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Die Work-Life-Balance-Lüge: Studie widerlegt Vorteile flexibler Arbeitszeitmodelle

Home-Office: Wer Zuhause arbeitet, arbeitet im Durchschnitt länger als die Kollegen im Büro
Home-Office: Wer Zuhause arbeitet, arbeitet im Durchschnitt länger als die Kollegen im Büro

Es ist eigentlich ein No-Brainer: Wer seine Work-Life-Balance verbessern will, sucht einen Job mit flexiblen Arbeitszeiten. Doch eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss: Mehr Freizeit durch flexible Arbeitszeiten gibt es nicht. Vor allem Männer sind betroffen – und Mütter indirekt doppelt belastet.

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So hat eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung ergeben, dass Männer und Frauen mit Kindern flexible Arbeitszeitmodelle unterschiedlich nutzen. Dabei muss unterschieden werden zwischen Arbeit im Home-Office zu eigentlich regulären Arbeitszeiten sowie selbstbestimmte Arbeitszeiten. Grundlage der Studie waren Interviews mit 30.000 Eltern in Deutschland über einen Zeitraum von 13 Jahren.

Demnach verwenden Mütter im Homeoffice pro Woche drei Stunden mehr Betreuungszeit für die Kinder als Mütter, die nicht von Zuhause arbeiten. Zudem machen sie eine zusätzliche Überstunde im Job. Bei Vätern sieht es anders aus: Sie machen im Homeoffice zwei Überstunden pro Woche als Väter ohne Home-Office. Allerdings nehmen sie sich nicht mehr Zeit für die Kinderbetreuung. Sie wenden die gleiche Zeit für die Kinderbetreuung auf wie die männlichen Kollegen im Büro.

Doppelbelastung für Mütter

Noch mehr zusätzliche Überstunden, nämlich wöchentlich vier, machen Väter, die völlig frei über ihre Arbeitszeiten entscheiden können. Bezahlt wird davon nur ein relativ kleiner Teil, die sichtbare Präsenz dürfte sich aber positiv auf Karrierechancen auswirken, vermutet die Wissenschaftlerin.

Um die Kinder kümmern sich Väter mit derartiger „Vertrauensarbeitszeit“ hingegen sogar geringfügig weniger lang als Männer mit Kindern und festen Arbeitszeiten. Haben Mütter selbstbestimmte Arbeitszeiten, widmen sie der Erwerbsarbeit wöchentlich eine knappe Stunde mehr als Mütter mit festen Arbeitsstunden. In die Zeit mit Kindern fließen bei ihnen anderthalb Stunden zusätzlich.

Weniger Freizeit durch flexible Arbeitszeit

Die Erwartungen, dass durch mehr Flexibilität zusätzliche Erholungszeit – etwa für mehr Schlaf, individuell gestaltete Freizeit oder Sport – zur Verfügung steht, gilt für Beschäftigte mit flexible Arbeitszeiten und Kindern generell nicht. Grundsätzlich führen flexible Modelle bei beiden Geschlechtern im Schnitt vielmehr zu längeren Arbeitszeiten. Bei Männern sei dieser Effekt deutlicher ausgeprägt als bei Frauen. Da aber Letztere gleichzeitig mehr Zeit für die Kinder aufwenden, sind sie so häufig doppelt belastet. Der Abstand bei den Zeiten, die Mütter und Väter jeweils mit Erwerbstätigkeit und mit Kinderbetreuung verbringen, wächst mit der Flexibilität der Arbeit.

Für Dr. Yvonne Lott, Gender- und Arbeitszeitforscherin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Stiftung, hat flexibles Arbeiten, das eigentlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern soll, auch seine Schattenseite. Die Autorin der Studie warnt: “Arbeitsflexibilität trägt dazu bei, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren, kann aber gleichzeitig die klassische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen festigen oder sogar verstärken.” Die Doppelbelastung für Frauen durch Arbeit und Betreuung von Kindern sei für Männer vernachlässigbar, fügte Lott hinzu.

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Die Niederlande machen’s besser

Die EU-Elternzeitrichtlinie von 2010, die 2012 in Kraft getreten ist, verpflichtet die Mitgliedstaaten, entsprechende Gesetze umzusetzen, die es Eltern ermöglichen, Änderungen ihres Arbeitsverhaltens zu beantragen, wenn sie nach der Geburt eines Kindes aus der Elternzeit an den Arbeitsplatz zurückkehren. Der “OECD Better Life Index” hingegen offenbart, dass im weltweiten Vergleich vielerorts noch Nachbesserungsbedarf besteht. So haben beispielsweise Arbeitnehmer in der Türkei die längsten Arbeitszeiten. Jeder Achte arbeitet hier mehr als 50 Stunden pro Woche. Die Niederlande hingegen können die beste Bilanz vorweisen: Nur 0,5 Prozent der Beschäftigten arbeiten hier mehr als 50 Stunden pro Woche.

In den USA gibt es wiederum keine nationale Rechtssprechung für bezahlten Elternurlaub. Nach Angaben der OECD arbeitet mehr als jeder zehnte Amerikaner routinemäßig über 50 Stunden pro Woche. Laut einer Umfrage unter 1.000 amerikanischen Arbeitern wären zwei Drittel bereit, eine Gehaltskürzung für mehr Flexibilität und kürzere Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen. Die gleiche Umfrage ergab, dass drei Viertel der Millennials  Arbeitsflexibilität als Schlüsselfaktor bei der Bewertung potenzieller Arbeitgeber sieht.

Maßnahmen für Politik und Arbeitgeber

Die deutsche Politik dürften von den neuesten Umfrageergebnissen überrascht sein. Zuletzt sprach sich die SPD öffentlich für ein Recht auf Heimarbeit aus. Um die Gleichzustellung trotzdem zu fördern, gäbe es laut Lott eine Reihe anderer politischer Maßnahmen: So könnte die Zahl der Partner-Monate beim Elterngeld von zwei auf sechs erhöht werden. Auf diese Weise würde Anreize für Väter geschaffen, sich stärker in der Kinderbetreuung zu arrangieren. Hinzukommen sollte ein Recht auf Familienarbeitszeit, das Männern die Teilzeitarbeit schmackhaft macht.

Auch der Arbeitgeber ist gefragt, um Beschäftigten in privat besonders belastenden Phasen mehr Luft verschaffen. Führungskräfte sollten überkommene Rollenbilder und die Vorstellung infrage stellen, lange Präsenz im Betrieb sei gleichbedeutend mit hoher Motivation. Dafür könnten Unternehmen Schulungen anbieten. Schließlich sollten klarere Regeln für Homeoffice und selbstbestimmte Arbeitszeiten geschaffen werden, um Selbstausbeutung zu verhindern, rät Lott.

Da, wo völlig autonom oder zu Hause gearbeitet wird, kann auch eine Zeiterfassung helfen, die Überstunden begrenzt. In Betrieben mit Betriebsrat könnten die Arbeitervertreter dazu Regeln aushandeln, die für alle gelten.

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