenverlauf (sonnenverlauf.de) anhand von Schattenspielen zur Überprüfung der tatsächlichen Uhrzeit vor Ort.

Über Karolin Schwarz:

Zusammen mit Eoghan Sweeny (www.osintessentials.com) arbeitete sie bereits im Bundestagswahlkampf 2017 bei Correctiv (correctiv.org). Gemeinsam mit Luca Hammer vermittelten sie den Digital-Journalism-Fellowship-Studierenden an der Hamburg Media School in einem mehrtägigen Workshop digitale Tricks und Tipps zum Thema Verifikation.

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